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Energieabhängigkeit „Wir müssen anfangen, auch über russisches Uran zu sprechen“

Der blaue Himmel wird von mehreren Kühltürmen verdeckt
Das Atomkraftwerk Bohunice in der Slowakischen Republik
© IMAGO / imagebroker
Über die Abhängigkeit von russischem Erdgas wird in Europa viel diskutiert. Dass Moskau auch bei der Atomkraft eine mächtige Position ist dagegen weniger bekannt. Auch hier müssen die Europäer nach Alternativen suchen

Der Westen hängt am Tropf russischer Rohstoffe. 300 Mrd. Euro will die EU nun investieren, um sich von fossilen Brennstoffen aus Russland zu lösen, wie Kommissionschefin Ursula von der Leyen jüngst verkündete. Die Abkopplung von Moskau solle „so schnell wie möglich“ passieren. In vielen Mitgliedstaaten läuft die Suche nach Ersatzlieferanten für russisches Öl und Gas bereits auf Hochtouren. Angesichts des Angriffskrieges gegen die Ukraine gilt es, Russland noch weiter von der Weltwirtschaft abzukoppeln. Bei all den Diskussionen und Anstrengungen um ein Embargo auf russische Rohstoffe gibt es jedoch einen blinden Fleck. Ein Energiebrennstoff wird stets vergessen – oder gezielt außen vor gelassen: Uran.

Das könnte einen guten Grund haben. „Die EU ist bei Kernenergie noch abhängiger von Russland als bei Erdgas“, sagt Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft im Gespräch mit ntv.de. Das bestätigen die Zahlen: Rund 40 Prozent ihres angereicherten Urans, das für den Betrieb von Atomkraftwerken benötigt wird, bezieht Europa nach Angaben der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) insgesamt aus Russland und dem kremltreuen Kasachstan. 

Doch es sind nicht nur die Rohstoffe. Wo Russland der Technologie des Westens in den meisten Bereichen hinterherhinkt, sieht dies im Nuklearsektor ganz anders aus. So hat Moskau in den vergangenen Jahren Milliarden in die Aufbereitungstechnik gepumpt. Mit Erfolg: Russlands Uranaufbereitungsanlagen zählen zu den besten der Welt. Nach Angaben der World Nuclear Association sind viele mittel- und osteuropäische Länder nicht nur von russischem Uran, sondern auch von russischer Nukleartechnologie abhängig. So gibt es in 18 EU-Ländern russische Kernreaktoren: Zwei in Bulgarien, sechs in der Tschechischen Republik, zwei in Finnland, vier in Ungarn und vier in der Slowakei.

Rosatoms globale Übermacht

Euratom äußerte sich bereits besorgt und hält die EU in diesem Bereich für „signifikant verletzbar“. Denn diese Druckwasserreaktoren müssen regelmäßig gewechselt werden – sie laufen jedoch nur mit den sechseckigen Brennstäben russischer Bauart. Da westliche Hersteller noch kaum Erfahrung mit diesen Brennelementen haben, können die AKW-Betreiber ihre Abhängigkeit zu Russland kaum reduzieren, ohne ihren Betrieb zu gefährden. Die älteren Versionen können ohnehin ausschließlich von Rosatom beliefert werden.

Die Verflechtungen vieler europäischer Länder mit dem russischen Staatskonzern seien daher enorm, sagt Quaschning. 2007 von Wladimir Putin gegründet, untersteht Rosatom direkt dem Kreml und hat mittlerweile eine Spitzenposition im globalen Uran- und Nukleargeschäft inne: Mehr als 350 Unternehmen gehören heute zu dem russischen Staatskonzern – unter anderem die deutsche Kerntechnik-Firma Nukem Technologies. Durch seine Beteiligung an Uranminen in Kanada, den USA und Kasachstan ist Rosatom direkt hinter Kasachstan der zweitgrößte Uranproduzent der Welt. Mehr als 30 Prozent der weltweiten Exporte an angereichertem Uran stammen aus Russland. Der weltweit zweitgrößte Lieferant des Brennstoffs, die Niederlande, kommt nicht einmal auf die Hälfte von Russlands Ausfuhren, wie aus Daten des Think Tanks Bruegel hervorgeht.

Dass Russlands Urananreicherungs-Geschäft prächtig läuft, zeigen auch Satellitenaufnahmen des Luft- und Raumfahrtunternehmens LiveEO, die die „Wirtschaftswoche“ ausgewertet hat. Demnach wurde die Anlage in Nowouralsk, einer von vier Anlagerungskomplexen in Russland, in den vergangenen zwölf Jahren verdoppelt. „Russland hat in den vergangenen Jahren auf dem Nuklearsektor gezielt eine strategische Position aufgebaut“, bilanziert Anke Herold vom deutschen Öko-Institut im Deutschlandfunk.

„Könnte die Stromversorgung ganzer Länder torpedieren“

Die Strategie des Kremls, den Westen zu günstigen Preisen mit Uran und Nukleartechnologie zu versorgen, ging auf: Die EU ist auf die Geschäfte mit Rosatom angewiesen. Wie sehr, zeigt die Tatsache, dass die Geschäfte mit dem Kerntechnik-Unternehmen aus Moskau trotz des Angriffskrieges gegen die Ukraine weiterlaufen. Der zivile Nuklearsektor ist explizit von den EU-Sanktionen ausgenommen. Mit rund 8 Mrd. Euro, die die EU von 2010 bis 2019 für russische Kerntechnologie ausgegeben hat, fallen die Beträge des europäischen Atomgeschäfts für Russland zwar wesentlich kleiner aus als die des Öl- und Gasgeschäfts. Doch auch sie füllen Putins Kriegskassen und führen zu einer weiteren Abhängigkeit des Westens. „Allerdings wird das bisher totgeschwiegen“, mahnt Quaschning. Der Krieg spielt dem russischen Präsidenten sogar in die Karten – schon jetzt ist der Preis für Uran auf dem Weltmarkt um 30 Prozent gestiegen und hat den höchsten Stand seit elf Jahren erreicht. Die Sorge, Putin könnte ihnen den Uran-Hahn zudrehen, versetzt viele AKW-Betreiber in Alarmbereitschaft. Ein Trumpf für Putin, der verheerende Folgen für den Westen haben könnte.

Denn dieser hat es versäumt, sich bei Uranlieferungen um ausreichend Diversifizierung und Absicherung im Fall von Versorgungsschocks zu bemühen, wie aus der Europäischen Strategie für Energieversorgungssicherheit hervorgeht. Wenn die Uranlieferung aus Russland jetzt gestoppt würde, brauchen die Betreiber Ersatz, erklärt Quaschning. Allerdings „kann ich Brennelemente nicht auf Ebay bestellen“. Die Lieferanten seien begrenzt und die Lieferzeiten sehr lang. Ein solches Szenario könnte den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke ernsthaft gefährden, so der Experte. „Das kann die Stromversorgung ganzer Länder torpedieren.“

Sollte die Stromversorgung in Ländern wie der Slowakei oder Ungarn, die ihren Strom zu 57 und 48 Prozent aus Kernenergie beziehen und von russischen Lieferungen abhängig sind, tatsächlich ausfallen, wäre dieser auch nicht so leicht zu ersetzen. „Strom lässt sich noch schlechter transportieren als Gas und Öl“, sagt Quaschning. Je nachdem, wie stark die Leitungen ins Nachbarland seien, könne die Staatengemeinschaft einen Teil auffangen. „Ansonsten bricht die Stromversorgung aber einfach zusammen.“

Lieferungen aus Russland – trotz Flugverbot 

Dass die Stromversorgung für einige EU-Mitgliedstaaten ohne russische Lieferungen tatsächlich prekär werden könnte, zeigt folgendes Beispiel: Um die Atomkraftwerke in der Slowakei und in Ungarn mit Brennelementen zu versorgen, durften dort im März und April russische Transportmaschinen landen – trotz des EU-Flugverbots für russische Maschinen. Sie erhielten eine Sondergenehmigung. Ungarn machte zudem deutlich, dass es keineswegs auf die Kooperation mit Russland verzichten wolle.

Deutschland ist wegen seines Atomausstiegs zwar weitaus unabhängiger von russischen Uranlieferungen. An Deutschlands Atomenergie verdient Russland aber trotzdem. Durch die Übernahme von Nukem Technologies erhält Rosatom nicht nur für die Lagerung radioaktiver Abfälle Geld, sondern sogar für den Rückbau der Atomkraftwerke in Neckarwestheim und Philippsburg. Mittelbar könnte Deutschland zudem von einem Lieferstopp für russisches Uran betroffen sein, wenn dadurch „in zwei, drei anderen europäischen Ländern die Stromversorgung ausfällt“, sagt Quaschning. „Denn wir haben einen europäischen Strommarkt. Die Strompreise könnten in ungeahnte Größen steigen.“

Um eine ähnliche Situation in den USA zu vermeiden, haben amerikanische Atomstrom-Erzeuger die Regierung darum gebeten, die Uranlieferungen aus Russland trotz des Ukraine-Krieges weiterhin zu erlauben. „Die (US-Atomkraft-)Industrie ist einfach süchtig nach billigem russischem Uran“, zitierte Reuters eine Quelle aus der Industrie, die nicht genannt werden möchte. Bis heute haben selbst die USA keine Sanktionen gegen Rosatom verhängt.

Dabei wäre der riesige Staatskonzern eine geeignete Zielscheibe für Sanktionen – schon wegen seiner globalen Übermacht. „Wir müssen anfangen, auch über die Uranlieferungen aus Russland zu sprechen“, betont Quaschning. Im besten Falle stiegen auch andere Länder aus der Atomkraft aus. Zumindest aber müssen sie ihre Uranlieferanten diversifizieren. Es sei zum Beispiel auch möglich, Uran aus den USA oder anderen europäischen Staaten zu beziehen. Das sei anstrengend und dauere lange, prophezeit der Experte. „In dieser Situation gibt es aber keine andere Möglichkeit.“

Dieser Artikel ist zuerst auf ntv.de erschienen.


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