ExklusivMassive Zweifel am Wirecard-Leerverkaufsverbot

Die Finanzaufsicht Bafin kam Wirecard im Februar 2019 mit einem Leerverkaufsverbot zu Hilfe. Die Behörde sah den Konzern als Opfer einer „Shortattacke“imago images / Schöning

Wie wichtig die Entscheidungen der Finanzaufsicht waren, um Wirecard bis zuletzt Luft zu verschaffen, lässt sich immer wieder hören, wenn der Untersuchungsausschuss des Bundestags Zeugen befragt. Das gilt vor allem für das Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien, das die Bafin Mitte Februar 2019 verhängte – ein bislang einmaliger Markteingriff in der deutschen Börsengeschichte für eine einzelne Aktie, um Spekulationen zu unterbinden.

Das Leerverkaufsverbot, berichtete Anfang Dezember ein leitender Beamter der Aufsichtsbehörde für die Wirtschaftsprüfer (APAS) den Abgeordneten, habe auch die Linie seiner Behörde „beeinflusst“. Denn da habe jemand die Lage geprüft „und ist zu Erkenntnissen gekommen“ – nämlich dass Wirecard Opfer einer „Shortattacke“ von Leeverkäufern und Medien geworden sei. Also war auch die APAS beruhigt.

Ähnlich klang es vergangene Woche bei dem früheren Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der mit seiner Firma Spitzberg Partners Wirecard beriet und Klinken in der deutschen Politik putzte. Guttenberg fasste die Verteidigungslinie von Ex-Konzernchef Markus Braun gegen sämtliche Vorwürfe, die die britische „Financial Times“ und andere Kritiker regelmäßig erhoben, wie folgt zusammen: „die bösen Shortseller, die gute Bafin, die gute Staatsanwaltschaft“.

Auch ihm gegenüber habe der CEO dies immer so vorgetragen, sagte der Ex-Minister. Brauns Botschaft: Wenn die Behörden keinerlei Grund sehen, gegen uns vorzugehen, sondern sich wie im Fall des Leerverkaufsverbots der Finanzaufsicht sogar schützend vor uns stellen, dann müssen wir absolut sauber sein. Nicht nur Guttenberg, auch unzählige Anleger ließen sich von dieser Story blenden.

Doch inzwischen gibt es nach Recherchen von Capital große Zweifel, ob das Leerverkaufsverbot der Bafin, das auch im Ausland für Aufsehen sorgte und den Aktienkurs des Konzerns kräftig stützte, überhaupt einwandfrei zustande kam. So kam etwa die Deutsche Bundesbank in einer internen Analyse der Marktdaten zu dem Schluss, dass die Begründung der Finanzaufsicht, wonach von der Wirecard-Aktie eine Gefahr für den Gesamtmarkt ausgehe, tatsächlich nicht trug.

„Das Leerverkaufsverbot der Bafin war offenbar mit sehr heißer Nadel gestrickt und steht bei heutiger Betrachtung rechtlich auf sehr wackligen Füßen“, sagte der Bundestagsabgeordnete Danyal Bayaz, der für die Grünen im Wirecard-Untersuchungsausschuss sitzt. Im Ausschuss müsse daher jetzt geklärt werden, wie es dazu gekommen sei und wer die Verantwortung trage.

Laut der EU-Leerverkaufsverordnung dürfen Aufsichtsbehörden Wetten von Investoren auf sinkende Kurse nur in zwei Fällen zeitweise beschränken: wenn eine Gefahr für die allgemeine Finanzstabilität besteht oder das Marktvertrauen gefährdet ist. In ihrer am 18. Februar 2019 veröffentlichten Allgemeinverfügung für das Verbot, neue Netto-Leerverkaufspositionen aufzubauen oder bestehende zu erhöhen, hatte die Finanzaufsicht ihre Entscheidung mit einer drohenden Störung des Marktvertrauens durch die Entwicklungen bei Wirecard begründet. Bei der Aktie war es seit Ende Januar zu heftigen Kursausschlägen gekommen – als Folge mehrerer „FT“-Berichte, die Unregelmäßigkeiten bei der Asien-Tochter des Paymentkonzerns in Singapur enthüllten.

In ihrer Verfügung argumentierte die Bafin, „exzessive Preisbewegungen“ der Wirecard-Aktie „könnten durch ihre trendverstärkende Wirkung den Verlust des Marktvertrauens in Deutschland, insbesondere hinsichtlich der Preisbildung an den Märkten, bewirken“. Dabei verwies die Aufsicht darauf, dass im Umfeld der Berichte hohe Leerverkaufspositionen aufgebaut worden seien. Diese „ungünstigen Entwicklungen“ könnten eine „ernstzunehmende Bedrohung für das Marktvertrauen“ darstellen und eine „erneute erhebliche Abwärtsspirale des Kurses“ verursachen. In anderen Worten: Die Bafin fürchtete, dass die Kapriolen der Wirecard-Aktie den ganzen Markt mitreißen.

Doch schon bevor das Leerverkaufsverbot in Kraft trat, stieß der Eingriff bei einer anderen Behörde, die für die Sicherung der Finanzstabilität in Deutschland verantwortlich ist, auf große Bedenken: bei der Bundesbank. Am 15. Februar 2019 schrieb ein Referent aus der volkswirtschaftlichen Abteilung einen knappen, aber kritischen Vermerk. Grundsätzlich sei aus ordnungspolitischer Sicht eine „merkliche Skepsis“ gegenüber der Beschränkung von Leerverkäufen angebracht, hielt er fest – und zwar schon, da es „oft unklar sein dürfte, ob die nötigen Voraussetzungen hierfür (…) erfüllt sind“.

Große Kursverluste und eine hohe Volatilität einer Aktie könnten „nicht automatisch als Zeichen einer fundamental ungerechtfertigten Entwicklung gewertet werden“, schrieb der ausgewiesene Experte für Kapitalverkehr und Kapitalmärkte weiter. Zudem bestehe das Risiko, dass derartige Eingriffe die Unsicherheit unter den Investoren vergrößern könnten.

Hingegen erscheine es „zweifelhaft“, dass sie in der Lage seien, die Aktienkurse kurzfristig oder dauerhaft zu stützten. Mit Blick auf Wirecard formulierte der Bundesbank-Experte, selbst im Fall einer gezielten Kursmanipulation sei „kritisch zu prüfen“, ob ein Leerverkaufsverbot verhältnismäßig sei, da davon potenziell viele Marktteilnehmer betroffen seien. Sein Fazit: „Vorzuziehen wäre ein gezieltes Vorgehen gegen Manipulatoren“– eine Sichtweise, die auch von Kapitalmarktexperten geteilt wird.

„Allgemeine Marktstörung“ lag nicht vor

Knapp zwei Wochen später beschäftigte sich der gleiche Bundesbanker dann erneut mit dem Thema – obwohl das Leerverkaufsverbot der Bafin zu diesem Zeitpunkt längst in Kraft getreten war. In einem Vermerk vom 27. Februar 2019, der Capital vorliegt, ging der Fachbeamte der Frage nach, wie stark „die Verunsicherung über Wirecard“ damals auf den gesamten deutschen Aktienmarkt ausstrahlte. Er prüfte also das entscheidende Argument, mit dem die Finanzaufsicht ihren Markteingriff begründet hatte.

Für seine Analyse untersuchte der Bundesbanker, welche statistischen Zusammenhänge es zwischen den Entwicklungen bei der Wirecard-Aktie und 26 anderen Dax-Werten gibt. Ergebnis: Die Unsicherheit bei Wirecard habe sich zwar „zumindest teilweise“ auf die übrigen Dax-Werte übertragen – mehr als bei einem ähnlichen Fall 2016, als Wirecard und die Bafin im Fall des sogenannten Zatarra-Berichts eine „Shortattacke“ von Spekulanten gewittert hatten.

Gleichwohl, so der Experte weiter, habe sich die Volatilität des Gesamtmarktes im Februar 2019 aber „nahe ihrem Durchschnittswert“ bewegt, weil unterdurchschnittliche Kovarianzen zwischen den übrigen Dax-Aktien in dieser Zeit den „Ausstrahlungseffekt“ der Wirecard-Aktie ausgeglichen hätten.

Das Fazit des Kapitalmarktexperten: „Im Ergebnis kann damit für den Gesamtmarkt weder ein ungewöhnlich stark ausgeprägtes, gleichgerichtetes Anlegerverhalten noch eine allgemeine Marktstörung nachgewiesen werden.“ Eine Feststellung, die die rechtliche Begründung der Bafin für ihren Eingriff im Nachhinein widerlegt.