VG-Wort Pixel

Öl-Embargo und Preisdeckel So funktionieren die Öl-Sanktionen gegen Russland

Öl-Raffinierie
Seit dem 5. Dezember gilt ein teilweises Einfuhrverbot für russisches Öl und ein Preisdeckel
© Bloomberg
Seit heute gelten neue Sanktionen gegen Russland. Die EU und die G7 haben sich auf einen Preisdeckel und ein teilweises Einfuhr-Embargo für russisches Öl geeinigt. Das sind die wichtigsten Punkte der Öl-Sanktionen

Nach monatelangen Planungen und Verhandlungen tritt am Montag die bisher größte Tranche von Sanktionen gegen russisches Öl in Kraft. Wie groß die Auswirkungen sein werden, bleibt indes ungewiss.

Die G7-Staaten haben sich in letzter Minute darauf geeinigt, den Preis für russisches Rohöl auf 60 Dollar pro Barrel zu begrenzen. Jeder, der wichtige Dienstleistungen der G7-Gruppe in Anspruch nehmen will – insbesondere Schiffs- oder Transport-Versicherungen –, wird diesen Preis oder weniger zahlen müssen. Das Gleiche gilt für europäische Tanker, insbesondere für die riesige griechische Schiffsflotte.

Es gibt jedoch noch viele unbeantwortete Fragen, die die Auswirkungen der Maßnahmen auf den Ölmarkt bestimmen werden. Dazu gehören die Tiefe der außereuropäischen Versicherungsmärkte, den Wunsch einiger Tankereigner, sich dennoch am Handel mit Russland zu beteiligen, und die Frage, wie wirksam die Durchsetzung der Obergrenze bzw. der Ölpreisdeckel sein kann. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wer verhängt welche Sanktionen?

Ab Montag wird die Europäische Union die Einfuhr von in Russland produziertem und auf dem Seeweg transportiertem Rohöl verbieten. Eine Ausnahme gilt für Bulgarien, das im Rahmen von Verträgen, die vor dem 4. Juni 2022 geschlossen wurden, bis Ende 2024 weiterhin russisches Rohöl auf dem Seeweg einführen darf.

Pipelinelieferungen sind nicht betroffen, allerdings haben Deutschland und Polen vereinbart, diese Einfuhren bis Ende 2022 einzustellen.

Großbritannien und die EU verhängen außerdem ein Verbot von Seeverkehrsdienstleistungen für den Transport von russischem Öl – auch in Drittländer. Die Liste der verbotenen Dienstleistungen umfasst Versicherungen, Maklerdienste und vor allem die in der EU ansässige Tankerflotte, einschließlich der griechischen und zyprischen Schiffe. Diese Beschränkungen gelten nicht, wenn das Öl zum oder unter dem gedeckelten Preis gekauft wird.

Wie wirkt die globale Obergrenze?

Wenn Rohöl zu oder unter 60 US-Dollar gehandelt wird, gewähren die an dem Preisdeckel beteiligten Länder, zu denen die Gruppe der G7-Staaten, die Europäische Union und Australien gehören, Zugang zu wichtigen Dienstleistungen.

Es gilt eine Preisobergrenze für Rohöl aus ganz Russland. Der Preis von 60 Dollar liegt etwa 10 Dollar über dem Preis für die Schlüsselsorte Ural, die von den westlichen Häfen des Landes verschifft wird, aber unter dem Preis für ESPO, das in Kosmino in Asien auf Tankschiffe verladen wird. Diese Sorte liegt nach Angaben von Argus Media bei über 70 Dollar.

Der Höchstpreis ist der Wert, zu dem das Rohöl auf ein Schiff verladen wird. Er beinhaltet nicht die Kosten für den Transport und die Rechtskosten. Er gilt ab dem Zeitpunkt, an dem die Ladung auf ein Schiff verladen wird und bis sie in einem neuen Land durch den Zoll geht. Sobald das Öl raffiniert wurde, fällt es nicht mehr unter die Obergrenze. Wird es jedoch mit einer anderen Rohölsorte gemischt, gilt es weiterhin. Die Obergrenze wird regelmäßig überprüft.

Wie wird die Versicherung für Schiffe funktionieren?

Traditionell werden Schiffe gegen Katastrophen wie Ölverschmutzungen durch eine in London ansässige Organisation namens International Group of P&I Clubs versichert. Die IG, wie sie genannt wird, verwendet ein Rückversicherungsprogramm, das stark von der EU abhängt, was bedeutet, dass ihre Dienste nur zulässig sind, wenn Öl unter der Obergrenze verschifft wird.

Es gibt jedoch einige Alternativen. Die russische Ingosstrakh Insurance war im Oktober der führende russische Versicherer für P&I-Versicherungen und könnte eine Option sein. Bisher hat das Unternehmen jedoch nicht signalisiert, ob es die Lücke im Versicherungsmarkt rasch füllen wird. Und die Reichweite des russischen Versicherungsmarktes ist im Vergleich zu den traditionellen Märkten gering.

Der stellvertretende russische Verkehrsminister sagte vergangene Woche, chinesische Behörden würden russische Versicherungen noch nicht anerkennen, Indien und die Türkei hingegen schon. Ein indischer Raffineriebetreiber hatte zuvor erklärt, Russland versichere seine Rohöltransporte.

Wie reagiert Russland?

Russland betont, dass es kein Öl an Länder verkaufen wird, die sich an der Preisobergrenze beteiligen. Der stellvertretende Ministerpräsident Alexander Nowak sagte letzte Woche, der Plan könne zu erheblichen Risiken für die Rohstoffmärkte führen, einschließlich Versorgungslücken.

Außenminister Sergej Lawrow erklärte jedoch am Donnerstag, dass Russland weiterhin „direkt“ mit seinen Partnern über die Preisgestaltung für Rohölverkäufe verhandeln werde, wobei er darauf hinwies, dass es „immer ein Element des Interessenausgleichs“ gebe, auch bei den Preisen. Dies lässt Russland die Möglichkeit, Verkäufe unterhalb der Obergrenze zu tätigen und gleichzeitig zu behaupten, diese sei irrelevant.

Die Länder, an die Russland derzeit verkauft, haben die Obergrenze nicht anerkannt. Die USA und ihre Verbündeten hoffen aber, dass sie sie als Druckmittel einsetzen werden, um Preisnachlässe zu erzielen. Zahlreiche Länder importieren weiterhin Öl aus Russland über die größte europäische Pipeline Druschba. Und täglich werden bis zu 1,5 Millionen Barrel Öl aus Kasachstan von einem Terminal in der Nähe des russischen Hafens Noworossijsk verschifft. Diese sind nicht verboten.

Unklar ist, was Russland tun kann oder will, um Unternehmen zu bestrafen, die sich an die Obergrenze halten. Ein Vorgehen gegen diese Unternehmen könnte Moskaus Interessen schaden.

Wer transportiert Öl?

Es ist eine wachsende Schattenflotte von Öltankern unterwegs, die russisches Rohöl transportieren. Ob diese Flotte groß genug sein wird, um langfristig die volle Exportrate aufrechtzuerhalten, ist noch unklar

Eine wachsende Zahl von Schiffen ist auf unbekannte Eigner registriert, und die Abwrackung alter Tanker ist fast zum Stillstand gekommen. Dennoch hat das wachsende Risiko, russisches Öl zu transportieren, die Einnahmen der Tanker für Ladungen, die nach dem 5. Dezember verladen werden, in die Höhe schnellen lassen. Das hat sich bereits auf den Ural-Rohölpreis ausgewirkt.

Seit dem Ausbruch des Krieges verkaufen eine ganze Reihe neuer Händler russisches Öl an Käufer in Asien, da sich die traditionellen Unternehmen zurückgezogen haben. Dazu gehören Unternehmen wie Coral Energy, Wellbred und Montfort. Unternehmen, die von Dubai aus handeln und keine Verbindungen zur EU haben, fallen nicht unter die Sanktionen der EU, müssen aber trotzdem wichtige Dienstleistungen wie Versicherungen und Finanzierungen in Anspruch nehmen.

Was ist von den Sanktionen ausgenommen?

Die Preisobergrenze soll nur für russische Öllieferungen auf dem Seeweg gelten – Lieferungen über die wichtige Druschba-Pipeline nach Europa sind weiterhin erlaubt. Außerdem gibt es eine Ausnahmeregelung für die kasachische Rohölmischung CPC, die von einem russischen Hafen aus exportiert wird. In weiteren Gesprächen könnten jedoch einige Änderungen an den Regeln vorgenommen werden.

Für Bulgarien gilt eine Ausnahmeregelung, die es dem Land erlaubt, aufgrund seiner „besonderen geografischen Lage“ weiterhin Rohöl zu importieren, wie es im sechsten Sanktionspaket der EU heißt. Außerdem erhielt Japan eine Ausnahmeregelung für Öl, das im Rahmen des Sachalin-2-Projekts gefördert wird und für Japan bestimmt ist.

Großbritannien, das auf die EU-Entscheidung gewartet hat, verfügt über eine Ausnahmeregelung für Umweltkatastrophen, die die Beseitigung von Ölverschmutzungen ermöglichen würde. Die EU wird diesem Beispiel wahrscheinlich folgen. Dies geschah, nachdem die Türkei erklärt hatte, dass sie aufgrund des Risikos von Umweltschäden strengere Versicherungsprüfungen plant.

Mitarbeit: Dylan Griffiths, Kari Lundgren und Alberto Nardelli.

© 2022 Bloomberg L.P.

Mehr zum Thema

Neueste Artikel