Kolumne Neues Rennen zwischen Biontech und Moderna

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Curevac spielt mittelfristig keine Rolle mehr auf dem Markt für Corona-Impfstoffe. Den Wettstreit machen Biontech und Moderna unter sich aus

Seit bei Curevac die finalen Daten der Impfstoffstudie vorliegen, ist die Tübinger Pharmafirma erst einmal aus dem Rennen. Noch spekulieren viele Anleger darüber, ob das Unternehmen vielleicht doch noch eine Zulassung für seinen Wirkstoff gegen das Covid-19-Virus erhält. Deshalb stürzte die Aktie zwar letzte Woche zum zweiten Mal ab, aber die Marktkapitalisierung von 14 Mrd. Dollar enthält immer noch sehr viel Hoffnung auf eine Wende zum Besseren. So oder so: Ein Vergleich mit den beiden anderen Pionieren der mRNA-Technologie zeigt auf jeden Fall, wie groß der Abstand mittlerweile ist: Moderna kommt auf einen Unternehmenswert von fast 100 Mrd. Dollar, während Biontech fast 55 Mrd. Dollar auf die Waage bringt.

Noch verheerender fällt ein Vergleich bei den Umsätzen und Gewinnen aus. Während Moderna und Biontech so viel Geld verdienen, dass sie ihren Vorsprung bei Vakzinen weiter ausbauen und auch bei anderen mRNA-Anwendungen endlich aus dem Vollen schöpfen können, muss Curevac mit knappen Mitteln in die nächste Runde gehen. Unter den jetzigen Bedingungen ist es nahezu unmöglich, neue Investoren nach Tübingen zu locken. Und ob die alten Anteilseigner so einfach noch mehr Geld nachschießen, muss man abwarten. Sich ein Szenario ausdenken, wie Curevac doch noch mit Biontech oder Moderna gleichzieht, fällt auf jeden Fall schwer.

In den nächsten zwei Jahren dürfte der Wettkampf um die besten Anwendungen für die revolutionäre mRNA-Technologie also vorerst zum Duell zwischen zwei Unternehmen werden: Moderna und Biontech. Die Investoren sehen dabei offenbar Moderna vorn, sonst wäre das Unternehmen nicht doppelt so viel wert wie Biontech. Rationale Gründe für diese große Bewertungslücke aber gibt es nicht wirklich. Beide Unternehmen setzen auf die gleiche Technologie, auch wenn es in den Details einige Unterschiede gibt. Beide arbeiten an neuen Anwendungen, die sich stark ähneln. Über genügend Finanzmittel verfügen beide, hinter beiden stehen wichtige Ankeraktionäre. Biontech verfügt im Vergleich über die besseren Manager, Moderna über das bessere Marketing.

Biontech oder Moderna: Wer ist besser für die Anleger?

Ein Argument für die Bewertungslücke dürfte Pfizer sein. Der US-Pharmariese setzt zwar seine Partnerschaft mit Biontech fort, will zugleich aber schnell eigene mRNA-Vakzine entwickeln. Wenn das gelingt, so unken einige Analysten, könnte Biontech ins Hintertreffen geraten. Doch in Wahrheit sind die Deutschen sehr vorsichtig, sich zu sehr von ihren Partnern in aller Welt abhängig zu machen.

Letztlich trauen viele Investoren einer amerikanischen Firma einfach die bessere und vor allem schnellere Monetarisierung der Produkt-Pipeline zu. Die Deutschen stehen im Verdacht, sich zu sehr auf die Wissenschaft zu konzentrieren – obwohl sie in der Corona-Epidemie das genaue Gegenteil bewiesen und sich mit hoher Geschwindigkeit um Produktion und Vermarktung ihres Vakzins gekümmert haben.

Wer für die Anleger am Ende wirklich die Nase vorn hat, entscheidet sich bei der Entwicklung neuer mRNA-Therapien. Beide Unternehmen müssen zeigen, dass sie ihren Erfolg mit dem Covid-19-Vakzin auch auf anderen Feldern wiederholen können. Nur dann ist ihre sehr hohe Marktbewertung berechtigt. Bis dahin dürfte der Verdacht, Moderna und Biontech seinen vielleicht doch nur „One Trick Ponies“, für sehr volatile Aktienkurse sorgen.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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