Kolumne Kaum Bewegung bei der BASF

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Was auch immer die BASF SE verkündet, die Aktie reagiert kaum. Kursfantasie? Kommt nicht aus Ludwigshafen. Bernd Ziesemer über einen Konzern, bei dem sich kaum etwas ändert

Und sie bewegt sich nicht. Normalerweise sollte die Nachricht, dass sich ein Konzern möglicherweise von einer Fünf-Milliarden-Euro-Beteiligung trennt, an der Börse für irgendeine Reaktion sorgen. Nicht jedoch bei der Aktie der BASF. Ob sich der Konzern nun von seinem 49-Prozent-Anteil an dem Spezialchemieunternehmen Solenis verabschiedet oder nicht, lässt die Investoren offenbar kalt. Am Donnerstag letzter Woche, als die Spekulation über den Verkauf in Frankfurt die Runde macht, geht die BASF-Aktie mit einem Plus von 0,32 Prozent aus dem Handel.

Die Papiere des größten europäischen Chemiekonzerns zählen zu langweiligsten Werten im Dax-30-Index. Kursfantasie? Kommt nicht aus Ludwigshafen. Seitdem Martin Brudermüller den Konzern lenkt, hat sich der Kurs der Aktie um ein Fünftel reduziert, während der Dax-30-Index unter dem Strich um 20 Prozent zulegte. Aus dem tiefsten Corona-Tal hat sich die BASF immerhin berappelt, aber das war es auch schon. Vielleicht geht es langsam weiter bergauf, weil ein extrem zyklischer Konzern wie BASF von der allgemeinen Belebung der Wirtschaft profitiert. Aber einen Sprung nach oben sollte man lieber nicht erwarten.

Die BASF bleibt bei ihrer Strategie

Man kann sich beim besten Willen auch keine Entscheidung des BASF-Vorstands ausmalen, der für einen Schub nach oben sorgen könnte. Der Konzern hält eisern an seinem „Verbundprinzip“ fest, das Kritiker schon vor vielen Jahren mit dem bösen Etikett vom „kapitalistisches Kombinat“ belegten. Danach produziert der Konzern an seinen großen Standorten weiterhin alle möglichen Chemikalien aus einer einzigen Anlage. Eine Spezialisierung, wie sie viele Investoren seit vielen Jahren fordern, kann dabei nicht stattfinden. Ob die Preise für einen Grundstoff gerade hoch oder niedrig sind, die BASF produziert, was sie eben produzieren kann.

Verändern kann sich der Konzern deshalb per Definition nur in Randbereichen. Mal kauft man etwas dazu (zum Beispiel einige Agrarprodukte von Bayer), mal verkauft man etwas (zum Beispiel die Beteiligung am Erdöl- und Gasgeschäft). Aber einen echten transformatorischen Deal für das eigentliche Kerngeschäft kann man unter den heutigen Bedingungen nicht erwarten. Positiv folgt daraus eine gewisse Stabilität, negativ eine gewisse Bewegungslosigkeit. Verstärkt wird beides durch eine Kultur, die stark auf Insider setzt. Vorstandschefs mutieren nach dem Ende ihrer Amtszeit automatisch zu Aufsichtsräten – und ihre jeweiligen Nachfolger rekrutiert man aus dem Kreis langgedienter Manager. So bleibt alles, wie es ist.

Einige Anleger goutieren diese Melange. 47 Prozent des Aktienkapitals liegen in deutscher Hand. Die BASF rühmt sich ausdrücklich der Tatsache, dass es kaum einen anderen Dax-Konzern mit so vielen Privataktionären gibt. Umgekehrt aber kann man auch sagen: Viele institutionelle Anleger machen einen großen Bogen um den Konzern, vor allem jene aus der angelsächsischen Welt. Sie erwarten zu wenig Aufwärtspotenzial in Ludwigshafen.

Was viele Kleinaktionäre übersehen: Man kann bei der BASF langweilig nicht mit risikoarm gleichsetzten. Der Konzern investiert durchaus riskant – mit seiner langfristigen Entscheidung, ganz auf den chinesischen Markt zu setzen. Man geht dabei davon aus, dass sich grundsätzlich nichts an der Stabilität des politischen Systems in der Volksrepublik ändert. Wer die Entwicklung der letzten zwei Jahre analysiert, stellt jedoch fest: die USA und China sind nicht mehr weit von einem neuen kalten Krieg entfernt. Und Europa gerät dabei, so oder so, zwischen die Fronten. Das geopolitische Risiko der BASF steigt.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Mehr zum Thema



Neueste Artikel