KommentarDie 1,8-Billionen-Euro-Bescherung

EZB-Chefin Lagarde und Kommissionspräsidentin von der Leyen begrüßen sich auf dem EU-Gipfel in BrüsselGetty Images

Man könnte es sich ganz einfach machen und sagen: Die EZB macht weiter ihren Job. Und die EU hat sich endlich geeinigt. Fertig, fröhliche Weihnachten, und nun allen ein frohes Neues Jahr mit weniger Pandemie und mehr Wachstum.

Auch auf den zweiten Blick kann Europa aufatmen. Der Weg für das 1,8 Billionen Euro schwere Finanzpaket ist frei: Es gibt einen Kompromiss mit Polen und Ungarn, die das Corona-Hilfspaket in Höhe von 750 Mrd. Euro und den regulären EU-Haushalt (1,1 Billionen) nicht mehr blockieren. Ein letzter Erfolg für die deutsche Ratspräsidentschaft. Allein der ungelöste Brexit schwebt nun noch über dem Kontinent, eine Lösung bis Sonntag ist extrem unwahrscheinlich.

Und die Europäische Zentralbank, nun, die feuert weiter aus allen Rohren und stockt ihr Krisenprogramm mit dem skurrilen Akronym PEPP um weitere 500 Mrd. Euro auf, auf nun 1,85 Billionen Euro (die letzte Erweiterung gab es im Juni um 600 Mrd. Euro). Laufende Anleihenkaufprogramme mit anderen Kürzeln, deren Existenz man ein wenig aus den Augen verloren hat, werden fortgesetzt. Zudem werden die Banken weiter mit Langfristkrediten gepäppelt, um die Kreditvergabe anzukurbeln. Die Leitzinsen werden allerdings nicht weiter ins Minus gedrückt.

Die zweite Welle gegen die zweite Welle also – das Volumen allerdings enttäuschte die Finanzmärkte. Sie hatten mehr erwartet und erhofft. Ein Symptom für die Tiefe dieser Krise, wenn 500 Mrd. Euro zusätzlich an frischem Geld für Enttäuschungen sorgen.

Die Genesung wird mühsam

Auch wenn einem bei solchen Zahlen, Summen und Programmen schwindelig wird: Die Woche endet alles in allem mit guten Nachrichten. Diese Krise ist nicht nur schwerer als jede andere, sie bleibt auch unkalkulierbarer, Impfstoff hin oder her. Das Krisenmanagement auf europäischer Ebene steht und funktioniert. Die EU und vor allem der Euro stünden ohne das Corona-Paket schwächer und verletzlicher da. Europa hat also, den Brexit einmal ausgenommen, die große Krise in der Krise noch einmal abgewendet. Alles gut also? Natürlich nicht.

Es wird noch mindestens ein Jahr dauern, bis die Welt den Wachstumsschock dieser Pandemie verdaut hat, das globale BIP soll nach Erwartungen der OECD 2021 um 4,2 Prozent wachsen, nachdem die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 4,2 Prozent geschrumpft ist. Bis die Weltwirtschaft den Wachstumspfad, den sie ohne Pandemie eingeschlagen hätte, erreicht, wird mehr Zeit nötig sein, das gilt auch für Deutschland. Für Europa erwarten die Ökonomen der EZB ein Minus von 7,3 Prozent in diesem Jahr, für 2021 ein Plus von 3,9 Prozent. Die Genesung wird mühsam. Und die Inflation? Die steigt so wenig, wie die Corona-Fallzahlen sinken.

Die Formel ist klar: Je schneller der Impfstoff verteilt ist, desto schneller die Erholung – er ist 2021 das wichtigste Produktionsgut der Erde.

Wir werden zudem viel darüber streiten, ob diese 750 Mrd. Euro auch wirklich sinnvoll ausgegeben werden. Den Notenbanken bleibt über Monate und Jahre nur das Management von Notständen, die Rückkehr zur Normalität fällt aus. Vermutlich wird es auch in der Zentralbankenwelt eine „neue Normalität“ geben, in der die Notenbanker diese großen Bestände an Staatsschulden einfach mitschleppen. Die Bilanz der EZB beträgt bereits über 60 Prozent des europäischen BIP, rund 6,8 Billionen Euro.

Ein angespanntes Weihnachten

Anders gesagt: Für die Anleihenkaufprogramme wird es auch dann, wenn der letzte Bürger des alten Kontinents geimpft ist, keine Exit-Strategie geben. Die Italiener fragten schon, ob man nicht die in der EZB-Bilanz schlummernden Schulden gleich löschen könne, was die sonst so pragmatische „Financial Times“ schroff als „misguided“ verurteilte. (Die italienische Regierung hat inzwischen einen Rückzieher gemacht.)

Deutschland ringt derweil mit seinem vergeigten Lockdown, ärgert und quält sich, die Stille vor diesem Fest ist gespenstisch. Man wünscht sich fast ein wenig Hetze und Lärm, damit man das Gefühl hat, jetzt endlich runterzukommen. Man vermisst: Glühwein, Gottesdienste, Chöre, Händel, Bach, Mandeln, Musik, Weihnachtsfeiern. Auch die Diskussionen, wer, wen, wann besucht und wie lange, mit dem üblichen Erwartungs- und Emotionsmanagement der Verwandten, läuft diesmal in ganz andere Sphären und Schwingungen. Ein angespanntes Weihnachten.

Im März haben wir mehr Abgründe befürchtet, ab Sommer mehr Normalität erhofft. Am Ende des Jahres liegen wir irgendwo dazwischen.

 


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden