Sanktionen Russlands Wirtschaft entwickelt sich mit großen Schritten rückwärts

Containerterminal in Yekaterinburg: Wichtige technologische Importe könnten Russland in Zukunft fehlen
Containerterminal in Yekaterinburg: Wichtige technologische Importe könnten Russland in Zukunft fehlen
© IMAGO/ITAR-TASS
Der Ökonom Branko Milanovic sieht Russland vor einem gewaltigen ökonomischen Experiment. Das geplante Vaterlandsprinzip sei zwangsläufig mit Wohlstandsverlusten verbunden, da dem Land wichtige Technologie fehle

Russland scheint die vom Westen verhängten Sanktionen recht gut wegzustecken. Doch dem Ökonomen Branko Milanovic zufolge zwingen sie das Land zu einem gewaltigen ökonomischen Experiment. Russland müsse seine Industrie auf der Grundlage von Technologien wiederbeleben, die „seit 30 Jahren vor sich hin rosten“, schreibt er in seinem Blog

Milanovic war viele Jahre der Chef-Ökonom der Forschungsabteilung der Weltbank. Er lehrt unter anderem an der University of New York und an der London School of Economics. Bekannt wurde er vor allem durch seine Arbeiten zur Ungleichheit. 

Der Kreml hatte schon vor dem Angriff auf die Ukraine das Ziel ausgegeben, die russische Wirtschaft weitgehend unabhängig vom Westen zu machen. Doch nun muss das Land möglichst schnell viel Technologie ersetzen, die es bisher im Westen gekauft hatte.

Was Russland bevorsteht, heißt in der Ökonomie „Importsubstitution“. Hinter diesem sperrigen Begriff verbirgt sich eine Grundidee, die aus dem Ende des 18. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammt. Dabei versuchen Entwicklungsländer, sich – etwa durch hohe Zölle – von bestimmten Exporten abzuschotten. Ziel ist, die heimische Produktion dieser Dinge aufzubauen. Das soll erreicht werden, indem man die überlegene ausländische Konkurrenz aussperrt, bis die eigenen Hersteller wettbewerbsfähig sind.

Geschichte wiederholt sich

Diese Strategie wurde in der Geschichte häufig angewendet, beispielsweise vom zaristischen Russland. Es ging dabei immer um technologische Modernisierung. Doch Milanovic zufolge entwickelt sich Russland in die entgegengesetzte Richtung. 

Das Land sei völlig abhängig von westlicher Technologie, so der Ökonom. Es habe sich auf Rohstoffe, Nahrungsmittelproduktion und die Fertigung von weitgehend unverarbeiteten Produkten spezialisiert. Die Industrie, und damit das Rückgrat von wirtschaftlicher Entwicklung, sei über Jahrzehnte vernachlässigt worden. „Fast alles, was fortschrittliche Technologie enthält, hängt von westlicher Technologie ab“, so Milanovic.

„Wie die UdSSR in den 1980er Jahren“

Milanovic argumentiert, dass Russland die industrielle Basis fehle – und dass das durch Importe aus dem Westen kompensiert wurde. Doch die brechen angesichts der Sanktionen weg. Das Land werde in den nächsten Jahren versuchen, seine Industrie wiederzubeleben – beispielsweise Maschinen für die Förderung von Öl und Gas, Flugzeugbau, Automobilproduktion.

Die Herausforderung beschreibt er am Beispiel der Flugzeug-Industrie. Bislang hat Russland bei Airbus und Boeing eingekauft. Nun setzt das Land auf die eigene Produktion – und damit auf die Technologie, auf der der erfolglose „Superjet“ basiert. Bis Russland hier das Niveau der Europäer und US-Amerikaner erreicht habe, dauere es viele Jahre und es erfordere den Einsatz zehntausender Spezialisten, so Milanovic.

Hinzu kommt: Sobald die westlichen Sanktionen aufgehoben sind, macht die überlegene ausländische Konkurrenz alle Anstrengungen zunichte – russische Flieger werden wohl auf Jahre hinaus weniger gut sein als Airbus- und Boeing-Maschinen. „Russland wird in der gleichen Lage sein wie die UdSSR in den 1980er Jahren: Es wird eine industrielle Basis haben, aber diese Basis wird international nicht konkurrenzfähig sein“, schreibt der Ökonom.

Viele Russen überqualifiziert für neue Aufgaben

Die „Importsubstitution“ in Russland führt Milanovic zufolge zu einer völlig neuen Entwicklung. Bisher waren die Arbeitskräfte in den entsprechenden Ländern verhältnismäßig unqualifiziert. Sie mussten fortschrittlichere Fähigkeiten erlernen. Nun sei es genau umgekehrt. Russland habe Arbeitskräfte, die sehr gut ausgebildet seien. Viele Menschen hätten – wie in anderen weit entwickelten Volkswirtschaften auch – Jobs, die hohe Qualifikationen erfordern. 

Doch genau diese Jobs werden angesichts der Sanktionen weniger, weil sie auf Produkten beruhen, die bisher aus dem Westen kamen und für dessen heimische Produktion erst die industriellen Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Milanovic drückt das so aus: „Während die ursprüngliche Importsubstitution verlangte, dass halbgebildete Bauern etwas Arithmetik lernen, um Maschinen zu bedienen, müssen jetzt aus Software-Ingenieure Arbeiter werden, die in großen Fabriken auf Metall hämmern.“ Mit anderen Worten: Viele Russen sind für die neuen Jobs überqualifiziert. Aus ökonomischer Perspektive sei dieses Experiment interessant, so Milanovic. Aber „für die Teilnehmer wird das kein großer Spaß.“

Der Artikel ist zuerst auf n-tv.de erschienen


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