Tata-DealThyssenkrupp vor der Zerreißprobe

Mit Masken von Konzernchef Hiesinger protestierten die Stahlarbeiter gegen den geplanten Zusammenschluss
Mit Masken von Konzernchef Hiesinger protestierten die Stahlarbeiter gegen den geplanten ZusammenschlussGetty Images

Nach der großen Kundgebung verrät ein achtlos weggeworfenes Stück Pappe, was die Arbeiter von dem Plan halten, die europäischen Stahlsparten von Thyssenkrupp und Tata zu fusionieren: „Doof“ hat jemand mit schwarzem Filzstift auf eine Pappmaske geschrieben, die das Gesicht von Thyssenkrupp-CEO Heinrich Hiesinger zeigt. Gewerkschafter hatten solche Masken bei der IG-Metall-Demo in Bochum verteilt, zu der am Freitag rund 7000 Stahlkocher gekommen sind.

Es war nicht anders zu erwarten – die Absichtserklärung, die Hiesinger und Tata-Chairman Natarajan Chandrasekaran diese Woche unterzeichnet haben, sieht schließlich den Abbau von bis zu 4000 Jobs bis zum Jahr 2020 vor. Nach dieser ersten Integrationsphase kommt jeder einzelne Standort auf den Prüfstand – oder, wie es offiziell heißt: das „Produktionsnetzwerk“ für „das gesamte Joint Venture“ solle „überprüft“ werden. „Nach 2020 ist Tabula Rasa angekündigt“, übersetzt es Detlef Wetzel, der für die IG Metall im Aufsichtsrat von Thyssenkrupp Steel Europe sitzt. „Wir sind nach wie vor gegen diesen Deal.“

Dieser Deal ist Hiesingers Versuch eines Befreiungsschlags. Seit Jahren verfolgt der ehemalige Siemens-Manager die Strategie, Thyssenkrupp zu einem, wie es im Konzernsprech heißt, „diversifizierten Industriekonzern“ zu machen. Will heißen: Mehr Geld verdienen mit Autoteilen, Aufzügen, Anlagen und U-Booten – und gleichzeitig die Abhängigkeit vom traditionsreichen, aber schwankungsanfälligen Stahlgeschäft verringern.

Starke Nummer zwei hinter Arcelor Mittal

Mehr als anderthalb Jahre haben Tata und Thyssenkrupp die Möglichkeit eines Zusammenschlusses sondiert. Nun sehen sie die Bedingungen erfüllt: Thyssenkrupp hat jüngst sein verlustreiches Stahlwerk in Brasilien endlich verkauft, Tata seine hohen Pensionslasten in einen Fonds ausgegliedert. Beide Seiten haben, so sagt es Hiesinger, ihre Hausaufgaben gemacht; nun könnten sie von alten Lasten befreit in die Ehe gehen. Wichtigste Ziele der Fusion: eine Konsolidierung des europäischen Stahlmarkts und der Abbau von Überkapazitäten, die die Preise drücken.

Wie genau letzteres vonstattengehen soll, ist so eindeutig nicht. Natürlich könnte das angestrebte Joint Venture namens Thyssenkrupp Tata Steel eigene Werke schließen; jenseits davon hätte die Fusion auf die Überkapazitäten in Europa keinen Einfluss.

Es ist wohl eher so, dass man sich in einem Preiskampf auf dem europäischen Stahlmarkt als starke Nummer zwei hinter Arcelor Mittal bessere Überlebenschancen ausrechnet – dass man also noch steht, wenn andere untergehen. Zu diesem Zweck sollen Synergien gehoben werden: Thyssenkrupp und Tata hoffen auf Einsparungen von bis zu 600 Mio. Euro pro Jahr. Zu erreichen etwa über einen gemeinsamen Einkauf – aber eben auch dadurch, dass in einer gemeinsamen Verwaltung Arbeitsplätze wegfallen. Auch Jobs in der Produktion sollen abgebaut werden.

Widerstand gegen Standort der Holding

In Bochum ist die Stahlarbeiter-Kundgebung vorbei. Hinter der Bühne sitzen Gewerkschafter und Betriebsräte unter einem Pavillon an Biergartengarnituren und trinken Kaffee aus Pappbechern. Die Stimmung ist gedrückt, aber kämpferisch.

„Ich bin sicher, dass wir noch mehr öffentliche Auseinandersetzungen haben werden“, sagt der stellvertretende Stahl-Aufsichtsratsvorsitzende Detlef Wetzel. Die Mitbestimmung habe viele Fragen: Wie werthaltig sind die Werke in Großbritannien, die Tata einbringt? Wird der britische Pensionsfonds Nachforderungen stellen? Wie sieht es mit den Schulden aus? Thyssenkrupp hat bereits angekündigt, dem Gemeinschaftsunternehmen 4 Mrd. Euro Schulden mitgeben zu wollen, davon rund 3,6 Mrd. Euro Pensionsverpflichtungen. Verbindlichkeiten von Tata würden noch dazukommen, sagt Wetzel. „Kann ein Unternehmen mit dieser Schuldenlast existieren?“

Auch gegen den geplanten Standort der neuen Holding wehren sich die Arbeitnehmer. Sie soll in Amsterdam sitzen – nach Hiesingers Darstellung, weil Tata in Großbritannien, Thyssenkrupp in Deutschland stark ist. Deswegen sei ein neutraler Ort gewählt worden, der keine Seite als Verlierer aussehen lasse. Das nimmt Wetzel ihm nicht ab: „Nein, es geht um Steuer- und Mitbestimmungsflucht.“ Nach offizieller Verlautbarung soll die starke deutsche Montanmitbestimmung zwar auch in dem Joint Venture erhalten bleiben, doch die Metaller sind skeptisch, wie viel auf dieses Versprechen zu geben ist.

Wetzel weist auch der Landespolitik eine Verantwortung zu: „Wenn die Holding in die Niederlande geht, haben wir das auch Laschet und Pinkwart zu verdanken.“ Schließlich hätten sich der Ministerpräsident und der Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen unterstützend zu den Plänen der Konzernspitze geäußert.

Arbeitnehmerseite stellt Bedingungen

Neben Wetzel sitzt Konzernbetriebsratschef Willi Segerath, Mitglied im Thyssenkrupp-Aufsichtsrat, der bis Anfang 2018 über die Fusionspläne abstimmen wird. Damit die Arbeitnehmerseite zustimmen könnten sagt er, müssten Standorte und Arbeitsplätze garantiert werden – und das Joint Venture brauche „eine gute finanzielle Ausstattung, die auch Investitionen ermöglicht“. Kaum vorstellbar, dass die Konzernführung bereit ist, solche Zugeständnisse zu machen. Droht eine Blockade?

Im paritätisch besetzten Kontrollgremium könnte Aufsichtsratschef Ulrich Lehner ein Patt zwar überwinden, wenn er von seinem doppelten Stimmrecht Gebrauch macht. Doch auch auf der Kapitalseite soll Großaktionär Cevian Vorbehalte gegen Hiesingers Pläne haben – weil sie ihm nicht radikal genug seien. Angeblich bevorzugt die schwedische Investmentgesellschaft einen Stahl-Börsengang oder gar eine Zerschlagung des gesamten Konzerns. In den vergangenen Tagen wurde deshalb vielfach spekuliert, Arbeitnehmer und Cevian-Vertreter Jens Tischendorf könnten sich zusammentun, um Hiesinger scheitern zu lassen.

Dem erteilt Segerath nun eine – zögerliche – Absage. „Wir haben Cevian studiert. Cevian hat immer nur versucht, seinen Profit zu maximieren. Wir werden kein vergiftetes Geschenk von denen annehmen. Wenn wir mal zufällig einer Meinung sind, wird uns das nicht verleiten, mit denen gemeinsame Sache zu machen.“

Was genau das heißen soll, bleibt unklar. Eindeutig ist Segerath dagegen in seiner Ablehnung der Fusionspläne in ihrer heutigen Form: „Hiesinger stellt sein Modell als alternativlos dar. Das ist eine Argumentation, der ich intellektuell nicht folgen kann.“