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Mögliche Staatspleite „Russland ist global nicht abgeschnitten“

Russlands Präsident Putin: Ist sein Land bald pleite?
Russlands Präsident Putin: Ist sein Land bald pleite?
© IMAGO / SNA
Durch die Sanktionen des Westens sind Teile der russischen Währungsreserven eingefroren. Wie realistisch ein russischer Zahlungsausfall ist und welche Rolle China spielt, erklärt der Ökonom Christian Proaño

Capital: Gegen Russland sind inzwischen zahlreiche Sanktionen in Kraft, viele gehen davon aus, dass Russland bald seine Zahlungen für Fremdwährungsanleihen nicht mehr wird bedienen können. Für wie akut halten Sie diese Gefahr?

CHRISTIAN R. PROAÑO: Die Sanktionen zielen genau darauf ab: Zahlungen sollen für Russland immer schwieriger werden. Deswegen könnte es durchaus passieren, dass Russland Zahlungen nicht mehr tätigen kann. Aber das läge dann nicht am Fehlen liquider Mittel, sondern an den Sanktionen selbst. Man muss hier unterscheiden zwischen Zahlungsfähigkeit – ob das Land also in der Lage ist, zu bezahlen – und Zahlungsbereitschaft – ob es mit dem Geld also auch die Verbindlichkeiten bezahlen will. Im Falle Russlands von einer Zahlungsunfähigkeit zu sprechen, wäre also falsch, denn Russland hat das nötige Geld.

Woran liegt das?

Zum einen bekommt Russland 700 Mio. Euro durch Öl- und Gas-Geschäfte, pro Tag. Die 600 Mio. US-Dollar, die gerade zur Debatte stehen, zu begleichen, stellen also keine wirkliche finanzielle Hürde da. Ein anderer Punkt ist aber auch wichtig, nämlich, dass viele unserer Überlegungen zu eurozentrisch sind: Es gibt genug Länder, die Russland nicht sanktioniert haben: China hat seine Handelsbeziehungen mit Russland nicht verringert, Indien hat einen großen Vertrag zum Gas-Handel vor kurzem mit Russland geschlossen. Auch einige afrikanische und südamerikanische Länder betreiben noch Handel mit Russland. Das bedeutet: Auch wenn Russland komplett von europäischem und US-Kapital abgeschnitten wäre – solange China bereit ist, Kredite zu vergeben, hat Russland Ausweichmöglichkeiten. Russland könnte auch zum Beispiel zukünftige Ölexporte im Vorfeld verkaufen, um mehr frisches Kapital kurzfristig zu bekommen. Russland ist also global nicht abgeschnitten.

Wie wichtig ist China in dieser Zeit für Russland?

China war schon immer ein sehr wichtiger Handelspartner für Russland – und die Bedeutung wird kurz- bis mittelfristig zunehmen. Langfristig macht es für China aber rein ökonomisch mehr Sinn, bessere Beziehungen zum Westen zu haben: Die Märkte sind größer, ebenso wie die Kaufkraft. Russland ist ein vergleichsweise kleiner Absatzmarkt. Und letztendlich will niemand auf der Seite des Verlierers stehen – und mittelfristig ist Russland der Verlierer dieses selbstinitiierten Krieges.

Das US-Finanzministerium hat in dieser Woche Zahlungen für zwei russische Staatsanleihen über US-amerikanische Banken blockiert. Was bewirkt das konkret?

Die USA möchten, dass Russland, wenn es zahlen möchte, die Währungsreserven im eigenen Land, in China oder das Geld aus Öl- und Gas-Geschäften nutzen muss. Dass Russland dafür aber Geld aus der Kriegskasse abziehen muss, wie manche hoffen, halte ich für Wunschdenken. Panzer und Waffen gibt es in Russland ohnehin, die Soldaten und Söldner bekommen nicht besonders viel Geld, und Öl und Gas produziert Russland selbst. Putin gerät also nicht unbedingt in die Zwickmühle.

Sollte es zu einem russischen Zahlungsausfall kommen: Welche Folgen hätte das?

Zum einen würde der Rubel weiter abwerten. Zum anderen würden die Risikoprämien auf neue Anleihen von Russland massiv ansteigen. Das würde wiederum dazu führen, dass Russlands Finanzierungsmöglichkeiten deutlich teurer werden. Es ist immer schlecht, wenn ein Land seine Schulden nicht bezahlen kann. Eigentlich setzen Länder alles daran, dass das nicht passiert.

Würde ein Zahlungsausfall den Kriegsverlauf in der Ukraine beeinflussen?

Ein Zahlungsausfall hätte zwar eine Signalwirkung. Dass er aber den Kriegsverlauf beeinflussen würde, denke ich nicht.

Derzeit wird auch in Deutschland ein Energie-Embargo diskutiert. Würde das dazu führen, dass ein russischer Zahlungsausfall schneller eintritt?

Ich denke nicht. Obwohl ein großer Teil der russischen Währungsreserven eingefroren ist, gibt es eben auch noch den anderen Teil. Unser Embargo würde zumindest teilweise aufgefangen werden durch die Nachfrage anderer Länder, wie Indien oder China. Natürlich würde es die finanzielle Lage in Russland verschärfen, aber ein Gamechanger wäre es nicht, zumindest nicht kurzfristig, meiner Meinung nach. Wenn ein Embargo wirken soll, müssten wir das lange durchhalten, etwa ein bis zwei Jahre.

Wie lange kann Russland finanziell noch durchhalten, wenn es so weitergeht wie bisher?

Die Staatsverschuldung von Russland ist sehr niedrig, bei 20 Prozent des Bruttoinlandproduktes und davon wiederum ist nur ein Viertel in Fremdwährung. Wir sprechen also über fünf bis sechs Prozent des russischen Bruttoinlandsproduktes. Da der Zahlungsausfall nur durch die Sanktionen zustande käme, kann man davon ausgehen, dass Russland noch relativ lange, vielleicht sogar mehr als sechs Monate, durchhalten könnte.


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