KommentarLufthansa muss raus aus der Komfortzone

Die Corona-Krise ist ein Desaster für die Lufthansa. Viele Maschinen blieben und bleiben weiterhin am Boden, seit die Epidemie ausgebrochen ist.
Die Corona-Krise ist ein Desaster für die Lufthansa. Viele Maschinen blieben und bleiben weiterhin am Boden, seit die Epidemie ausgebrochen ist.imago images / MiS

Lufthansa-Vorstand Carsten Spohr ist ein geradliniger, knallharter Manager und gewiefter Taktierer. Das hat er in zahlreichen Übernahmeverhandlungen gezeigt, mit denen er den Konzern in den vergangenen Jahren auf einen rasanten Expansionskurs gepeitscht hat. Es ist ihm durchaus zuzutrauen, dass er auch eine Krise nutzt, um Entscheidungen durchzusetzen, die in normalen Zeiten schwierig zu verhandeln sind. Das haben über die Jahre die wiederkehrenden harten Auseinandersetzungen mit den Gewerkschaften der Piloten und des Kabinenpersonals gezeigt.

Diese Krise taugt dafür nicht. Spohr und seinen Vorstandskollegen kann angesichts der aktuellen Zahlen, die das ganze Desaster der letzten Monate veranschaulichen, nicht vorgeworfen werden, dass sie versuchen, irgendeinen Vorteil aus dieser Situation zu schlagen. Im Gegenteil, sie haben die besten Argumente auf ihrer Seite, um jetzt einen klaren Schnitt zu machen, um das Geschäftsmodell samt Flottenstruktur und Personal  besser aufzustellen. Die Fakten aus dem Quartalsbericht machen schonungslos klar, wie drastisch das komplette Geschäft zusammengebrochen ist und wie schnell der große Konzern mit seinen 763 Flugzeugen und 130.000 Mitarbeitern Milliarden verbrennt.

Historisch schlechtes Ergebnis

Der Vorstand hat heute das schlechteste Quartalsergebnis in der 65-jährigen Geschichte der Lufthansa vorgelegt. Von April bis Juni hat der Konzern gerade mal 1,9 Mrd. Euro Umsatz erzielt. Im Vorjahr standen da noch 9,6 Mrd. Euro in der Bilanz. Der mickrige Umsatz ist zum allergrößten Teil nur dem Fracht- und Wartungsgeschäft zu verdanken (1,5 Mrd. Euro Umsatz). Das eigentliche Kerngeschäft, bei dem Lufthansa, Swiss, Austrian Airlines, Eurowings und Brussels Airlines, Passagiere transportieren, verbrennt dagegen Geld. So steht unter dem Strich im zweiten Quartal ein operativer Verlust von 1,7 Mrd. Euro – fast so viel wie der Umsatz. Für das gesamte erste Halbjahr summiert sich unter dem Strich ein Nettoverlust von 3,6 Mrd. Euro.

Im Lockdown zwischen April und Juni, hat die Lufthansa-Gruppe gerade mal 1,7 Millionen Fluggäste befördert, 96 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Und die erhoffte Besserung nach dem erzwungenen Flugstopp ist angesichts der weltweit wieder zunehmenden Infektionszahlen, den wechselnden Einreise-, Quarantäne- und Corona-Test-Vorgaben, nicht in Sicht. Die gesamte Branche geht davon aus, dass es vor 2024 keine Rückkehr auf die alten Wachstumspfade geben wird. Das sind noch dreieinhalb Jahre. Da reicht auch das immense staatliche Hilfspaket nicht so lange aus – wenn man sieht, wie schnell das Geld wegbrennt. Allein im zweiten Quartal hat die Lufthansa 1,4 Mrd. an liquiden Mitteln verbrannt. Rein rechnerisch würden die nun verfügbaren Mittel von 11,8 Mrd. Euro für acht Quartale reichen, die so schlecht laufen wie das letzte.

Verhandlungen mit Gewerkschaften dauern an

Spohr und seine Kollegen haben schnell reagiert: der Großteil der Flotte steht nach wie vor auf dem Boden, Kurzarbeit wurde eingeführt, Kosten reduziert und die Mitarbeiterzahl schon um 8.300 reduziert. Das ist vor allem durch Stellenstreichungen im Ausland passiert, wie der Vorstand heute in einem Brief an die Mitarbeiter mitteilte. Die Botschaft ist klar: Nun geht es auch um Einschnitte für die in Deutschland Beschäftigten. Die Stellen in der Zentrale und bei Führungskräften werden kräftig dezimiert. Nur die Verhandlungen mit den Gewerkschaften sind noch nicht zu einem Ergebnis gekommen.

Dafür gibt es mit dieser Bilanz und den wenig ernüchternden Aussichten nun aber keine Rechtfertigung mehr.