Impfstoff-StreitWarum haben wir so wenig Impfstoff? Ein Streitgespräch

Die Impfzentren wie dieses in Hanau sind bereit, doch der Impfstoff lässt auf sich wartenIMAGO / Patrick Scheiber

Dass die Europäische Union bisher zu wenig Impfstoff hat – darüber sind sich alle einig. Doch die Frage, warum das so ist und was man dagegen tun kann, entzweit die deutschen Volkswirte. Die Wirtschaftsprofessoren Sebastian Dullien und Jan Schnellenbach streiten über die Fehler des Sommers 2020, den Geiz der EU und die merkwürdigen Unterschiede bei der Ausgabe der Impfdosen

Jan Schnellenbach ist Professor für Mikroökonomik an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg. Zuvor war er geschäftsführender Forschungsreferent des ordoliberalen Walter Eucken Instituts. Sebastian Dullien leitet als wissenschaftlicher Direktor das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung in Düsseldorf

Capital: Es gibt sehr viel Kritik an der EU und der Bundesregierung. Man hätte, so heißt es, im vergangenen Jahr eine ganz andere Strategie hinsichtlich der Impfstoffe verfolgen müssen. Hätte es denn aus ökonomischer Sicht einen Weg gegeben, tatsächlich jetzt mehr Impfstoff zu haben?

Schnellenbach: Ich denke schon. Die Europäische Union hätte viel früher Verträge mit den Herstellern abschließen müssen als sie es getan hat. Da hinken wir einige Monate hinter dem Vereinigten Königreich hinterher. Und wir hätten auch klügere Verträge abschließen können, wenn man Ökonomen hinzugezogen hätte. Man hätte sehr hohe Preise für Impfstoffdosen anbieten müssen, wenn sie früh geliefert werden. So hätten die Hersteller Anreize gehabt, schon bei Vertragsabschluss neue Kapazitäten aufzubauen. Ich denke, dann hätten wir jetzt auch höhere Impfstoffmengen als wir sie tatsächlich haben.

Sebastian Dullien (Foto: IMAGO / IPON)

Dullien: Ich glaube auch, dass wir heute deutlich mehr Impfstoff haben könnten, wenn wir es anders gemacht hätten. Allerdings bezweifle ich, dass es gereicht hätte, einfach mehr oder früher oder zu höheren Preisen zu bestellen. Eine engere Kooperation mit den Impfstoffherstellern wäre sicher wichtig gewesen, in der man viele Fragen hätte klären können: Wie baut man die Produktion aus? Können Mehrkosten vielleicht übernommen werden? Woran mangelt es noch? Wenn ich nur am Vertrag etwas ändere, gibt es zu viele Unsicherheiten.

Was genau meinen Sie?

Dullien: Nehmen wir an, ich schreibe einfach nur in den Vertrag, dass es eine hohe Prämie gibt, wenn viel und früh geliefert wird. Dann besteht die Gefahr, dass ich einen Anreiz schaffe, mit den klinischen Daten Schindluder zu treiben, damit die Zulassung schneller kommt.

Jan Schnellenbach (Foto: Privat)

Schnellenbach: Naja, Anreize für Schindluder hätte es ja ohnehin gegeben. Es war absehbar, dass derjenige die großen Umsätze macht, der als erster einen funktionierenden Impfstoff entwickelt. Wir mussten immer darauf vertrauen, dass das kompetent kontrolliert wird, und das hat ja offenbar auch funktioniert, denn wir haben ja jetzt sichere Impfstoffe. Was den Vorschlag einer stärkeren Planung und Koordination angeht: Beides haben wir ja ansatzweise gehabt. Es wurden Zuschüsse gezahlt, an Astra Zeneca und auch an Biontech, damit sie ihre Kapazitäten ausweiten können. Das hat nur offensichtlich nicht so gut funktioniert. Es ist schon richtig, da auf marktwirtschaftliche Prämien und Anreize zu setzen und nicht auf Planwirtschaft, denn mit den Prämien werden tatsächlich gelieferte Dosen belohnt.

Die EU hat dem Hersteller 336 Mio. Euro gezahlt – noch vor der Zulassung.

Dullien: Genau. Aber wo ist das ganze Geld für die Vorproduktion eigentlich hingeflossen? Mit finanziellen Anreizen muss man zudem schon sehr vorsichtig umgehen, das kann schnell in die falsche Richtung gehen. Stellen wir uns vor, es wird ein Impfstoff zugelassen, bei dem es Sicherheitsprobleme gibt und dann treten Schäden bei den Geimpften auf. Dann hätten wir uns einen Bärendienst erwiesen. Die Briten haben schneller zugelassen, und das ist gut gegangen. Das muss aber nicht heißen, dass es immer gut geht.

Sie verfolgen unterschiedliche Ansätze, gehen aber beide gehen davon aus, dass wir heute mehr Impfstoff haben könnten. Was ist denn aus Ihrer Sicht der zentrale Managementfehler im vergangenen Frühjahr oder Sommer gewesen?

Dullien: Eines der Probleme war, dass zu sehr aufs Geld geachtet wurde. Man hätte sich viel mehr ins Zeug legen können und das Impfen zu einer europäischen Aufgabe mit höchster Priorität machen müssen. Aber wir müssen auch ehrlich sein. Es gab dafür im Sommer nicht unbedingt die nötigen Mehrheiten in der EU. Manche Mittel- und Osteuropäer sahen die Pandemie nicht als das ganz große Problem, und aus ihrer Sicht waren die Hightech-Impfstoffe auch zu teuer. Es wurde schlicht nicht erkannt, wie hoch der Nutzen für alle sein würde, wenn schnell geimpft werden könnte.

Schnellenbach: Ich sehe es auch so, dass zu wenig bezahlt wurde. Dahinter steht die Idee von einem ganz normalen, statischen Beschaffungsprozess. So wie bei Büroklammern oder Druckerpapier. Man kauft etwas, und die Kapazitäten sind schon da, und man füllt den Bestellbogen aus. Die EU hat diesen dynamischen Prozess nicht verstanden, dass überhaupt erst einmal Kapazitäten aufgebaut werden müssen. Dafür hätte es Anreize geben müssen.

Aber was, wenn, wie Herr Dullien sagt, sich da einige Länder quer stellen?

Schnellenbach: Das stimmt natürlich. Aber wenn wir so erhebliche Unterschiede in den Präferenzen der Länder haben, dann müssen wir uns auch fragen: Warum machen wir das überhaupt zentral? Macht es doch dezentral und einigt Euch nicht auf irgendeinen Kompromiss, der am Ende den Präferenzen keines Partners wirklich entspricht. Dann muss eben jedes Land für sich selbst schauen, wie es vorgeht.

Dullien: Da möchte ich widersprechen. Es hätte ja niemandem geholfen, wenn Deutschland durchgeimpft gewesen wäre, der Rest der EU aber nicht. Wir haben das beim Einbruch der Wertschöpfung im Frühjahr 2020 gesehen. Ein wesentlicher Grund für die Probleme der Industrie war, dass die grenzüberschreitenden Lieferketten unterbrochen wurden. Weil in anderen EU-Ländern die Pandemie viel härter eingeschlagen ist als bei uns. Man bekommt so eine Lage nicht in den Griff, indem jeder sich alleine durchkämpft. Es war schon richtig, das auf europäischer Ebene zu machen.