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Millionen-Deal Was Foxconn mit einem deutschen Autozulieferer vorhat

E-Auto Modell V von Foxtron, der Automobilmarke von Foxconn
E-Auto Modell V von Foxtron, der Automobilmarke von Foxconn
© picture alliance / AP | Chiang Ying-ying
Der schwäbische Mittelständler Prettl verkauft seine wichtigste Automotive-Unternehmenstochter für 186 Mio. Euro an Foxconn. Was steckt hinter dem Deal?

Wer hätte gedacht, dass das Herz eines Autos einmal nicht mehr der Motor, sondern eine Batterie mit Kabelbaum sein würde? Spätestens seit dem von der Politik beschlossenen Ende des Verbrenners ist klar, dass die Zukunft der Automobilbranche elektrisch sein wird. Das bedeutet eine Umstellung für die Autobauer, aber auch für ihre Zulieferer.

Das deutsche Familienunternehmen Prettl aus dem schwäbischen Pfullingen hat sich schon früh auf Kabeltechnik für Elektroantriebe spezialisiert. Nun verkauft es seine wichtigste Tochter, das Unternehmen Prettl SWH mit 8500 Mitarbeitern, nach Asien: Für 186 Mio. Euro übernimmt der taiwanesische iPhone-Zulieferer Foxconn über seine Tochterfirma Foxconn Interconnect Technology (FIT), den deutschen Mittelständler.

Der weltweit größte Elektronikzulieferer, der zuletzt wegen widriger Arbeitsbedingungen und Lieferschwierigkeiten in den Medien präsent war, drängt gerade mit aller Macht in den Markt für E-Autos. Erste Modelle wurden vergangenes Jahr präsentiert. Als Ziel gab das Unternehmen einen Marktanteil von fünf Prozent bis 2025 aus – ein ehrgeiziges Vorhaben.

Experten wie Martin Gehring von der Unternehmensberatung Simon Kucher und Partner bezeichnen das anvisierte Wachstum gar als „überambitioniert“ und „unrealistisch“. Tesla habe Jahre gebraucht, um sich seinen Marktanteil aufzubauen. Außerdem würden neben den mittlerweile erfolgreichen etablierten Herstellern in den nächsten Jahren bis zu 20 neue Unternehmen in den Automarkt drängen – für einen engen Markt wie diesen eine große Zahl. Das zeigt sich bereits am fallenden Tesla-Marktanteil, der innerhalb von zwei Jahren von knapp 80 auf 65 Prozent gesunken ist. „Bis 2030 wären fünf Prozent vielleicht möglich, wenn man richtig und extrem investiert“, sagte Gehring zu Capital.

Ein Baustein für die Wachstumsstrategie in den E-Auto-Markt soll nun der Zukauf von Prettl SWH sein. Der Käufer FIT, spezialisiert auf Kommunikationssoftware, Sensoren und Highspeed-Verbindungen für Elektroautos, wirkt selbst als Zulieferer für die eigene Konzernmutter. Man glaube an die Foxconn-Pläne, so FIT-Sprecherin Jing-Han Yang gegenüber Capital, als Unternehmen verfolge man aber eine eigene Strategie. „Prettl und FIT haben vieles gemeinsam“, verspricht Yang. „Ihre Expertise mit Sensorkabeln und Verbindungen passt zu unseren eigenen Kernbereichen.“ Bereits 2021 habe man begonnen, über eine Übernahme zu sprechen. 

FIT kauft mit SWH die „Spinne im Netz“

Das Interesse an Prettl SWH überrascht Automobilexperte Gehring nicht. „Wenn man Verkabelung als Kernstück seiner Strategie identifiziert hat, ist es durchaus sinnvoll, das Know-How einzukaufen“, sagt Gehring. „Prettl ist ein renommierter Anbieter in dem Bereich und hat eine solide Technik für E-Mobilität. Dazu sind sie zukunftsorientiert und wissen, wie ein Auto vernetzt wird.“ Kabeltechnik werde laut Gehring in Zukunft noch wichtiger werden. Ein Kabelbaum sei wie eine „Spinne im Netz“ und zentral für die ganze Architektur des Autos und der Datenübertragung. 

Für das 1953 gegründete Familienunternehmen bedeutet der Verkauf allerdings einen massiven Einschnitt. Der überwiegende Teil der insgesamt etwa 10.000 Mitarbeiter war bislang bei der Unternehmenseinheit Prettl SWH mit ihrem Fokus auf Sensoren und Spezialkabel beschäftigt, übrig bleiben nun weitere Töchter in Geschäftsfeldern wie Kunststofffertigung, Elektroniksysteme, Energieversorgung und Automotive, wo weitere Expertise etwa in der Metall- und Lichttechnik existiert. Prettl SWH machte mit 351 Mio. Euro (2021) auch den Löwenanteil des Umsatzes der gesamten Unternehmensgruppe aus. 

In einer Mitteilung heißt es, Prettl sehe sich für die Zukunft gut aufgestellt und werde sich „auf die Spezialmärkte Bahn und Bus, Schwerlast, Landwirtschaft, Ladetechnik und neue Energie konzentrieren“. Weitergehende Fragen wollte das Unternehmen auf Anfrage nicht beantworten.

Eine Fabrik steht in China

Prettl SWH wurde 2015 als Spin-Off aus dem bestehenden Unternehmen ausgegliedert und operiert heute in 13 Ländern, vor allem in Asien und Europa. Seit 2015 ist das Private Equity-Unternehmen Trinity bei SWH investiert, das nach nun acht Jahren seine Anteile ebenfalls an FIT veräußert – und von dem vermutet werden kann, dass es eine aktive Rolle bei den Verkaufsplänen gespielt haben dürfte. 

Zu den Kunden von SWH gehören hauptsächlich Tier-1-Zulieferer der Automobilindustrie (direkte Zulieferer an die Autobauer) auf der ganzen Welt. Von den langjährigen Beziehungen Prettls in der internationalen Autoindustrie hofft auch FIT zu profitieren. Die Übernahme soll für FIT ein „Wachstumsmotor“ sein. Der größte FIT-Kunde war bislang Tesla — nun will die Foxconn-Tochter ihr Kundennetz in Richtung Europa erweitern. Außerdem habe man ein Interesse an der Produktion des deutschen Unternehmens, wie FIT-Vertreterin Yang erklärt. Prettl habe viele Fabriken in Kundennähe, von denen FIT profitieren wolle.

Eine Prettl-SWH Fabrik befindet sich in China. Yang deutet an, dass es hier Veränderungen geben könnte – so soll die Foxconn-Seite ihre Erfahrungen mit Prettl teilen, „um Synergien zu schaffen“. In Europa solle aber erst einmal alles beim Alten bleiben, und auch insgesamt solle die SWH-Gruppe als eigenständiges Unternehmen weiterarbeiten. Personelle Veränderungen in der Führungsebene seien zunächst nicht geplant. 

Zustimmung der Regierung steht aus

Der Übernahme muss allerdings noch die Bundesregierung zustimmen. Und die hat in den vergangenen Monaten immer kritischer auf ausländische Übernahmen geblickt – insbesondere wenn der potenzielle Käufer aus China stammt. Im Oktober verhinderte sie eine 35-prozentige Beteiligung der chinesischen Staatsreederei Cosco am Hamburger Container-Terminal Tollerort, der Käufer musste sich mit 24,9 Prozent zufrieden geben. Einen Monat später untersagte sie die Übernahme der Dortmunder Chipfabrik von Elmos an das chinesische Unternehmen Sai Microelectronics.

Auch Deals mit Beteiligung taiwanesischer Unternehmen wurden in der Vergangenheit genau beäugt. Im Februar 2022 platzte daher der Verkauf des Münchner Chipexperten Siltronic an Globalwafers aus Taiwan. Dahinter steht jeweils der Versuch, den Abfluss von Schlüsseltechnologien ins Ausland zu verhindern – und so in neue Abhängigkeiten zu geraten, erst recht wenn es um Länder geht, mit denen Deutschland im Systemwettbewerb steht.     

Aus dem Bundeswirtschaftsministerium hieß es gegenüber Capital, man gebe grundsätzlich keine Auskunft zu konkreten Investitionsprüfungsfällen – eine Sprecherin verwies aber explizit auf den in der vergangenen Legislaturperiode erweiterten Kriterienkatalog für Eingriffsmöglichkeiten in ausländische Übernahmen, der eine ganze Reihe von „Hoch- und Zukunftstechnologiesektoren“ umfasst. Die Investitionsprüfung treffe allerdings „keine pauschalen Urteile allein anhand des Herkunftslands von Erwerbern“, so die Sprecherin.   

Daneben steht noch eine wettbewerbsrechtliche Prüfung durch das Bundeskartellamt oder die Europäische Kommission aus. Noch sei allerdings kein  Prüfverfahren in Auftrag gegeben worden, heißt es – was nicht ungewöhnlich wäre in diesem frühen Stadium.

Der Käufer selbst rechnet nicht damit, dass der Deal noch von der Politik oder Wettbewerbshütern aufgehalten werden könnte: „Wir sind kein umstrittener Betrieb, sondern lediglich ein Komponentenhersteller“, so FIT-Vertreterin Yang. Automotive-Experte Gehring stimmt dem zu: „Die Technologie ist nicht so strategisch wichtig und es gibt viele Anbieter“, so der Berater. „Es ist zwar Hightech, aber es geht ja nicht um Chips oder Halbleiter.“ 

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