Kolumne Die Ankündigungsweltmeister von Curevac

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Der Tübinger mRNA-Spezialist Curevac verspricht viel. Aber die Anleger glauben es nach dem Impfstoffflop immer weniger. Bernd Ziesemer über das Wortgeklingel des Biontech-Konkurrenten

Nun also die Affen. Genauer gesagt: die Primaten der wissenschaftlichen Gattung Macaca, gemeinhin auch als Makaken bekannt. Die Versuchstiere zeigen nach der Verabreichung eines neuen Impfstoffs eine sehr hohe Antikörperreaktion gegen Coronaviren, wie der Tübinger mRNA-Spezialist Curevac letzte Woche stolz verkündete. Der „Antikörperspiegel“ der Affen sei sogar „vergleichbar“ hoch wie bei einer Impfung mit dem bereits in aller Welt bewährten Präparat von Biontech.

Sich mit einem Tierversuch öffentlich aufzuplustern noch bevor die richtigen klinischen Tests für den neuen Curevac-Impfstoff überhaupt begonnen haben, dazu gehört schon Chuzpe. Gleichzeitig aber auch noch zu verkünden, man „hoffe“ auf eine Zulassung des mRNA-Präparats „noch 2022“ überschreitet die Grenzen der Seriosität. Und auch das Gerede über einen Impfstoff der „zweiten Generation“, als ob Curevac die gesamte Konkurrenz mit einem Schlag überholen könnte, fällt in die Kategorie des bloßen Wortgeklingels.

Curevac arbeitet seit nunmehr über 20 Jahren an der mRNA-Technologie, ohne ein einziges Präparat durch die Zulassung zu bringen. Noch 2018 hieß es aus der Tübinger Firmenzentrale: „Curevac führt das Feld der mRNA-Technologie an.“ Ein Jahr zuvor scheiterte jedoch bereits die groß angekündigte Entwicklung eines Medikaments gegen Prostatakrebs. Und der erste Kandidat für einen Impfstoff gegen Corona erwies sich in diesem Jahr als unbrauchbar. Bis in den Sommer dieses Jahres verbreitete Curevac jedoch immer neue Botschaften der Hoffnung, die sich am Ende als falsch entpuppten.

Curevac hat viel versprochen aber bislang wenig gehalten

Nun ist es in der Pharma- und besonders in der Biotechbranche nicht ungewöhnlich, dass sich hoffnungsvolle Ansätze am Ende doch wieder zerschlagen. Die meisten Unternehmen halten sich deshalb auch mit vorschnellen Erfolgsmeldungen zurück. Nicht jedoch Curevac: Die Manager aus Tübingen gelten in der Branche längst als Weltmeister der Ankündigungen. Das hat viel mit dem Hauptaktionär zu tun, dem legendären SAP-Gründer Dietmar Hopp, der das Unternehmen seit nunmehr über 20 Jahren finanziell am Leben hält, immer mal wieder brachial eingreift und Köpfe rollen lässt, aber allmählich auch Erfolge sehen möchte. Offenbar will man den Milliardär mit immer neuen Meldungen bei Laune halten.

Die Börse bewertet Curevac immer noch mit fast 7 Mrd. Euro. Das ist sehr wenig im direkten Vergleich mit den beiden Hauptkonkurrenten Moderna (fast 100 Mrd. Euro) und Biontech (gut 60 Mrd. Euro), aber außerordentlich viel für ein Unternehmen mit einer mittlerweile sehr langen Geschichte von gebrochenen Versprechungen, internen Machtkämpfen und gefloppten Entwicklungsprojekten. Hinter der positiven Bewertung steckt die Hoffnung, dass die Curevac-Manager mit ihrem reichen Erfahrungsschatz am Ende doch noch den Durchbruch mit ihrer mRNA-Technologie schaffen. Die Aktie profitiert auch von den Kooperationen, die Curevac in der Vergangenheit verkünden konnte, etwa mit Bayer oder dem Pharmariesen GlaxoSmithKline (GSK). Allmählich aber werden die Anleger doch deutlich skeptischer: Die Aktie liegt mit knapp 37 Euro mittlerweile nicht nur weit unter ihrem Allzeithoch von 125 Euro, sondern auch unter ihrem ersten Kurs nach dem Börsengang.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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