KolumneLangsames Impftempo tut der Volkswirtschaft weh

Impfzentrum in Hamburg: Die Impfkampagne in Deutschland läuft schleppend anIMAGO / Joerg Boethling

Deutschland impft langsam. Während Großbritannien bereits 33,7 Impfdosen pro 100 Einwohner verabreicht hat, wurde die befreiende Spritze in Deutschland bis zum 5. März nur 8,7-mal pro 100 Einwohner gesetzt. Den Unterschied werden wir in den kommenden Wochen auch in der Konjunktur und dem Staatshaushalt spüren.

Großbritannien verdankt seinen Vorsprung beim Besorgen der Impfstoffe teilweise einem Vorgehen, das nicht ganz der feinen englischen Art entsprach, um es vornehm auszudrücken. Während das Land gerne Impfstoffe aus der EU bezieht, hat es offenbar auf recht ruppige Art dafür gesorgt, dass die Inlandsproduktion eines im eigenen Land entwickelten Vakzins zunächst vorrangig im heimischen Markt verbleiben musste. Angesichts der bis vor wenigen Tagen erschreckend hohen Todeszahlen in Großbritannien kann man sogar einen gewissen Sinn darin sehen, dass die Briten sich hier einen Vorteil gesichert haben. Auch wenn die große Europäische Union ähnlich energisch vorgegangen wäre, hätte sie sich bei den noch sehr begrenzten Produktionskapazitäten wohl – pro Kopf gerechnet – keine wesentlich größere Zuteilung sichern können.

Aus wirtschaftlicher Sicht hat es für Deutschland durchaus Sinn gemacht, das Bestellen und Verteilen der Impfstoffe der EU zu überlassen. Man möge sich nur einmal den Aufschrei in Südeuropa vorstellen, wenn ansonsten auch nur der Verdacht aufgetaucht wäre, Deutschland hätte sich als Sitz von Biontech und mit seiner großen Finanzkraft einen überproportionalen Anteil an Impfstoffen verschafft. Vor knapp einem Jahr hatte Deutschland mit einem kurzen unüberlegten Versuch, die Ausfuhr von Schutzausrüstung nach Italien zu unterbinden, bereits einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Auch um diese Wogen zu glätten, hat sich Kanzlerin Angela Merkel schließlich für ein ausgesprochen großzügiges Hilfspaket in Europa ausgesprochen, dass nicht-rückzahlbare Zuschüsse von insgesamt 390 Mrd. Euro vorsieht, die zu Recht zu einem großen Teil nach Südeuropa fließen sollen.

Lieber auf Nummer sicher beim Impfen

Ein lautstarker Impfstreit innerhalb der EU hätte euroskeptischen Kräften in Südeuropa Auftrieb verleihen und somit erhebliche Turbulenzen an den Finanzmärkten auslösen können. Wie uns die Eurokrise von 2011/2012 gezeigt hat, in deren Verlauf auch die ansonsten stark aufgestellte deutsche Wirtschaft an den Rand einer Rezession geraten war, können solche Turbulenzen teuer sein.

Aber allein mit dem Verweis auf ein gemeinsames Vorgehen innerhalb der EU lässt sich der deutsche Impfrückstand nicht erklären. In der EU hat Dänemark mit bisher 12,2 Impfungen pro 100 Einwohnern vorgemacht, dass es schneller geht. Im Zweifelsfall geht Deutschland gerne auf Nummer sicher – auch beim Impfen. Entgegen der allgemeinen Freigabe durch die Europäische Arzneimittelagentur EMA hatte Deutschland den Astrazeneca Impfstoff zunächst nur für Personen bis 65 Jahren zugelassen. Zudem werden bei uns mehr Dosen der bereits gelieferten Vakzine als Reserve für die Zweitimpfung zurückgehalten. So kommt es, dass von den bereits gelieferten 10,4 Millionen Dosen Impfstoff bisher nur 7,3 Millionen verwendet wurden.

Infografik: So kommen die Corona-Impfungen voran | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Volkswirte können den medizinischen Sinn des deutschen Ansatzes letztlich nicht beurteilen. Aber angesichts der sich häufenden Berichte, dass bereits die erste Impfdosis einen erheblichen Schutz verleiht, ist es zumindest angebracht, sich auch über die wirtschaftlichen Kosten des langsamen Vorgehens Gedanken zu machen.

Erhebliches Rückschlagrisiko

Die Kontaktbeschränkungen und Lockdowns der Monate Dezember bis Februar haben die deutsche Wirtschaftsleistung unseres Erachtens um etwa 5 Prozent unter dem Normalniveau gehalten. Im Vergleich zum April 2020, in dem die deutsche Wertschöpfung offenbar um mehr als 20 Prozent unter normal lag, halten sich die Kosten der zweiten Welle somit in Grenzen. Zum einen läuft die Industrie dank reger Auslandsnachfrage gut. Zum anderen haben findige Menschen mehr Wege gefunden, sich auf die Restriktionen einzustellen. So bieten mehr Geschäfte einen „Click&Collect“ Service an, um bestellte Waren an der Ladentür abholen zu können. Ein Spirituosenhersteller in Berlin nutzt den überschüssigen Alkohol jetzt für Desinfektionsmittel, um nur einige Beispiele zu nennen. Mit einem monatlichen Minus von etwa 5 Prozent vermindert jeder Lockdown-Monat das Bruttoinlandsprodukt für die zwölf Monate des Gesamtjahres um etwa 0,4 Prozent. Das entspricht etwa 14,5 Mrd. Euro. Nach den Erfahrungen des Jahres 2020 dürfte sich nahezu der gesamte Verlust letztlich in der Staatskasse niederschlagen.

Zum Glück beginnt der Frühling. Das wärmere und sonnigere Wetter dürfte die Ausbreitung der Coronaviren erfahrungsgemäß erschweren. Deshalb wird Deutschland vermutlich trotz des bislang schleppenden Impffortschritts in den kommenden Monaten Restriktionen weiter lockern können. Allerdings bleibt das Rückschlagrisiko bei uns erheblich. Zudem werden wir hinter Großbritannien zurückbleiben. Dazu trägt auch bei, das auf der anderen Seite des Ärmelkanals derzeit täglich fast 1 Prozent der Bevölkerung getestet wird, während es bei uns nur etwa 0,2 Prozent sind.

Wie sehr ein rasches Impfen in Deutschland dazu geführt hätte, dass die Lockdowns schneller, früher und mit geringerem Risiko hätten gelockert werden können, als es jetzt der Fall ist, lässt sich kaum sagen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wären Krankenhäuser und Intensivstationen weniger belastet worden. Alles in allem würde es mich nicht wundern, wenn wir im Nachhinein feststellen könnten, dass Deutschland mit einer ähnlichen Testintensität wie in Großbritannien und mit einem rascheren Verabreichen der verfügbaren Impfstoffe sich etwa einen Monat Lockdown hätte ersparen können.

 


Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen. Weitere Kolumnen von Holger Schmieding finden Sie hier