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Gasleitung Das ewige Nord-Stream-Monster

Blick auf Rohre für die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 im Fährhafen Sassnitz Mukran (Landkreis Vorpommern Rügen). Die Pipeline sollte einmal eine jährliche Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern haben und damit rund 26 Millionen Haushalte versorgen.
Blick auf Rohre für die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 im Fährhafen Sassnitz Mukran (Landkreis Vorpommern Rügen). Die Pipeline sollte einmal eine jährliche Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern haben und damit rund 26 Millionen Haushalte versorgen.
© IMAGO / BildFunkMV
Nord Stream 2 öffnen, und schon ist die Energiekrise beendet? Klingt einfach, und wird schon lange von ganz rechts und links gefordert. Dabei übersehen die Fürsprecher zwei zentrale Probleme

In der Fernsehserie „Stranger Things“ wird in jeder Staffel mit äußerstem Aufwand ein Monster besiegt, das sich zuvor in einer mehr oder weniger heilen amerikanischen Kleinstadtwelt ausgebreitet hat. Doch der Zuschauer weiß am Ende immer: Das Unwesen wird zurückkommen, es wird sich leicht verändern, aber am Ende doch eine ähnliche Gestalt haben. 

Genau so ist es mit Nord Stream 2, jener Gas-Pipeline, die mit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine endgültig ad acta gelegt schien. Es ist ein Projekt, das so viele Skandale mitbringt, dass es einem nicht in den Kopf will, wie diese Röhre überhaupt jemals in der deutschen Debatte eine ernsthafte Rolle spielen konnte: Geplant von Russland mit dem Ziel, die Ukraine energietechnisch zu isolieren. Angeschoben von einem Ex-Bundeskanzler, der im zweiten Leben sein Geld in russischen Staatskonzernen verdiente. Gefördert von einer zwielichtigen Umwelt-Stiftung in Mecklenburg-Vorpommern, deren Ziel so ziemlich alles war außer dem Schutz der Umwelt. Und vorangetrieben von Wladimir Putin und seinem Kreis aus Geschäftsfreunden, also jenen Leuten, die nun einen Angriffskrieg mitten in Europa führen und Schulen und Kindergärten beschießen lassen. 

Man könnte meinen, dass ein solches Monster erledigt ist. Und doch mehren sich in Deutschland wieder die Stimmen, die dafür plädieren, Nord Stream 2 nun doch noch in Betrieb zu nehmen. Natürlich ist der erwähnte Ex-Kanzler und heutige Kreml-Lobbyist darunter. Und selbstverständlich ist auch die AfD mit an Bord, die keine Gelegenheit auslässt, ihre Moskau-Treue unter Beweis zu stellen, was mit Patriotismus ungefähr so viel zu tun hat wie die Ankündigung, deutsche Staatsbürger in Anatolien zu entsorgen. 

Hinzu kommen nun die üblichen Verdächtigen aus den anderen Parteien: der Linken-Politiker Klaus Ernst etwa, dem es gelungen ist, sich als Vorsitzender des Energieausschusses im Deutschen Bundestag eine vorgeblich wirtschaftsnahe Sprecher-Rolle zu verschaffen. Und – ganz aktuell – der FDP-Vizevorsitzende Wolfgang Kubicki, der einfach behauptet, es gebe „keinen vernünftigen Grund, Nord Stream 2 nicht zu öffnen“.

Keine relevanten zusätzlichen Gasmengen

Der Grund, den Kubicki und andere nennen: Nur Nord Stream 2 eröffne die Möglichkeit, die Gasversorgung aus Russland wieder anzukurbeln und die Speicher für den Winter zu füllen. Für eine solche Behauptung kann es nur zwei Erklärungen geben: Die erste wäre, dass derjenige, der sie aufstellt, die grundsätzliche Funktion der Nord Stream-Pipelines immer noch nicht verstanden hat. Die beiden Gasleitungen von der russischen Ostseeküste nach Deutschland hatten nie die Funktion, zusätzliche Gasmengen nach Westeuropa zu transportieren, sie sind an die gleichen sibirischen Gasfelder angebunden, die auch die seit Jahrzehnten existierenden Leitungen durch die Ukraine und Belarus bedienen. Nord Stream war immer nur eine abweichende Lieferroute, ein Weg also, die Ukraine und Polen zu umgehen. In der derzeitigen Lage wird die Forderung nach Öffnung von Nord Stream 2 sogar noch absurder als zuvor: Dass aktuell so wenig Erdgas nach Deutschland kommt, liegt ja nicht an fehlenden Lieferwegen, sondern schlicht und einfach daran, dass Putin mehr nicht liefern möchte

Die zweite Erklärung ist auf den ersten Blick sinnvoller, weil scheinbar realpolitischer: Möglicherweise, so deuten die Nord-Stream-2-Fans an, freut sich der Kreml ja so sehr über den Start der Pipeline, dass er die Gashähne wieder aufdreht. Vielleicht, wenn wir ganz lieb Bitte sagen? Das aber ist nicht nur zynisch, sondern ebenso kurz gedacht. Wenn die Bundesregierung in diesem Spiel nachgäbe, würde sie eindrucksvoll unter Beweis stellen, wie sehr sie sich erpressen lässt, wie sehr sie bereit wäre, strategische Interessen Russlands zu unterstützen, wenn es ihr in ihrer energiepolitischen Zwangslage nur irgendwie weiterhelfen könnte. 

Putin aber, ein Erpresser und Mafioso, wie kein Serienautor ihn erfinden könnte, hätte überhaupt keinen Grund, auf Deutschland zuzugehen. Er würde erfreut zur Kenntnis nehmen, wie weit sein Einfluss reicht und die nächste Forderung stellen: Wie wäre es, wenn die Wirtschaftssanktionen zurückgefahren würden? Könnten nicht die Waffenlieferungen an die Ukraine aufhören? Und was ist eigentlich mit der Krim? Erfahrene Erpresser machen immer weiter, wenn sie einmal Erfolg gehabt haben. 

All dies liegt auf der Hand, es ist so offensichtlich, dass man meinen sollte, Nord Stream wäre ein für alle Mal am Ende. Und doch wissen wir: Auch in der nächsten Staffel dieser gespenstischen Serie wird die Pipeline wieder herumspuken. 

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