Déjà-vu PR-Prosa à la Bayer

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Konzern-PR ist zu guten Nachrichten verdammt – egal, wie die Lage wirklich ist. Jüngstes Beispiel: Bayers Verkauf der Sparte Tiergesundheit

Ein ehrlicher Satz hätte sich in etwa so angehört: „Wir brauchen dringend Geld, um die Milliardenschulden aus dem Kauf von Monsanto abzubauen.“ Natürlich findet er sich Ende August nirgends in der Pressemitteilung der Bayer AG zum Verkauf der Sparte Tiergesundheit. Stattdessen lesen wir wohldosierte Worte von Vorstandschef Werner Baumann: „Diese Transaktion stärkt unseren Fokus als ein führendes Life-Science-Unternehmen.“ Ah. Nur warum gehören Kühe und Schweine plötzlich nicht mehr zur Wissenschaft vom Leben?

Noch vor gut zwei Jahren galt bei Bayer eine ganz andere Lesart als heute. In einem Brief an die Aktionäre betonte Baumann damals: „Trotz der hohen Investitionen in den Erwerb von Monsanto treiben wir das organische Wachstum in den Bereichen Pharmaceuticals, Consumer Health und Animal Health unverändert weiter voran.“ Und im Bayer-Geschäftsbericht fand sich noch ein unmissverständlicher Satz zur Sparte Tiergesundheit: „Unsere zentralen Forschungsaktivitäten werden über die Life-Sciences-Plattform mit der Pharma-Forschung sowie in enger Kooperation mit Crop Science durchgeführt.“ Alles integriert also.

Die neue Capital - ab dem 19. September im Handel
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Tatsächlich gibt es viele Synergien und Schnittstellen zwischen der Forschung für Tier und Mensch. Dazu überlappen sich in der Landwirtschaft die Kundenkreise der Bayer-Sparten Pflanzenschutz und Tiergesundheit. Weitere Zusammenarbeit wäre also sinnvoll gewesen.

In der PR-Prosa der deutschen Konzerne aber sind die wahren Zusammenhänge sehr oft verpönt. Seit jeher gilt die eiserne Regel, alles ins Positive zu drehen. Wann immer sich die Unternehmen von Teilen ihres Geschäfts trennen, taucht deshalb der Wechselbalg „Fokus“ auf. Mit dem Wiesel-Wort kann man alles und nichts begründen. Nehmen wir etwa an, Bayer würde sich wieder von Monsanto trennen. Wäre das nicht eine wunderbare „Fokussierung“ auf den Pharmabereich? Und natürlich könnte man danach große Teile eben dieses Pharmabereichs mit dem Argument verkaufen, man fokussiere sich nun auf die Behandlung einiger weniger Krankheiten.

„Weitere Portfoliomaßnahmen“

Einige Konzerne fokussieren sich sogar so lange, bis von ihnen immer weniger übrig ist. Man denke nur an Siemens, wo sich der Umsatz mit der Ausgliederung der Kraftwerkssparte fast halbiert. Oder an den Lichtkonzern Osram, der einen Geschäftsbereich nach dem anderen mit dem Argument verkauft, man wolle sich auf Hightech fokussieren. Ob ein Konzern nach all der Fokussierung wirklich besser dasteht als vorher, entscheidet sich jedoch erst nach vielen Jahren, wenn die meisten Aktionäre die Begründungen längst vergessen haben. Und die Vorstände ihre Pensionen verzehren.

Im Fall von Bayer ist es sicher sinnvoll, den Schuldenberg schnell abzubauen. Baumann braucht das Geld, um in den USA den teuren Glyphosat-Vergleich zu finanzieren. Die Börse honoriert daher den Verkauf der Sparte Tiergesundheit genauso wie den vorangegangenen Verkauf von Teilen des Konsumentengeschäfts. Der gebeutelte Aktienkurs steigt allmählich wieder. Und wartet auf das, was Baumann „weitere Portfoliomaßnahmen“ nennt – ein fast so unvergängliches Wort der PR-Prosa wie „Fokus“.

Bernd Ziesemer war Chefredakteur des „Handelsblatt“. In der Kolumne „Déjà-vu“ greift er jeden Monat Strategien, Probleme und Pläne von Unternehmen auf – und durchleuchtet sie bis in die Vergangenheit.


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