Ukraine-Krieg Die Folgen für Banken, Kunden und die Finanzsysteme

Bankentürme und Bürohochhäuser im Frankfurter Bankenviertel
Bankentürme und Bürohochhäuser im Frankfurter Bankenviertel
© IMAGO / Ralph Peters
Wegen des russischen Einmarsches in die Ukraine ist Russland vom Zahlungssystem Swift ausgeschlossen. Finanzhäuser stellen nun auch ihre Geschäftspraxis und Anlagestrategien auf den Prüfstand

Wie wirkt sich der Ukraine-Krieg auf das Finanzsystem aus? 

Der Krieg in der Ukraine macht sich besonders auf dem Finanzmarkt westlicher Länder bemerkbar. Der Ausschluss aus dem internationalen Banken-Zahlungssystem Swift zwingt Geldhäuser in der Europäischen Union und den USA Transaktionen einzustellen und fortlaufend zu überprüfen. Darüber hinaus seien die unmittelbaren Folgen für die meisten Banken jedoch begrenzt, sagt Banken-Experte Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. Die Bedeutung Russlands sei in der Weltwirtschaft eher gering: „Russland ist ein Scheinriese, hinter einem starken Militär und Rohstoffexporten steckt nicht so viel an wirtschaftlicher Substanz.“

Auch Wolfgang Barth, Professor für Marketing und Vertrieb an der Hochschule für Finanzwirtschaft & Management der Sparkassen-Finanzgruppe, hält die Effekte für überschaubar: „Es gibt keine unmittelbaren Auswirkungen auf das Privatkundengeschäft, außer in Einzelfällen, Bankinsolvenzen russischer Institute fallen in der EU unter die Einlagensicherung.“

Durch den Swift-Ausschluss profitieren könnten allerdings Fintechs. „Durch den Ausschluss einzelner russischer Banken aus Swift werden neue Geschäftsfelder eröffnet und die weniger regulierten Fintechs werden in diese Lücke stoßen”, sagt Wirtschaftswissenschaftler Jan Riepe von der Universität Tübingen.

Ändert sich die Geschäftspraxis westlicher Banken?

Experten rechnen damit, dass der Krieg die Geschäftspraxis vieler Banken verändern wird. Denn seit der Invasion in der Ukraine diskutieren Politik und Öffentlichkeit auch über das Für und Wider von Investitionen in russische Unternehmen. Riepe wertet das als „große Chance, die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Banken in der öffentlichen Wahrnehmung zu verankern und anhand öffentlichen Drucks weiter zu verbessern”.

Burghof geht außerdem „fest davon aus, dass im internationalen Geschäft aktive Großbanken” eigene, neue Taskforces aufbauen werden, um die Sanktionen der Europäischen Union umzusetzen. Die Sparkasse Köln-Bonn etwa habe „eine zentrale Task-Force eingerichtet, welche die Umsetzung der EU-Sanktionen koordiniert und begleitet", so ein Sprecher. Auch die ING Bank teilte auf Anfrage mit, dass zwei Taskforces neu gegründet worden seien, um die Sanktionen umzusetzen. 

Welche Anlagestrategie werden Finanzhäuser künftig fahren? 

Der Handel mit russischen Wertpapieren war für ausländische Banken bisher nicht möglich. Erst seit Anfang April können wieder russische Wertpapiere gehandelt werden. Experten gehen aber davon aus, dass ausländische Investoren ihr Geld eher abziehen. Das dürfte auch für Banken gelten. Die Moskauer Börse sei „kein echter Markt und kein nachhaltiges Modell, was die Isolation Russlands vom globalen Finanzsystem nur noch unterstreicht“, hatte der stellvertretende nationale US-Sicherheitsberater Daleep Singh vergangene Woche gesagt.

Im Gegensatz zu einigen Fintechs, die offensiv auf neue Geschäftsfelder wie Krypto setzen dürften, werden Banken ihre Anlagestrategie daher kaum ändern, glaubt Finanz-Experte Riepe. Dafür sei die Anlageklasse der Kryptowährungen noch zu volatil und unsicher. Die Sparkasse Köln-Bonn betonte, dass man weiterhin auf Aktien setzen will, da diese „ein wichtiger Baustein bleiben, um der Inflation zu begegnen”.

Die ING verweist auf ihren Partner und Online-Broker Scalable, der in seinen Portfolios ein „in allen Strategien geringes" Russland-Exposure besitze. Indexanbieter wie MSCI, in deren ETFs man über Scalable investieren kann, orientierten sich hierbei an der Marktkapitalisierung, die in Russland im internationalen Vergleich eher gering ist. Im hauseigenen ING-Fonds sehe es ähnlich aus: So betrage der in Russland investierte Anteil in den ING-World-Funds „maximal“ 0,01 Prozent, schreibt die ING auf ihrer Webseite. Ein aktiver Ausschluss russischer Wertpapiere aus den Fonds sei zunächst nicht vorgesehen, da diese „verschiedene Kapitalmärkte langfristig“ abbilden sollen.

Was, wenn Russland doch pleitegeht? 

Da Russland international nur relativ schwach verschuldet ist, könnten die Märkte einen russischen Zahlungsausfall gut verkraften, glaubt Riepe. „Dies wurde auch bei den lange offenen Zinszahlungen auf russische Anleihen im Verlauf des März immer wieder deutlich.” Viel problematischer sind laut Riepe die Rohstoffmärkte, denn gerade der Mangel an seltenen Rohstoffen könne auch nicht-russische und „eigentlich gesunde Unternehmen schnell in die Zahlungsunfähigkeit“ treiben. Damit der Kapitalmarkt frühzeitig reagieren könne, sollten Unternehmen am besten proaktiv über solche Abhängigkeiten berichten. „Nichts mögen Investoren weniger als böse Überraschungen", so Riepe. 


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