Kommentar Deutschland steht nicht schlecht da

Vor dem Corona-Impfzentrum auf dem Berliner Messegelände hat sich eine Schlange gebildet
Vor dem Corona-Impfzentrum auf dem Berliner Messegelände hat sich eine Schlange gebildet
© Stefan Zeitz / IMAGO
Die deutsche Bilanz in der Coronapandemie ist besser als es das Gerede von „Staatsversagen“ und „Impfdebakel“ vermuten lassen. Zudem gilt: Die entscheidende Phase beginnt gerade erst

Es ist nicht einmal ein Jahr her, da galt Deutschland in der Pandemie als Vorzeigestaat. Die New York Times pries das Land angesichts seiner niedrigen Todeszahlen als „Ausnahmefall“ und prophezeite ein glänzendes ökonomisches Comeback nach Corona. In Deutschland selbst sonnten sich viele in dem Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.

Das war maßlos übertrieben.

Nun, in diesem schwierigen März 2021, ist von „Staatsversagen“, von #Impfdesaster und Debakel die Rede. Die New York Times schreibt das „Modell“ Deutschland kühl ab und dessen eigene Kommentatoren versinken in immer neuen Runden der Regierungsverachtung und Endzeitverkündung.

Und auch das ist wieder völlig überzogen.

Ein nüchterner Blick auf die entscheidenden Daten, die die Entwicklung in der Pandemie spiegeln, bietet folgendes Bild: Die aufsummierten Todeszahlen pro eine Million Einwohner liegen in Deutschland nach wie vor weit unter den Werten der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Schwedens oder Italiens. Der Abstand zum Rest dieser Gruppe ist so groß, dass ein Zufall eher ausgeschlossen ist: Die Lockdowns und das Gesundheitssystem haben offenbar bisher ganz ordentlich funktioniert.

Die deutsche Volkswirtschaft zeigt sich zudem robuster als viele in den Panikmonaten des vergangenen Jahres erwartet hatten. Das Bruttoinlandsprodukt bewegt sich v-förmig aus dem Einbruch heraus, die Zahl der Arbeitslosen hat insgesamt deutlich weniger zugenommen als man dies in einer solchen Jahrhundertkrise hätte annehmen können. Die Auftragsbücher der Unternehmen füllen sich, und das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat seine Wachstumsprognose für 2021 und 2022 soeben nach oben korrigiert. Selbst die fast schon abgeschriebene heimische Autoindustrie feiert gerade mit einem Feuerwerk aus guten Zahlen den Start ins Elektrozeitalter.

Der Zorn der Kritiker konzentriert sich nun auf die Impfkampagne, die seit Ende vergangenen Jahres rollt. Und natürlich stimmt es, dass die Impfungen viel, viel langsamer vorangehen als in den USA und Großbritannien. Bisher konnten nur etwa sieben Millionen Deutsche mit mindestens einer Impfdosis versorgt werden . Das sind etwa acht Prozent der Bevölkerung, was meilenweit entfernt ist von den Werten der Briten (37 Prozent) und Amerikaner (22 Prozent).

Die große Nagelprobe kommt noch

Um aber zu klären, ob das ein „Desaster“ ist, sind zwei Fragen entscheidend: Warum impft Deutschland langsamer? Und kann sich das noch ändern?

Zuerst zum Warum: Die Europäische Union entschied im vergangenen Jahr, die Impfstoffe gemeinsam zu bestellen, um zu verhindern, dass ein reiches Land wie Deutschland ein ärmeres Land wie Polen bei der Beschaffung aussticht. Das führt für die Deutschen derzeit zu weniger Impfdosen, aber es bedeutet auch, dass die europäischen Staaten weitgehend gleichmäßig versorgt werden. Die EU hielt sich zudem an das Prinzip, dass Impfstoffe auch an Länder außerhalb der Gemeinschaft exportiert werden. Die USA und Großbritannien tun das bisher nicht. Auch das ist vordergründig schlecht für Deutschland und andere Europäer. Aber klar ist auch: Würde die EU nichts ausführen, hätten Israel oder Kanda nicht einen Tropfen Impfstoff bekommen.

Und wird sich das Impftempo beschleunigen? Nach einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) erwarten Deutschland im zweiten Quartal allein über 40 Millionen Dosen des Impfstoffs von Biontech und Pfizer. Hinzu kommen mehr als 30 Millionen Dosen der anderen Impfstoffe. Das bedeutet: Wenn alles nach Plan läuft, kommen in den Monaten April, Mai und Juni siebenmal so viele Impfungen ins Land wie bisher überhaupt gespritzt wurden.

Mit anderen Worten: Die große Nagelprobe steht erst jetzt an. Funktionieren die Impfzentren, können die Haus- und Betriebsärzte mitziehen und lassen sich die Deutschen auch flächendeckend impfen, dann kann das Land im Hochsommer zu großen Teilen geschützt sein.

Ein Ende der Pandemie ist hoffentlich in Sicht. Doch die Frage, wo Deutschland dann stehen wird, ist noch nicht beantwortet. Sie entscheidet sich in den kommenden Monaten.

Vielleicht lässt sich das Ergebnis dann auch bewerten, ohne dass wir wieder hemmungslos übertreiben. In welche Richtung auch immer.

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