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Nuklearenergie So realistisch sind längere Laufzeiten für Atomkraftwerke

Das Atomkraftwerk Emsland 2 in Lingen (Niedersachsen) soll Ende des Jahres vom Netz gehen
Das Atomkraftwerk Emsland 2 in Lingen (Niedersachsen) soll Ende des Jahres vom Netz gehen
© IMAGO/Jürgen Ritter
Laut einem aktuellen TÜV-Gutachten könnten Atomkraftwerke länger laufen als bis zum Jahresende. Doch welche Probleme ergeben sich? Vier Fragen und Antworten

Die Debatte um die Atomkraft in Deutschland ist neu entbrannt – wieder einmal. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will die drei bestehenden Atomkraftwerke (AKW) weiterlaufen zu lassen, jedenfalls so lange wie technisch möglich. Alles andere sei „reine Sturheit“ oder „fachlicher Blödsinn“, sagt Söder. Doch ist das wirklich so: Lässt sich die Laufzeit der Atomkraftwerke so einfach verlängern? Vier Fragen und Antworten. 

Worauf stützt sich Markus Söder?

Der Ministerpräsident beruft sich auf ein Gutachten des TÜV Süd, das für das AKW „Isar 2“ erstellt wurde. Demnach könnte der Betrieb dort einige Monate weitergeführt werden. Die vorhandenen Brennstäbe böten hierfür noch eine Art Reserve. Wenn es gut liefe, würde „Isar 2“ sogar bis in den kommenden Sommer hinein Strom liefern können – zwar weniger, rund 5000 Gigawattunden – aber immerhin. Ab dem Sommer 2023 könnten sogar neue Brennstäbe eintreffen und der Betrieb damit aufrechterhalten werden. Auch Sicherheitschecks sind aus Söders Sicht kein Problem. Die könnten einfach in der Zwischenzeit durchgeführt werden. Der TÜV Süd kenne das AKW „Isar 2“ als Prüfer bestens.

Was sagen andere Gutachten?

Bislang kamen die meisten Studien zu anderen Ergebnissen. Noch im Frühjahr ließ Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) eine Fortführung der Atommeiler in Deutschland prüfen. Das Ergebnis ist eindeutig: „Eine Verlängerung der Laufzeiten ... würde im Winter 2022/2023 keine zusätzlichen Strommengen bringen.“ Auch Energieökonomen wie Michael Sterner sagen gegenüber Capital: „Eine Fortführung macht unter technischen Gesichtspunkten keinen Sinn. Die Diskussion ist vor allem politisch.“ Das TÜV-Gutachten beziehe sich lediglich auf den Meiler „Isar 2“ – sage also nichts über die beiden anderen AKW Emsland und Neckarwestheim 2 aus.

Zudem sei das ganze ohnehin eine Scheindiskussion: „Wir haben einen Gasengpass und keinen Stromengpass“, sagt Sterner. Selbstverständlich könnten die Meiler irgendwie am Netz gehalten werden. „Die Frage ist aber, ob das dann wirtschaftlich sinnvoll ist.“ Denn was leicht übersehen werde: Bei der Stromerzeugung mit Gas entsteht Fernwärme für die Industrie. Die würde bei Atomstrom fehlen, und es entstünde der nächste Engpass. 

Welche Probleme sprechen gegen eine Fortführung? 

Die Probleme, die gegen eine Fortführung sprechen, sind vielfältig, beziehen sich aber vor allem auf fehlende Brennstäbe und Personal. Die Brennstäbe sind eine Art Maßanfertigung für jedes Atomkraftwerk, und bislang ist ihr Einsatz bis zum 31. Dezember optimiert. Zwar gibt es eine Art „Reaktivitätsreserve“, doch die hält nur einige Wochen. Beim Meiler „Isar 2“ sind das etwa 80 Tage. Neue Brennstäbe haben lange Lieferzeiten. Experten vom Ökoinstitut rechnen mit etwa 18 Monaten – wenn es gut läuft. Problematisch ist auch die Herkunft. In Brennstäben steckt Uran, und ein Hauptlieferant für Uran ist Russland. Da Russland aber als Handelspartner ausfällt, kommen auch zahlreiche Produzenten nicht in Frage – was wiederum die Lieferzeit erhöht. 

Neben den Brennstäben bildet das Personal einen zweiten Engpass. Mehr als zehn Jahre wurde der Atomausstieg vorbereitet, entsprechend wenig Fachkräfte wurden von den Betreibern neu eingestellt. Viele haben inzwischen die Branche gewechselt, sind in Frührente oder regulär aus dem Arbeitsmarkt geschieden. Andere haben neue Anstellungen ab dem 1. Januar 2023. Um jetzt einen Betrieb über den 31. Dezember hinaus verlängern zu können, müsste neues Personal gefunden werden. Angesichts einer (eigentlich) mehrjährigen Ausbildung und zahlreichen Sicherheitsprüfungen würde das aber Monate, wenn nicht Jahre dauern.

Wer haftet für mögliche Probleme? 

Die Risikofrage ist ebenfalls eine zentrale. Verbände wie das Ökoinstitut halten es für unrealistisch, dass die Anlagenbetreiber Risiken der Reaktorsicherheit übernehmen. „Die Bundesregierung müsste wohl kaum kalkulierbare Risiken übernehmen“, schreibt der Verband. Auch RWE-Chef Markus Krebber weist auf dieses Problem hin. „Die Diskussion kommt zu spät.“ Bislang wehrt sich auch die Bundesregierung dagegen. Wenn, dann müsste sie wohl Zusagen für drei bis fünf Jahre geben. Denn gibt sie ihre Position auf, wäre das keine Entscheidung bis zum kommenden Sommer. Damit Betreiber in neue Brennstäbe und Reaktorsicherheit investieren, bräuchte es Anreize. Und das würde wohl langfristige Zusagen und Garantien vom Bund umfassen. 

Fazit: Ja, die Atomkraft lässt sich verlängern. Möglicherweise sogar relativ problemlos für einige Wochen. Darüber hinaus wird es aber schwierig, und es bedürfte eines klaren politischen Richtungswechsels. Außerdem geht die Diskussion am zentralen Problem vorbei: Dem Engpass von Erdgas. 


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