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Patentstreit Curevac kontra Biontech: Ein nützlicher Streit

Curevac-Zentrale in Tübingen
Curevac geht juristisch gegen Biontech vor
© IMAGO / Jürgen Held
Das Tübinger Biotechunternehmen Curevac zieht gegen den erfolgreichen Konkurrenten Biontech zu Felde. Es geht um viel Geld und auch um Anerkennung. Der Streit muss nicht in eine Schlacht münden, denn Platz für zwei forschungsstarke Firmen ist in Deutschland vorhanden

Es klingt im allerersten Moment nach schlechtem Verlierer oder dem verzweifelten Versuch, Geld einzutreiben. Das Tübinger Unternehmen Curevac wirft dem deutlich erfolgreicherem Konkurrenten Biontech in Mainz vor, seine Patente verletzt zu haben und fordert eine „faire Entschädigung“. Konkret nennt Curevac vier eigene Patente gegen die Biontech verstoßen haben soll. Es geht um Verfahren zur Herstellung von mRNA-Molekülen, die die Stabilität der Boten-RNA erhöht haben, außerdem um die mRNA-Impfstoffformulierung.

Biologische Welten, die dem Laien auch im dritten Pandemiejahr allenfalls grob verständlich sind. Dass es bei der mRNA (Kurzform für Messenger-RNA, also Boten-RNA), um eine Art Bauanleitung für die Proteinherstellung in unserem Zellplasma geht, das mag der ein oder andere schon gehört haben. Auch dass es unterschiedliche mRNA-Techniken gibt, die unterschiedlich stabil sind. Doch wie und was genau – die Frage, ob hier der eine vom anderen kopiert hat – übersteigt unser Verständnis. Und so dürften sich in den nächsten Wochen und Monaten eine Armada kundiger Juristen mit pharmazeutischer Zusatzausbildung über die Daten, Befunde und Patente beugen.

Der Streit der beiden Biotechnologie-Unternehmen schwelt wohl schon eine Weile. Doch sämtlich Versuche sich im Stillen außergerichtlich zu einigen, sind nun gescheitert. Offensichtlich sehen sich beide als originäre Erfinder der mRNA-Technologie und ziehen jetzt kampfeslustig in die juristische Schlacht. Ungewöhnlich ist der Aufmarsch der Anwälte indes nicht.

Es geht um viel Geld

Tatsächlich sind Patentstreitigkeiten zwischen Wettbewerbern im Pharmabereich recht häufig. So ist Curevac auch nicht das erste Unternehmen, das Biontech wegen Patentverletzung bei der Entwicklung des mRNA-Impfstoffs verklagt. Bereits im Oktober 2020 zog das in San Diego ansässige Unternehmen Allele Biotechnology and Pharmaceuticals gegen Biontech und Pfizer vor Gericht. Der Streit drehte sich um ein Protein, dass die Impfhersteller zum Testen ihres Impfstoffs verwendet haben. Im März 2022 verklagte Alnylam aus Massachusetts Moderna und den Biontech-Partner Pfizer. Das Unternehmen behauptete, es habe vor mehr als einem Jahrzehnt die Verabreichungstechnologie erfunden, die beide Unternehmen in ihren jeweiligen Covid-19-Spritzen verwenden.

Es geht bei diesen Rechtsstreitigkeiten um eine Menge Geld. Biontech machte im vergangenen Jahr mit seinem Impfstoff einen Gewinn von mehr als 10 Mrd. Euro bei einem Umsatz von 19 Mrd. Euro – eine traumhafte Marge. Es schaffte damit den Sprung von einem verlustreichen Start-up ohne zugelassenes Produkt zum erfolgreichen Pharmakonzern mit einem Blockbuster Präparat: Der Impfstoff Comirnaty wurde bis heute Milliarden Mal verkauft.

Lichtgeschwindigkeit bei den einen, Rückwärtsgang bei den anderen: Curevacs erster Versuch, einen mRNA-Impfstoff zu entwickeln, scheiterte in der Klinik und verfehlte die Wirksamkeit, nachdem sich der Konkurrent von Biontech bereits fest auf dem Markt etabliert hatte. Entsprechend schrieb Curevac 2021 Verluste von 412 Mio. Euro und der Börsenkurs sackte in den Keller.

Zwei deutsche Vorzeigeunternehmen

Die Eskalation des Streits zwischen Curevac und Biontech ist dennoch ein Politikum. Hier streiten zwei Unternehmen mit einer ähnlichen DNA, gegründet von besessenen Forschern, finanziert von vermögenden Geldgebern, die mit langem Atem an den Erfolg glaubten und viel Geld hineinsteckten – SAP-Mitgründer Dietmar Hopp auf der einen, die Strüngmann-Zwillinge auf der anderen Seite. Zwei deutsche Unternehmen, die im Frühjahr 2020, als die Pandemie ausbricht, hoffnungsvoll ins Rennen um den Covid-Impfstoff gingen.

Curevac startete mit einem Vorsprung, sein Gründer Ingmar Hoerr erforschte bereits in seiner Promotion Ender der 90er-Jahre das Molekül, das die Medizin Jahrzehnte später revolutionieren wird: die Messenger-mRNA. Er gilt als der eigentliche Pionier der mRNA-Technologie in Deutschland. Damals hielten Hoerr viele für einen Spinner, der sich „mit seiner fixen Idee und auf dem Holzweg befindet“, so ein damaliger Mitstreiter. Die mRNA galt als zu instabil, schwer beherrschbar. Doch Hoerr glaubte fest an das Potenzial, gründete 2000 Curevac in Tübingen – ein Name, der für „heilende Impfung“ steht. Er will mit einer mRNA-Impfung, das Immunsystem aktivieren und den Krebs angreifen. Auch der Staat setzte in der Pandemie auf Curevac und stieg mit 300 Mio. Euro ein.

Das Rennen aber machte Biontech, das Mainzer Unternehmen, gegründet 2008 von dem Wissenschaftspaar Ugur Sahin und Özlem Türeci. Sie setzen frühzeitiger auf internationale Kooperation, finden den US-Pharmariesen Pfizer als Finanz- und Vertriebspartner und sind die ersten, die eine Zulassung bekommen.

Curevac will Biontech nicht ausbremsen

Und so geht es im Patentstreit wohl neben dem „fairen Anteil“ gemessen in Geld – vor allem um die Anerkennung der wissenschaftlichen Leistung des Gründers Ingmar Hoerr. Dass der Streit den Siegeszug der mRNA-Technik gefährdet, scheint ausgeschlossen. Immerhin stellte Curevac klar, keine einstweilige Verfügung oder die Einleitung rechtlicher Schritte zu planen, die die Produktion, den Verkauf oder den Vertrieb von Comirnaty durch Biontech und Pfizer behindern könnten.

Gut möglich, dass es am Ende doch noch einen außergerichtlichen Kompromiss geben wird, bei dem sich beide Parteien einigen, Patente auszutauschen und mit- statt gegeneinander zu arbeiten. In diese Richtung jedenfalls deuten Äußerungen aus Biontech-Kreisen. Im Sinne des Fortschritts wäre es allemal. Denn schließlich ist die mRNA-Technologie als Schlüssel zur Heilung von Krebs bis Alzheimer gedacht. Platz für zwei forschungsstarke Unternehmen ist also allemal.

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