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Nord Stream 1 So hart trifft Russland der Stopp der Gasexporte

Russlands Präsident Wladimir Putin
Russlands Präsident Wladimir Putin
© IMAGO / SNA
Von Russland kommt kein Gas mehr nach Deutschland und Europa. Doch damit fallen dem Land auch Einnahmen weg. Wie sehr trifft Russland der Stopp der Gasexporte?

Es ist so weit, Russland dreht Deutschland den Gashahn zu. Russlands Staatskonzern Gazprom hatte zuletzt die ohnehin stark gedrosselten Gaslieferungen über Nord Stream 1 ganz eingestellt – mit Verweis auf technische Probleme, die angeblich aufgrund der Sanktionen nicht zu beheben seien.

Die Gaslieferungen würden erst wieder aufgenommen, wenn „der kollektive Westen“ gegen Russland verhängte Sanktionen aufhebt, hieß es aus dem Kreml. Jetzt macht Moskau selbst, was manche zu Beginn des Krieges von Deutschland gefordert hatten: den Gasfluss von Ost nach West zu stoppen. Aber schadet sich Russland damit nicht auch massiv selbst?

Europa befindet sich in einem Energiekrieg mit Russland, das ist nicht mehr zu leugnen. Und dieser ist allem Anschein nach keine spontane Entscheidung Moskaus, sondern von langer Hand geplant. Bereits fünf Monate vor der Invasion warnte die Internationale Energieagentur (IEA) bereits vor auffällig niedrigen Speicherständen in Europa und einem Rückgang des Gasflusses aus Russland.

Seit Beginn des Angriffs auf die Ukraine am 24. Februar hält dieser Trend an: Während der ersten sieben Monate 2022 lieferte Russland 40 Prozent weniger Gas durch Pipelines nach Europa im Vergleich zum selben Zeitraum 2021. Und es waren fast 50 Prozent weniger als in den Jahren 2017 bis 2021. Mitte Juli wurde sogar so wenig Gas in die Europäische Union und nach Großbritannien gepumpt, wie seit 40 Jahren nicht mehr. Zuvor hatte Russland etwa ein Drittel des Bedarfs an Pipeline-Gas in Europa gedeckt.

Schwer betroffen von der Entwicklung ist Deutschland, nach China eigentlich größter Importeur von russischem Gas. Vor der Krise kamen bis zu 55 Prozent der deutschen Gaseinfuhren und 14 Prozent der gesamten Energieeinfuhren aus Russland. Bereits Ende Juli hatte Russland die Lieferung durch Nord Stream 1 nach Deutschland mit Verweis auf eine defekte Turbine deutlich zurückgefahren. Nun ist der Hahn komplett zu. Deutschland stellt sich auf einen harten Winter ein. Die Gaspreise steigen, es drohen Versorgungsengpässe. Das Problem: Gas gilt als vergleichsweise schwieriger zu ersetzen als Kohle und Öl.

Umgekehrt hängt aber auch Russland stark von seinen Exporten fossiler Brennstoffe und Erdöl-Produkte ab: So stieg der Anteil der Öl- und Gasindustrie am Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal des Jahres auf fast 22 Prozent von zuvor im Schnitt rund 17 Prozent im Vorjahr. Die Steuereinnahmen und Ausfuhrzölle aus dem Öl- und Gasgeschäft bestreiten rund 40 Prozent des Staatshaushaltes.

Gas-Exporte nicht entscheidend bei Exporterlösen

Doch Pipeline-Gas nach Europa macht nur einen vergleichsweise kleinen Teil von Russlands Exporteinnahmen aus. Im vergangenen Jahr lag der Anteil bei etwa einem Zehntel der Exporterlöse, wie aus Zahlen der russischen Zentralbank hervorgeht, über welche die Nachrichtenagentur Reuters berichtete. Richtig viel Geld macht Russland hingegen mit dem Export von Rohöl und Rohöl-Produkten. Diese brachten 2021 dreimal so viel ein wie Pipeline-Gas. Mit 180 Milliarden Dollar war Öl also für ein Drittel aller Exporterlöse verantwortlich.

Dennoch sollte Russland der Wegfall selbst eines Teils der Einnahmen aus dem Pipeline-Gas-Geschäft doch schmerzen? Immerhin beliefen diese sich bereits im vergangenen Jahr insgesamt auf rund 54 Milliarden Dollar. Hohe Energiepreise verändern diese Rechnung in diesem Jahr jedoch kolossal. Aufgrund der stark gestiegenen Preise verdiente Russland in den ersten sechs Monaten des Krieges gegen die Ukraine bereits rund 158 Milliarden Euro mit den Ausfuhren fossiler Energieträger, schrieb die in Finnland ansässige Forschungsorganisation Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht.

Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, hatte bereits Mitte Juli auf diese für Russland günstige Entwicklung hingewiesen: „Russland hat die derzeitige Energiekrise bereits ausgenutzt, um enorme zusätzliche Geldsummen einzunehmen.“ Birol warnte damals, dass Russland die Einnahmen aus den Gas-Pipelines daher sausen lassen könnte, um sie gegen ein politisches Druckmittel einzutauschen. So wie es jetzt offenbar geschieht.

Wie lange kann das für Russland gutgehen? Das weiß bisher niemand so genau. Deutschland jedenfalls strebt an, zukünftig weitgehend auf russisches Gas zu verzichten. Bis Sommer 2024 soll dessen Anteil an den Gasimporten auf zehn Prozent sinken. Bereits Ende Juni lag dieser nur noch bei 26 Prozent.

Tatsache ist auch, dass es für Russland nicht leicht sein dürfte, sein Gas künftig an andere Kunden zu verkaufen. Denn der Großteil des Rohstoffs wird bisher über Pipelines nach Europa exportiert, nur ein geringer Anteil über Flüssiggasterminals verschifft. Es gibt zwar die „Power-of-Siberia-1“-Pipeline aus Russland nach China, die ist allerdings nur an kleinere Gasfelder im Osten Russlands angeschlossen. Um China an die gewaltigen Jamal-Gasfelder im Nordwesten Sibiriens anzuschließen, aus denen Europa versorgt wird, bräuchte es eine eigene Pipeline, die bisher nicht existiert.

Es könnte zudem aus einem anderem Grund ungemütlich werden für Russland. Bisher kann sich das Land den Gas-Stopp nach Deutschland vor allem aufgrund der immer noch sprudelnden Öleinnahmen leisten. Doch die G7-Staaten planen einen internationalen Preisdeckel für russisches Öl. Im Kern will man Russland dazu zwingen, den Brennstoff künftig für einen deutlich niedrigeren Preis an große Abnehmer wie Indien zu verkaufen. Russland könnte dadurch nicht mehr von Preisanstiegen profitieren. Die Finanzierung des Krieges würde schwieriger - und auch die Energiewaffe Gas droht dann kostspieliger zu werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf ntv.de.

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