VG-Wort Pixel

Atomkraft Laufzeitverlängerungen für AKWs: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Isar 2 ist eines der drei noch aktiven deutschen Atomkraftwerke.
Isar 2 ist eines der drei noch aktiven deutschen Atomkraftwerke.
© IMAGO / Sven Simon
Eigentlich war der Atomausstieg beschlossene Sache – doch angesichts der Gaskrise wird nun über eine Laufzeitverlängerung für die drei verbleibenden Kraftwerke diskutiert. Was dafür und dagegen spricht und ob Kernkraft das Energieproblem lösen könnte

Wie wichtig sind die AKW eigentlich für die Energieversorgung?

Derzeit sind in Deutschland noch drei Atomkraftwerke am Netz: Isar 2 in Bayern, Emsland in Niedersachsen und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg. Für den Energiemix sind die Kraftwerke nur noch von geringer Bedeutung: Dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) zufolge stammten 2021 65,4 Terrawattstunden Strom aus Kernkraft. Zum Vergleich: Erneuerbare Energiequellen kamen auf 225 Terrawattstunden, Braunkohlekraftwerke auf 99 Terrawattstunden und Gaskraftwerke auf 51 Terrawattstunden. Insgesamt lag der Anteil von Gas an der gesamten Stromerzeugungskapazität in Deutschland aktuell bei 14,5 Prozent.

Was spricht für eine Laufzeitverlängerung?

Im Winter wird Gas aufgrund der reduzierten Lieferungen aus Russland aller Wahrscheinlichkeit nach knapp werden. Der Großteil des Erdgases wird zum Heizen eingesetzt, aber etwa zehn Prozent fließt in die Stromproduktion. Die Rechnung der Befürworter einer Laufzeitverlängerung für die AKW ist simpel: Je weniger Gas für die Stromproduktion benötigt wird, desto mehr Gas bleibt zum Heizen für Privathaushalte oder für Industrieunternehmen, die Gas für ihre Produktion benötigen.

Auch das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet daran, die Gasmenge, die zur Verstromung genutzt wird, zu reduzieren. So kehren zum Beispiel Steinkohlemeiler in den Markt zurück, ab Oktober dürfen auch Braunkohlekraftwerke reaktiviert werden. Beides soll dazu führen, dass weniger Gas verstromt wird, weil die Stromproduktion aus Kohle günstiger ist als aus Gas. Allerdings lässt sich die Gasverstromung schon aus rein physikalischen Gründen nicht auf null drücken: Zum einen, weil in manchen Regionen Gaskraftwerke zur Stabilität für die Stabilität des Stromsystems benötigt werden – insbesondere in Bayern, wo die grundlastfähigen Kraftwerkskapazitäten knapp sind und der Ausbau großer Stromnetze für den Transport von Windstrom aus dem Norden hinterherhinkt.

Zum anderen werden manche Gaskraftwerke im Winter auch zur Wärmeerzeugung für Fernwärme benötigt (Kraft-Wärme-Kopplung, KWK). Auch diese KWK-Anlagen sind systemrelevant und können kurzfristig nicht ersetzt werden. Am Wochenende hatte FDP-Chef Christian Lindner in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ gesagt, es dürfe „mit Gas nicht länger Strom produziert werden, wie das immer noch passiert“. Lindner forderte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) auf, die Gasverstromung „zu unterbinden“. Dagegen heißt es in einem aktuellen Papier aus dem Wirtschaftsministerium: „Ein völliger Verzicht auf Gas in der Stromerzeugung ist aus Gründen der Sicherheit des Stromnetzes aktuell nicht möglich“. Allerdings müsse der Gasverbrauch im Stromsektor so weit wie möglich reduziert werden.

Befürworter einer Laufzeitverlängerung verweisen zudem auf die Klimafreundlichkeit der Kernkraft: Denn eine Alternative zu Atomstrom wären Kohlekraftwerke – die deutlich mehr CO2 verursachen. Auch deshalb haben sich andere Länder wegen des Ukraine-Kriegs bereits zu einer Kehrtwende in der Energiepolitik entschieden: So hat etwa Belgien bereits beschlossen, den Atomausstieg um zehn Jahre zu verschieben.

Was spricht dagegen?

Gegner einer Laufzeitverlängerung äußern vor allem Sicherheitsbedenken. Denn eigentlich sollten die letzten Atomkraftwerke bis Ende dieses Jahres abgeschaltet werden. Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), warnte in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vor einer Laufzeitverlängerung: Man müsse nicht nur die Sicherheit der Atomkraftwerke, sondern auch die Entsorgung der radioaktiven Abfälle berücksichtigen. In beiden Fällen, so schreibt er, seien die gesamtgesellschaftlichen Kosten für einen Weiterbetrieb der Anlagen erheblich.

Außerdem wurden die drei Atomkraftwerke seit 13 Jahren nicht mehr gewartet. Eigentlich werden sie alle zehn Jahre einer umfassenden Sicherheitsprüfung unterzogen – da sie ja eigentlich in diesem Jahr vom Netz gehen sollten, entfiel die letzte Prüfung 2019 allerdings. Welche Sicherheitsrisiken sich daraus ergeben und wie sich die gesetzlichen Vorschriften für die Sicherheitsüberprüfungen womöglich so ändern lassen, dass ein Weiterbetrieb möglich wird – dazu gab es in den vergangenen Wochen zahlreiche Studien und Gutachten mit – je nach Auftraggeber – unterschiedlichen Ergebnissen.

Wäre es überhaupt möglich, die Kraftwerke einfach weiterzubetreiben?

Die realistischste Möglichkeit für einen Weiterbetrieb ist der sogenannte Streckbetrieb. Dabei würde die Leistung der Kraftwerke heruntergeschraubt – und damit auch die Menge des produzierten Stroms über einen längeren Zeitraum verteilt. Der Vorteil: Damit würden die Brennstäbe länger halten und die AKWs könnten noch über den Winter Strom liefern, statt zum 31. Dezember vom Netz zu gehen. Die Möglichkeit würde wohl in der Regierung am ehesten eine Mehrheit finden. Selbst einzelne Stimmen aus den Reihen der Grünen hatten eine gewisse Offenheit für diese Lösung angedeutet.

Auch für die Betreiber, deren Planungen für Brennelemente, Personal und den Rückbau der Meiler bisher auf ein Aus zum 31. Dezember 2022 angelegt sind, wäre der Streckbetrieb am einfachsten umzusetzen: „Wir stünden für einen solchen befristeten Weiterbetrieb bereit, wenn er gewollt ist“, sagte EnBW-Chef Frank Mastiaux dem „Handelsblatt“. Allerdings lasse sich der EnBW-Meiler Neckarwestheim 2 auf diese Weise nur „um Wochen, nicht um Monate“ weiterbetreiben.

Eine zweite Möglichkeit wäre eine Laufzeitverlängerung durch den Einsatz neuer Brennstäbe. Dies würde sich betriebswirtschaftlich allerdings nur lohnen, wenn die AKW deutlich länger genutzt werden als nur für ein paar Monate. Dann könnten allerdings die aufgeschobenen Sicherheitsüberprüfungen zum Problem werden: Die Kraftwerksbetreiber würden wohl verlangen, dass der Staat das Risiko für potenzielle Schadensfälle übernimmt.

Zudem würde die Beschaffung neuer Brennelemente Zeit kosten: Normalerweise dauert es mindestens zwölf Monate, die auf das jeweilige Kraftwerk abgestimmten Brennstäbe zu beschaffen. In der Vergangenheit wurde der Bedarf häufig bei Lieferanten aus Russland gedeckt. Hier dürfte sich allerdings eine Alternative finden lassen, sollte sich die Bundesregierung für einen längeren Weiterbetrieb entscheiden.

Eine dritte Option wird von Teilen der FDP und aus der Wirtschaft ins Spiel gebracht: das Wiederanfahren von AKW-Blöcken, die bereits in den vergangenen Jahren vom Netz gegangen sind. Diese Variante ist allerdings in der Ampel politisch nicht durchsetzbar. Auch die Betreiber stünden dafür wohl nicht zur Verfügung.

Hilft uns Atomkraft wirklich in der Gaskrise?

Dazu läuft derzeit eine erneute Prüfung der Bundesregierung. Im Frühjahr, kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs, war eine erste Untersuchung des Wirtschafts- und des für Reaktorsicherheit zuständigen Umweltministeriums zu dem Schluss gekommen, dass „eine Laufzeitverlängerung der drei noch bestehenden Atomkraftwerke auch angesichts der aktuellen Gaskrise nicht zu empfehlen“ ist.

Nun wird erneut gerechnet, wobei bei dem Stresstest erweiterte Kriterien und aktuelle Entwicklungen angelegt werden. Berücksichtigt wird nun etwa die Situation im europäischen Strommarkt, vor allem mit Blick auf Frankreich: Dort laufen derzeit viele Atomkraftwerke aufgrund der Hitze und des Mangels an Kühlwasser nicht – weshalb Deutschland aktuell viel Strom nach Frankreich exportiert. Ein besonderes Augenmerk liegt auch auf den Folgen eines potenziellen besonderen Gasmangels in Süddeutschland auf der Stabilität des dortigen Stromsystems.

Unabhängig vom Ergebnis des neuerlichen Stresstests arbeitet das Wirtschaftsministerium an weiteren Maßnahmen, um den Gasverbrauch im Stromsektor weiter zu drücken – etwa durch den kurzfristigen Wegfall von Beschränkungen für bestehende Solar- und Biogasanlagen. Und auch in anderen Bereichen soll der Gasverbrauch nach dem Willen der Bundesregierung sinken: in der Industrie und beim Heizen von Privatwohnungen oder Bürogebäuden.


Mehr zum Thema



Neueste Artikel