KolumneNur die Heuschrecken können Thyssenkrupp noch retten

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Offiziell wälzt Martina Merz, wie sie zuletzt auf der Hauptversammlung von Thyssenkrupp verkündete, noch drei verschiedene Pläne für den angeschlagenen Konzern hin und her. In Wahrheit aber bleibt der Übergangschefin realistischer Weise nur noch eine einzige Option: Sie muss die profitable Aufzugssparte schnell an einen Finanzinvestor abstoßen.

Die beiden Alternativen Börsengang oder Verkauf an den Konkurrenten Kone sind angesichts der bedrohlichen Entwicklungen der letzten Wochen zu gefährlich. Bei einem Deal mit dem Wettbewerber müsste sich Thyssenkrupp auf jahrelange Prüfungen durch die Wettbewerbsbehörden in aller Welt einstellen. Und bei einem IPO kann man nicht vorhersagen, wie hoch der Markt die Aufzugssparte bewertet. Der Essener Konzern aber braucht viel Geld – und das vor allem sofort.

Thyssenkrupp hat keinen Spielraum mehr

Die Eigenkapitalquote von Thyssenkrupp liegt nur noch bei 5,4 Prozent – so niedrig wie noch nie in der langen Geschichte des Traditionsunternehmens. Der Konzern sitzt auf einem Schuldenberg von 7,1 Mrd. Euro und verbrennt jeden Monat weiteres Kapital. Für das abgelaufene Quartal meldet Thyssenkrupp gerade einen Verlust von 372 Mio. Euro. In dieser Lage gibt es keinen Spielraum mehr für lange Überlegungen oder weitere Fehler wie in der Vergangenheit.

Merz muss schnell Geld zur Entschuldung des Konzerns hereinbringen – und zugleich eisern sparen. Offenbar geht es jetzt auch wirklich an das Eingemachte bei Thyssenkrupp. So trennt sich der Konzern von seinem Grobblechwerk in Duisburg-Hüttenheim. Falls sich nicht doch noch ein Käufer findet bis Ende Juni, will Merz das seit über 100 Jahren bestehende Traditionswerk sogar schließen. Sie wirft damit den Betriebsräten des Stahlbereichs den Fehdehandschuh hin. Zwar geht es nur um 800 Stellen und Merz verspricht sogar Ersatzarbeitsplätze – aber für die seit jeher besonders kämpferischen IG-Metaller gleichen die Pläne der Chefin einem Sakrileg.

Größere Teile der Belegschaft und des Managements leben immer noch in einer Traumwelt. Das galt offenbar auch für den bisherigen Stahlchef Premal Desai, der nach nur wenigen Monaten Amtszeit bereits wieder gefeuert wurde. Als früherer Strategiechef des Gesamtkonzerns und Finanzvorstand der Stahlsparte war der joviale Inder an allen möglichen schönen Plänen in den letzten zehn Jahren beteiligt, die am Ende nur ein Ergebnis brachten: Es ging immer weiter bergab mit Thyssenkrupp.

Zu viele irreale Hoffnungsprojekte

Zuletzt wollte sich Desai eine Art Blankocheck ausstellen lassen: Die erhofften Milliarden aus dem Verkauf der Aufzugssparte sollten breitflächig in die Stahlsparte fließen und dort weitere Schnitte erst einmal unnötig machen. Merz beharrt jedoch darauf, dass beim Stahl erst aufgeräumt wird, bevor man vorsichtig investiert. Nichts wäre fataler, als das Rettungsgeld schnell zu verbraten für alle möglichen Stahlprojekte.

Natürlich reicht es nicht, den Konzern zu entschulden. Investitionen in gewaltiger Höhe müssen her, wenn der künftige Kern des Unternehmens – der Stahl – global wieder wettbewerbsfähig und wenigstens ein Stück weniger konjunkturabhängig werden soll. Aber Merz hat offenbar richtig erkannt, dass es in der Vergangenheit bei Thyssenkrupp immer wieder viel zu viele irreale Hoffnungsprojekte gab. Wer erinnert sich noch an den Traum vom integrierten Technologiekonzern oder die wahnwitzige Idee, Thyssenkrupp mit einem Milliardenaufwand in zwei Konzerne zu teilen? All diese schönen Pläne wirken inzwischen wie Fieberträume aus einer fernen Vergangenheit – dabei sind sie gerade einmal ein paar Jahre oder sogar nur Monate alt.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.