Zinswende Die EZB nimmt den Kampf gegen die Inflation auf

EZB-Präsidentin Christine Lagarde
EZB-Präsidentin Christine Lagarde
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Um die Inflation einzufangen, lässt die Europäische Zentralbank früher als geplant ihre Kaufprogramme auslaufen. Investoren hatten auf weitere Unterstützungsmaßnahmen gehofft

Die EZB schätzt in ihrer jüngsten Prognose, dass die Inflation aufgrund des Kriegs in der Ukraine, den Sanktionen gegen Russland und den noch Pandemie-bedingen Lieferengpässen im Schnitt 5,1 Prozent betragen werde. Noch vergangenen Dezember war die Notenbank von 3,2 Prozent ausgegangen. Das ist der höchste Wert seit Dekaden und hat die Währungshüter in Alarmbereitschaft versetzt.

In ihrer Sitzung am Donnerstag beschloss der EZB-Rat die milliardenschweren Anleihenkäufe des sogenannten APP-Programms schneller als ursprünglich geplant zurückzufahren. Im April sollen noch 40 Mrd. Euro an Vermögenswerten aufgekauft werden, im Mai 30 Mrd. Euro und im Juni dann 20 Mrd. Euro. Im dritten Quartal sollen sie ganz auslaufen, sofern sich die Inflation bis dahin wieder normalisiert habe, sagte EZB-Chefin Christine Lagarde. Die Euro-Notenbank strebe eine Inflationsrate von zwei Prozent an und will die Teuerung mit ihren Maßnahmen auf 2,1 Prozent in 2023 und 1,9 Prozent in 2024 drücken.

Preisstabilität bleibt das oberste Ziel

Damit ist der Weg für eine Zinswende offen. Es gehe jedoch vor allem um „maximale Flexibilität und Agilität“, betonte Lagarde. Heißt: Die EZB will sich alle Möglichkeiten offenhalten, auch die, den Zins anzuheben, der derzeit noch beim Rekordtief von minus 0,5 Prozent steht. „Die EZB hat damit klar signalisiert, dass Preisstabilität ihr oberstes Ziel ist und sie angesichts der erreichten Stärke und Breite des Preisauftriebs mit einer Straffung der Geldpolitik nicht länger warten kann“, sagte Makroökonom Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg.

Zum genauen Zeitpunkt einer möglichen Zinserhöhung äußerte sich die EZB-Chefin jedoch nur vage: Die Wende stehe erst „einige Zeit nach dem Ende“ der Käufe an. Das könnte „eine Woche oder auch Monate“ bedeuten.

Investierende waren von der plötzlich offensiven EZB wenig angetan, sie hatten darauf gehofft, dass der EZB-Rat die Wirtschaft wegen der zu erwartenden Schäden aufgrund der Sanktionen gegen Russland, einem möglichen Energieembargos und der Rohstoffknappheit weiter stützen würde. „Zwar birgt der russische Überfall auf die Ukraine auch enorme konjunkturelle Risiken für die Eurozone, offenbar gewichten die Währungshüter diese jedoch weniger stark als die Inflationsrisiken“, sagte Volkswirt Jörg Angele von der Bank Bantleon.

Der Dax legt den Rückwärtsgang ein

Der deutsche Leitindex Dax, der am Mittwoch um fast acht Prozent und damit 100 Punkte gestiegen war, fiel am Donnerstag erneut um knapp drei Prozent, auch der Eurostoxx 50 gab um rund drei Prozent nach. „Der geldpolitische Schlüssel wurde uns weggenommen und wir es wird keine Entlastung durch weitere Anreize geben“, erklärte Patrick Spencer, stellvertretender Vorsitzender für Aktien bei RW Baird, die schlechte Laune der Aktienanlegenden.

Auch auf der Anleihenseite ging es turbulent zu. Die Rendite der 10-jährigen deutschen Bundesanleihe, ein Barometer für die Kreditkosten in der Eurozone, stieg um 0,07 Prozentpunkte auf 0,26 Prozent. Die Anleihenpreise gingen stark zurück.

Die Märkte preisen im erneuten Abwärtstaumel jedoch nicht nur die EZB-Entscheidung vom heutigen Donnerstag ein. Sie reagieren auch auf die erneut gescheiterten Verhandlungen über einen Waffenstillstand in der Ukraine. Je länger der Konflikt dauert, umso stärker trüben sich die wirtschaftlichen Aussichten ein. Das Ausmaß der negativen Effekte werde davon abhängen, „wie sich der Konflikt entwickelt“, sagte auch Lagarde. Die russische Invasion in der Ukraine habe der Rat als „Wendepunkt für Europa“ bezeichnet. Die EZB werde alles tun, um Preis- und Finanzstabilität zu sichern.

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