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Sabotage? Gaskrieg auf hoher See: Rätsel um die Nord-Stream-Lecks

Eine Luftaufnahme der dänischen Streitkräfte zeigt, wie sich ein Leck auf der Ostsee bemerkbar macht
Eine Luftaufnahme der dänischen Streitkräfte zeigt, wie sich ein Leck auf der Ostsee bemerkbar macht
© picture alliance / TT NYHETSBYR?N | Danska Forsvaret
Gleich an drei von vier Röhren der russischen Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 sind massive Schäden aufgetreten. Sicherheitsbehörden vermuten gezielte Sabotage. Auch der Zeitpunkt könnte kein Zufall sein

Russlands Krieg gegen die Ukraine hatte gerade begonnen, die Bundesregierung die Genehmigung für die neue Gaspipeline Nord Stream 2 gestoppt, da machten sich Experten Sorgen über die Sicherheit der beiden Röhren auf dem Meeresboden der Ostsee. Die Pipeline war bereits mit Gas befüllt und stand unter hohem Druck, fast 110 Bar. „Was daraus wird? Keine Ahnung“, sagte damals der Chef eines an dem Pipelineprojekt beteiligten Konzerns.

Auch wer die Verkehrssicherungspflichten für die Röhren übernehme, sei völlig unklar. Die Eigentümerin Nord Stream 2 AG jedenfalls nicht mehr, die Gazprom-Tochter mit Sitz in Zug in der Schweiz war schon direkt nach Kriegsbeginn handlungsunfähig. Unter dem Druck westlicher Sanktionen kappten Geschäftspartner alle Kontakte – etwa auch die Sicherheitsfirma, die die Anlandestation der Pipeline in Lubmin bewachte.

Seither wurde, befeuert von russischer Propaganda, viel über das Schicksal des mehr als 8 Mrd. Euro teuren Projekts diskutiert – umso mehr, je weniger Gas Russland durch die schon bestehende Nord-Stream-1-Leitung schickte. Um mögliche Sicherheitsprobleme ging es dabei allerdings bisher nicht – bis an diesem Montag bekannt wurde, dass es in einer der beiden 1230 Kilometer langen Röhren von Ust-Luga nach Lubmin zu einem massiven Druckabfall gekommen ist. Wie die dänischen Behörden meldeten, gibt es ein Leck in der mit mehr als 170.000 Millionen Kubikmetern Gas befüllten Leitung südöstlich der Insel Bornholm, wo seit der Nacht zu Montag Gasblasen aus dem Meer blubbern, wie Luftaufnahmen der dänischen Luftwaffe zeigen. Wegen Gefahren für den Schiffsverkehr richteten die Behörden eine Sperrzone im Umkreis von fünf Seemeilen ein. Flugzeuge dürfen das Gebiet nicht unter einer Höhe von 1000 Metern überfliegen.

Über die Ursachen des Lecks war am Montag zunächst nichts bekannt. Die Untersuchungen seien schwierig, erklärte ein Sprecher der Nord Stream 2 AG: In Lubmin gebe es seines Wissens kein eigenes Personal mehr. Zudem könne man keine Aufträge erteilen, da man diese nicht bezahlen könne. Man müsse schauen, woher man nun Informationen erhalte. Auch das Bundeswirtschaftsministerium teilte mit, es habe noch „keine Klarheit über die Ursachen und den genauen Sachverhalt“. Immerhin besteht selbst nach Einschätzung der Deutschen Umwelthilfe keine unmittelbare Gefahr für die Umwelt: Erdgas bestehe aus Methan, das sich teilweise im Wasser auflöse und nicht giftig sei.

Ursache unbekannt

Mitten in das Rätselraten über die Vorgänge platzte am Montagabend dann eine weitere Meldung: Auch in der älteren Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 sei ein Druckabfall auf null festgestellt worden, teilte deren Betreiberfirma mit. Betroffen seien beide Stränge, die Ursachen würden untersucht, hieß es in einer dürren Erklärung des mehrheitlich vom russischen Staatskonzern Gazprom kontrollierten Pipelineunternehmens. Am Dienstag meldete dann die dänische Energiebehörde, sie habe zwei Lecks an der Nord-Stream-1-Pipeline nordöstlich von Bornholm festgestellt – eines in dänischen Gewässern, ein weiteres in schwedischen. Die Ursache auch in diesem Fall: unbekannt.

Seitdem gibt es wilde Spekulationen: Gehen die Lecks auf Sabotage zurück? Und wer könnte hinter gezielten Anschlägen auf die Pipelines stecken?

Drei Lecks an einem Tag – schon in technischer Hinsicht halten Experten einen Zufall für ausgeschlossen. Brüche in Gasleitungen kämen höchst selten vor, betonte etwa die dänische Energiebehörde Energinet. Auch der Zeitpunkt macht es schwer, an Zufälle zu glauben: Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Frühjahr stehen die beiden Ostsee-Pipelines im Zentrum eines Wirtschaftskriegs zwischen Russland und dem Westen. Mitte Juni reduzierte Gazprom seine Gaslieferungen nach Deutschland, das sich in den vergangenen Jahren von russischen Energielieferungen abhängig gemacht hat, ganz besonders beim Gas. Seit Anfang September fließt über Nord Stream 1 überhaupt kein Gas mehr.

Anfangs führte die russische Führung als Grund für die Verletzung der Lieferverträge noch technische Probleme mit Turbinen an. Inzwischen macht sie klar, dass der Lieferstopp eine Reaktion auf die Sanktionen ist, die die EU und die USA nach dem Angriff auf die Ukraine gegen Moskau verhängt haben. Von Gaslieferungen als „Waffe“ ist in der Bundesregierung die Rede. Doch zuletzt hatte der Lieferstopp von Gazprom etwas an Schrecken verloren: Die seit dem Theater um Nord Stream 1 im Sommer in die Höhe geschossenen Gaspreise haben sich jüngst deutlich entspannt, die deutschen Gasspeicher füllen sich schneller als geplant – dank anderer Lieferanten wie Norwegen und Importen von Flüssigerdgas, die die Bundesregierung mit mehr als 15 Mrd. Euro finanziert. Dadurch sinkt auch die Gefahr, dass im Laufe des bevorstehenden Winters eine akute Gasmangellage auftritt, in der die Versorgung von Gasverbrauchern eingeschränkt werden müsste.

Sabotage: aber von welcher Seite?

Wegen der Ausmaße und des Zeitpunkts der Schäden an den Pipelines halten die Bundesregierung und die Sicherheitsbehörden einen Anschlag für möglich. Als Ursache für den plötzlichen Druckabfall gehe man von einer Explosion aus, nicht von einem normalen Leck, erfuhr Capital aus Berliner Sicherheitskreisen. Nach einem Bericht des „Tagesspiegels“ sind die Behörden davon überzeugt, dass eine Sabotageaktion in etwa 70 Metern Tiefe nur von Spezialkräften wie Marinetauchern oder einem U-Boot ausgeführt werden könne. „Unsere Fantasie gibt kein Szenario mehr her, das kein gezielter Anschlag ist“, zitierte die Zeitung einen Insider. Demnach könnten hinter der Sabotage entweder ukrainische oder mit der Ukraine verbündete Kräfte stecken, die verhindern wollen, dass Russland die direkten Gaslieferungen in den Westen ohne Transit durch die Ukraine wieder aufnehmen und damit Milliardensummen einnehmen kann – oder die russische Seite mit der Absicht, für neue Verunsicherung auf dem europäischen Gasmarkt zu sorgen.

Offiziell wollte sich die Bundesregierung am Dienstag nicht zu den Hintergründen der Lecks äußern. Das Wirtschaftsministerium erklärte, man beteilige sich nicht an Spekulationen. Dagegen zeigte sich der Kreml alarmiert. Man sei „äußerst beunruhigt“ über den Druckabfall in den Leitungen, sagte der Sprecher von Präsident Wladimir Putin. „Das ist eine absolut nie dagewesene Situation, die einer schnellen Aufklärung bedarf.“ Auch Sabotage halte man für möglich, es könne „keine Variante“ ausgeschlossen werden. Dagegen machte die polnische Regierung, die seit langem zu den härtesten Gegnern der Ostsee-Pipelines zählt, deutlich, dass sie auch eine russische Operation unter falscher Flagge für denkbar halte. Russland verfolge eine aggressive Politik, daher könnten auch keine „Provokationen“ in Westeuropa ausgeschlossen werden, sagte Vize-Außenminister Marcin Przydacz.

Zu den vielen Merkwürdigkeiten in diesem Fall kommt, dass die Vorfälle an den beiden Nord-Stream-Pipelines mit der Eröffnung einer anderen Gasleitung zusammenfallen: Am Dienstag weihten die Regierungschefs von Polen und Dänemark sowie Norwegens Energieminister die neue Pipeline Baltic Pipe ein – eine 900 Kilometer lange Leitung durch die Ostsee, die norwegisches Gas nach Polen bringen soll. Für Polen geht es bei dem 1,6 Mrd. Euro teuren Vorhaben nicht nur um ein Energieprojekt: Die neue Gasinfrastruktur sei wichtig, um sich „vom russischen Erpresser, der die Pistole an den Kopf des Westens hält“, unabhängig zu machen, sagte Ministerpräsident Mateusz Morawiecki. „Die Ära der russischen Vorherrschaft beim Thema Gas geht zu Ende.“

Die deutschen Sicherheitsbehörden gehen deshalb auch der Frage nach, ob es zwischen der möglichen Sprengung der Ostsee-Pipeline und dem Start von Baltic Pipe einen Zusammenhang geben könnte. Die neue Gasröhre von Norwegen nach Polen schneidet die bestehende Nord-Stream-Trasse in der Nähe der Insel Bornholm – nicht weit entfernt von der Stelle, wo jetzt eines der Lecks festgestellt wurde.

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