KolumneSchlechter Startplatz im Rennen um den grünen Stahl

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Klöckner & Co. prescht mal wieder vor. Der Duisburger Stahlhändler hat sich in den letzten Jahren als Innovationsführer in der Branche positioniert und behält jetzt auch beim Rennen um grünen Stahl die Nase vorn. Schon ab 2025 will Klöckner-Chef Guido Kerkhoff pro Jahr 250.000 Tonnen des begehrten Metalls an seine Kunden in der Autoindustrie und an andere Fabriken liefern, wie das Unternehmen letzte Woche in Berlin verkündete. Der klimaneutrale Stahl kommt allerdings nicht aus den Hochöfen von Thyssenkrupp, Salzgitter oder anderen deutschen Werken, sondern aus Schweden. Klöckner kooperiert mit dem neuen Anbieter H2 Green Steel (H2GS), der 110 Kilometer südlich des Polarkreises in Lulea eine völlig neue Anlage aus dem Boden stampft.

In Deutschland reden viele über grünen Stahl, Wirtschaft wie Politik. Aber das Rennen in Europa dürften Schweden und Norweger machen. H2GS ist keineswegs der einzige Anbieter, der bereits in die Zielgerade einläuft. So beliefert SSAB, Schwedens größer Flachstahlhersteller, ab 2026 klimaneutralen Stahl an den deutschen Autokonzern Daimler. Und internationale Investoren pumpen derzeit viel Geld in einen schnellen Ausbau der Kapazitäten im hohen Norden Europas.

Der Grund ist einfach: Für grünen Stahl braucht man jede Menge Wasserstoff, der sich kaum mit Windenergie produzieren lässt, wie es die Pläne der deutschen Konzerne vorsehen. Die Skandinavier nutzen stattdessen ihre üppigen Reserven an Wasserkraft, um den notwendigen Strom für die Herstellung von Wasserstoff zu erzeugen. Langfristig verschafft das den Schweden und Norwegern einen großen Vorsprung. In Kombination mit neuen Stahlwerken, die von vorne herein auf Wasserstoff statt Kokskohle ausgelegt sind, wird aus dem Vorsprung ein praktisch unschlagbarer Wettbewerbsvorteil.

Die deutsche Diskussion über grünen Stahl leidet unter einer stark verengten nationalen Perspektive. Durch staatliche Milliardenhilfen sollen die bestehenden Stahlkonzerne fit gemacht werden, für die CO2-freie Produktionslandschaft der Zukunft. Doch selbst mit der vorgesehenen Unterstützung ist es keineswegs sicher, dass Thyssenkrupp, Salzgitter und Co. danach wirklich wettbewerbsfähig sein werden. Möglicherweise schaffen wir durch unser Steuergeld Konzerne, die auf Dauer nur mit Subventionen und hohen Marktbarrieren überleben können.

SSAB galt einmal als möglicher Partner für eine Fusion mit Thyssenkrupp. Zu tieferen Verhandlungen ist es aber offenbar nicht gekommen. Wenn man die europäische Stahlindustrie von der klimaneutralen Produktion der Zukunft her denkt, machen derartige Zusammenschlüsse heute noch weniger Sinn als vor einigen Jahren. Der Zug ist abgefahren. Die nach wie vor dringend notwendige Konsolidierung der Branche kommt nicht über größere Einheiten, die Synergien realisieren, sondern über neue Technologien, die eine Neuordnung erzwingen. Für die deutschen Hersteller könnte sich das in den nächsten Jahren als bittere Botschaft erweisen.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.