KommentarCurevac und der Kampf gegen die Mutanten

Curevac-Zentrale in TübingenIMAGO / ULMER Pressebildagentur

Kurz vor Mitternacht erlosch die Hoffnung. Der Impfstoffkandidat CVnCoV des Tübinger Unternehmens Curevac habe lediglich eine Wirksamkeit von 47 Prozent gezeigt, so der Befund, den das Unternehmen via Pflichtbörsenmitteilung Mittwochnacht offenbarte. Ein vorläufiges Ergebnis, Teil einer Zwischenanalyse. Aber doch mit einer knallharten Konsequenz: Für eine Zulassung bei der europäischen Zulassungsbehörde EMA reicht das bei weitem nicht. Die Daten sind miserabel im Vergleich zu dem, was Konkurrent Biontech/Pfizer lieferte, dessen mRNA-Impfstoff zu 95 Prozent wirkt.

Die Tragik könnte kaum größer sein. Ausgerechnet das Unternehmen, dass die revolutionäre mRNA-Technologie quasi erfunden hat, dessen Gründer Ingmar Hoerr in seiner Doktorarbeit die Grundlagen erforschte und im Frühjahr für den Nobelpreis nominiert wurde, ist nun in der entscheidenden Studie durchgefallen. Damit zerbirst auch die lang genährte Hoffnung, dass Curevac im Rennen um die Entwicklung neuer Impfstoffe gegen die Covid-19-Pandemie einen späten Sieg davontragen könnte. Mit diesem Narrativ hatte das Unternehmen lange Zeit um Geduld bei Investoren, Regierungen und der Bevölkerung geworben. Schließlich sei die Welt noch lange nicht durchgeimpft, gerade in Schwellenländern sei der Bedarf noch groß und Auffrischungsimpfungen würden weltweit nötig. Zudem hätte Curevacs Impfstoff viele Vorteile, so sei er leicht zu transportieren, da CVnCoV keiner aufwändigen Kühlkette bedarf.

All das zieht nun nicht mehr. Die Börse strafte das Unternehmen knallhart ab – der Kurs sank phasenweise um über die Hälfe, mit einem Schlag waren mehr als 8 Mrd. Dollar an Marktkapitalisierung vernichtet.

CureVac Aktie

CureVac Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Doch auch jenseits der Finanzmärkte wirft das Resultat viele Fragen auf – für die Welt, aber auch für Curevac. Wie geht es jetzt mit dem Impfen weiter, haben andere Hersteller die Mutanten besser im Griff, was wird überhaupt aus Curevac, wenn die Wette (spät, aber besser) nicht aufgeht?

Curevac bekommt die Mutanten nicht in den Griff

Klar ist schon jetzt, Curevac startet einen neuen Versuch. Wie schnell sie ihre Wirksamkeit aber erhöhen können, ist unklar. Angeblich ist der große Vorteil der mRNA-Technologie ja gerade, dass sie relativ rasch auf neue Virus-Mutanten umzuprogrammieren sei. Aber Curevac selbst will keine konkreten Prognosen mehr machen: Es soll eine neue Studie geben mit einem neuen Impfstoffkandidaten, mit einer Zulassung ist vielleicht 2022 zu rechnen. Vorerst fällt Curevac jedenfalls als Lieferant aus, damit fehlen weltweit in diesem Jahr rund 300 Millionen CVnCoV-Impfdosen und bis zu einer Milliarde im nächsten Jahr. Deutschland und die EU dürften das verkraften – es gibt neue Anbieter und Biontech baut weiter Kapazitäten auf, auch wenn sich damit das Impfen etwas verzögern wird und vor allem Kinder und Jugendliche länger warten müssen. Anders sieht es schon in den ärmeren Ländern aus.

Für sein Scheitern verantwortlich macht Curevac die Schar neuer Varianten. Man sei mit einer „beispiellosen“ Situation konfrontiert gewesen, da jetzt 13 Varianten im Umlauf seien. Von 124 untersuchten Covid-Erkrankten war lediglich ein einziger Fall auf das ursprüngliche Sars-CoV-2-Virus zurückzuführen. Mehr als die Hälfte der Fälle (57 Prozent) seien durch „Concern“-Varianten, also besorgniserregende Mutanten, verursacht worden, so das Unternehmen. Wenn Curevac Recht hat und die Varianten einen sonst wirksamen Impfstoff besiegt haben, stellt sich die Frage, was das für die mRNA- Impfstoffe von Pfizer/Biontech und Moderna heißt. Beide nutzen die gleiche grundlegende mRNA-Technologie, um das Immunsystem mit Kopien des Spike-Proteins auf Zelloberflächen zu aktivieren. Bisher punkten beide mit hohen Wirksamkeitsraten und Sicherheit – zumindest bei den bekanntesten Varianten. Doch was ist mit immer neuen und aggressiveren Varianten – sind sie in der Lage diese neuen Feinde zu besiegen?

Wettlauf gegen die Varianten

Hoffnung weckte dieser Tage übrigens ein ganz anderer Impfstoffhersteller: Der US-Hersteller Novavax meldete eine Wirksamkeitsrate von 90,3 Prozent bei fast 30.000 Patienten in den USA und Mexiko. Novavax funktioniert nach dem bekannten Prinzip wie etwa Impfungen gegen Hepatitis-B oder Tetanus: Er enthält einen winzigen Partikel des markanten Spike-Proteins. Das Immunsystem reagiert auf die Proteine im Impfstoff. Doch bei näherem Hinsehen wird klar. Bei der südafrikanische Variante B.1.351 macht auch er schlapp (49 Prozent Wirksamkeit). Zu anderen Varianten wie Gamma oder Delta liegen bislang noch keine Angaben vor.

Es sind keine guten Neuigkeiten, die von Curevac kommen, weder für das Unternehmen noch für die Pandemiebekämpfung. Denn nun stellt sich die Frage, wer schneller ist, die Mutanten oder wir.

 


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