EZB-SitzungLagardes große Chance

EZB-Präsidentin Christine Lagardeimago images / Hannelore Förster

In der Kommunikation der Europäischen Zentralbank arbeiten zahlreiche deutsche Muttersprachler. Für sie dürfte also absehbar gewesen sein, dass ein Kaufprogramm mit dem Namen „PEPP“ zur Überschrift „Die EZB braucht mehr Pepp“ in Analysten-Studien führen würde. Doch die wichtigste Frage für die Pressekonferenz mit Notenbank-Präsidentin Christine Lagarde am Donnerstag ist gar nicht die nach einer möglichen Ausweitung des Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP). Und von der Antwort hängt ein wenig auch die Zukunft der Bundesanleihe als Benchmark der Eurozone und auch die Zukunft des Euro selbst ab.

Ja, die „geldpolitische Sondermaßnahme“, wie die Notenbank selbst PEPP bezeichnet, dürfte erhöht werden. Schließlich ist die Wirtschaft der Währungsunion wegen der Corona-Pandemie im freien Fall und die Inflationsrate ist im Mai auf 0,1 Prozent gefallen. Das lag zwar auch an den ultraniedrigen Ölpreisen, nachdem Russland und Saudi-Arabien im März einen Preiskrieg angezettelt hatten. Doch auch in der so genannten Kernrate (also ohne die schwankungsanfälligen Komponenten Energie und Lebensmittel) steht nur ein Anstieg von 0,9 Prozent zu Buche. Es herrscht Deflationsalarm in Euroland.

Eine EZB, die ihr Mandat ernst nimmt, wird die Geldpolitik lockern. Und weil negative Leitzinsen auch von Notenbankern zunehmen kritisch gesehen werden, spricht vieles für eine Ausweitung der Anleihekäufe.

„Das PEPP ist das Instrument der Stunde, vor allem wegen seiner praktischen Flexibilität“, sagt Ulrike Kastens, Europa-Volkswirtin bei der Fondsgesellschaft DWS in Frankfurt. „Auch wir sind der Meinung, dass die EZB nochmals nachlegen wird. Wir rechnen sowohl mit einer Verlängerung des PEPP bis ins Jahr 2021 hinein, als auch mit einer Anhebung des Volumens von derzeit 750 Milliarden auf mindestens 1000 Mrd. Euro, vielleicht sogar mehr.“

Alles andere als eine PEPP-Ausweitung wäre aus Sicht der Kapitalmärkte eine Enttäuschung. Das Risiko ist asymetrisch verteilt: Liefert Lagarde wie erwartet oder gar ein bisschen mehr, sollte am Markt nicht viel passieren. Enttäuscht sie jedoch, so dürften die Aktienmärkte nachgeben und der Euro wahrscheinlich aufwerten. Das Risiko liegt also, wie Geldpolitiker sagen, auf der Unterseite.

Was sagt Lagarde zu Blue Bonds?

Über den Tag hinaus wird jedoch ein anderes Thema bedeutsam sein: Die Frage, wie die EZB künftig mit Blue Bonds gedenkt zu verfahren. Als „blaue Anleihen“ bezeichnen Marktteilnehmer jene Bonds, welche EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zur Finanzierung der Wiederbelebung der europäischen Wirtschaft nach der Corona-Krise begeben möchte. Im Raum steht die stolze Zahl von 500 bis 750 Mrd. Euro. Zum Vergleich: Die Bundesrepublik Deutschland hatte nach Angaben ihrer Finanzagentur im ersten Quartal Schulden von rund 1,1 Billionen Euro, also 1100 Mrd. Euro und damit etwa so viel wie im Jahr 2011. Auf Bundesanleihen entfielen (Stand: Ende Dezember 2019) rund 720 Mrd. Euro.

Damit wäre, wenn der Kommissionsplan vollständig umgesetzt wird, das Volumen von Blue Bonds in etwa so groß wie das der Bundesanleihen. Auch selbst mit den zu vermutenden 500 Mrd. Euro wäre eine starke Konkurrenz da. Von einem „Game Changer“ für den Markt von Euro-Staatsanleihen spricht Steven Major, Leiter der Rentenanalyse bei HSBC, der größten Bank Europas.

Doch damit das Spiel tatsächlich ein anderes wird, benötigt es noch eine Zutat: die Bereitschaft der EZB zum Aufkauf von Blue Bonds. Deshalb ist es so wichtig darauf zu hören, was Lagarde hierzu sagen wird. Da der Kommissionsplan noch nicht beschlossen ist, wird sie sich wohl nicht klar positionieren. Aber es lohnt auf Details und Andeutungen zu lauschen.

Sollten Blue Bonds kommen, würden sie die Rolle der Bundesanleihe als Benchmark für Euro-Staatsanleihen durchaus infrage stellen. Für den Bund könnten etwas höhere Zinsen die Folge sein, was bei einer negativen Rendite von -0,4 Prozent auf zehnjährige Bundesanleihen aber zu verkraften sein wird.

Die Blue Bonds könnten aber noch einen ganz anderen Effekt haben, nämlich den Euro stabilisieren. Im Detail ist zwar die Frage nach der Rolle von Nicht-Euroländern wie Schweden oder Polen bei Blue Bonds zu klären, aber mit dem Brexit hat deren Stimme ohnehin in Brüssel an Gewicht verloren. Doch wenn hinter der Gemeinschaftswährung endlich eine gemeinsame Anleihe der Mitglieder stünde und diese von Zentralbank garantiert wird, dann wäre einer der Konstruktionsfehler des Euro beseitigt. Das würde die Gemeinschaftswährung weniger anfällig machen und könnte zugleich den Dollar ernsthaft herausfordern.

Lagarde hat also eine große Chance.

 


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