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Finanz-Sanktionen Wann geht Russland pleite?

Eine russische Flagge weht auf dem Gebäude der Zentralbank in Moskau
Eine russische Flagge weht auf dem Gebäude der Zentralbank in Moskau
© IMAGO / ITAR-TASS
Russland steuert auf seine zweite Staatspleite zu. Doch so lange Geld für Gas und Öl aus dem Westen fließt, bekommt Putin weiter finanzielle Mittel. Und wird im Zweifel einfach neues Geld drucken, sagen Experten

Die Uhr tickt: Binnen weniger Tage, am 16. März, muss Russland Zinszahlungen für Staatsanleihen in Höhe von mehr als 100 Mio. Dollar überweisen. Laut dem Nachrichtendienst Bloomberg läuft am 4. April außerdem eine weitere Anleihe über 2 Mrd. Dollar aus.

Wenn Russland nicht zahlt, können Ratingagenturen nach 30 Tagen Frist die Zahlungsunfähigkeit des Landes offiziell ausrufen. Laut der Ratingagentur Fitch steht ein solcher Default „unmittelbar“ bevor.

Auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW, Marcel Fratzscher, hält eine Staatschuldenpleite Russlands für „sehr wahrscheinlich“. Aufgrund der westlichen Sanktionen bestehe ein Risiko, dass Russland seine Schulden bei internationalen Gläubigern nicht bediene. Carmen Reinhart, Chefvolkswirtin der Weltbank, sagte gegenüber Reuters, dass sie Russland angesichts der massiven Sanktionen kurz vor der Zahlungsunfähigkeit sehe.

Russland könnte Geld nachdrucken

Es gibt aber auch Stimmen, die die Lage als weniger drastisch einschätzen. Christian Proaño, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bamberg, geht beispielsweise davon aus, dass Russland einen Staatsbankrott „in den nächsten drei bis sechs Monaten nicht erleben wird“.

Überhaupt müsse unterschieden werden, ob es Verbindlichkeiten in der eigenen Währung oder in einer Fremdwährung wie Euro oder Dollar seien. „Solange ein Staat sein eigenes Geld drucken kann, kann er nicht bankrott gehen“, sagt Proaño. Im Zweifelsfall würde Russland nämlich einfach mehr und mehr Rubel drucken. Dies würde allerdings bedeuten, dass es langfristig zu einer sehr hohen Inflation käme und die Kaufkraft extrem schrumpfen würde. Schon jetzt liegt die Teuerungsrate in Russland bei rund neun Prozent.

Die Kredit-Ratingagenturen S&P oder Moody’s sagen ebenfalls, dass die Hauptursache für das große Ausfall-Risiko keine Geldnot sei, sondern vielmehr die Folgen der internationalen Sanktionen. Denn die russische Zentralbank verfügt zwar über mehr als 600 Mrd. US-Dollar, doch das Geld ist teilweise eingefroren. Die EU, USA und andere Länder haben der Notenbank untersagt, auf die in den Ländern lagernden Devisenreserven zuzugreifen. Ihr Handlungsspielraum ist daher eng. Selbst wenn Russland also seine Schulden bedienen wollte, ist unklar, ob das überhaupt möglich wäre.

Springt China ein?

Allerdings hat Russland Geld in China gebunkert. „Zwar sind ein Teil der Reserven eingefroren, aber Russland hat noch Zugang zu Währungsreserven, die sich in Drittstaaten wie in China befinden“, sagt Proaño. Seiner Einschätzung nach könnte Russland selbst dann noch für drei bis sechs Monate Zahlungen leisten, wenn alle Kapitaleinflüsse eingefroren würden. Und Peking sei durchaus in der Lage, Moskau einen Kredit zu geben: „China steht hinter Russland.“

Während viele Experten den Ausschluss aus dem bankeninternen Zahlungssystem Swift für drastisch halten, findet Proaño das nicht. „Swift betrifft nur sieben russische Banken. Der russische Staat kann aber über Fonds aus Drittstaaten weiterhin Geschäfte machen“, erklärt Proaño. Es gäbe „tausende Investmentfonds“, die dazu in der Lage seien.

Bei vielen weckt die derzeitige Lage Erinnerungen an 1998. Damals ging Russland das erste Mal bankrott. Die gegenwärtige Situation sei mit der von 1998 aber „nur bedingt vergleichbar“, sagt Volkswirt Proaño. Damals war Russland stark überschuldet. Das Land war deshalb auf kurzfristige Kredite angewiesen, um den Zahlungsverpflichtungen überhaupt nachkommen zu können.

Derzeit hat Russland ein deutlich ausgeglicheneres Haushaltssaldo und eine sehr niedrige Staatsschuldenquote, denn Einnahmen aus Öl- und Gasexporten fließen weiter. Zudem sei Russland laut Proaño „viel weniger auf kurzfristige Kredite als damals“ angewiesen und könnte im Notfall auf die Unterstützung Chinas zurückgreifen. „Solange kein Öl- und Gasembargo von Seiten der EU verhängt wird, werden die Staatsfinanzen an deren Hauptlebensader angeschlossen sein.“

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