Kolumne Die große Stunde der Großhändler

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Klöckner, Brenntag, Glencore: Wer mit Stahl, Chemikalien oder Rohstoffen handelt, macht in diesen Monaten Gewinne wie noch nie

Der Stahlhändler Klöckner & Co. meldet den höchsten Quartalsgewinn seit 2006, als das Unternehmen an die Börse ging. Der Chemikalienhändler Brenntag, gerade erst in die Dax-40-Riege aufgerückt, gibt ein Umsatz- und Gewinnplus von 30 Prozent bekannt. Und die Schweizer Glencore PLC, weltweit die Nummer eins im Rohstoffhandel, berichtet sogar über einen Sprung von fast 80 Prozent beim Betriebsergebnis. Überall auf der Welt schlägt gegenwärtig die große Stunde des Großhandels.

In erster Linie profitieren die Konzerne von den gestiegenen Preisen der Hersteller: So kostete Kupfer, ein Ertragsbringer von Glencore, in der ersten Hälfte dieses Jahres durchschnittlich 65 Prozent mehr als 2020. Die Stahlpreise verdoppelten sich seit Jahresbeginn, bevor sie zuletzt wieder ein wenig nachgaben. Und die Industrie sucht viele Chemikalien so händeringend, dass die Hersteller wie BASF oder Covestro kräftig zulangen konnten. Das alles spiegelt sich in den Quartalsberichten der Hersteller genauso wider wie bei den Großhändlern.

Klöckner, Brenntag und Co. geben die höheren Preise aber nicht einfach an ihre Kunden weiter, sie können offensichtlich zusätzliche Preisaufschläge durchsetzen. Der Grund dafür sind die weltweiten Lieferkettenprobleme, die zu einer großen Verunsicherung bei allen Abnehmern führen. Sie verhandeln deshalb mit den Großhändlern weniger über Preise als über sichere Liefertermine. Brenntag-Chef Christian Kohlpaitner bringt das auf einen treffenden Begriff: „Die Verfügbarkeit des Produkts dominiert das tägliche Gespräch mit dem Kunden.“

Sonderfaktoren werden für die Großhändler bald wieder entfallen

Wer vor einem Jahr an der Börse auf die Aktien von Großhändlern wie Klöckner setzte, kann sich über gute Kursgewinne freuen. Das gleiche gilt mehr oder weniger für die Aktien der Stahl-, Bergbau- und Chemiekonzerne. Die große Frage ist, ob dieser Gleichschritt auch so weitergeht. Beim Stahl sieht man bereits die Zeichen der Preisberuhigung. Und viele Analysten rechnen damit, dass sich auch die Rohstoff- und Chemikalienpreise im nächsten Jahr im Durchschnitt eher verhaltener entwickeln werden – von einzigen Ausnahmen etwa bei besonders begehrten Metallen abgesehen. Für die Produzenten beginnt Ende nächsten Jahres möglicherweise bereits wieder der Abschwung im ewigen Zyklus ihrer besonders zyklischen Industrien. Auch für die Großhändler entfallen, wenn diese Prognosen eintreffenden, die bisherigen Sonderfaktoren für ihre Gewinnrechnung.

Nach den Erfahrungen der letzten Jahre kann man jedoch erwarten, dass die Großhändler besser durch den Zyklus kommen als ihre Lieferanten. Während der Corona-Krise haben sie sich in der Regel besser geschlagen. Das gilt vor allem für diejenigen unter ihnen wie Klöckner, die sich durch die konsequente Digitalisierung ihres Geschäftsmodells noch flexibler aufgestellt haben als ohnehin schon in der Vergangenheit.

Anleger sollten deshalb überlegen, ob sie nicht lieber auf Brenntag, Klöckner und Co. setzen als auf BASF, Covestro und Co. Auf jeden Fall dürfte die Lage Ende nächstens Jahres schon wieder ganz anders aussehen als jetzt. Also Wiedervorlage dieser These im November 2022.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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