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Gewerkschaft IG Metall fordert acht Prozent mehr Lohn: Folgt jetzt die Lohn-Preis-Spirale?

Die IG Metall fordert acht Prozent mehr Lohn für die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie
Die IG Metall fordert acht Prozent mehr Lohn für die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie
© IMAGO/Hanno Bode
Die Gewerkschaft IG Metall geht mit der höchsten Lohnforderung seit 2008 in die neue Tarifrunde. Die Arbeitgeber sprechen von „Realitätsverlust“ – und warnen vor einer Lohn-Preis-Spirale. Wird sie dadurch in Gang gesetzt? Ökonomen sind sich uneins

Viele Länder stehen vor einem Dilemma: Fast überall steigen die Preise und immer mehr Menschen sind real in ihrer Existenz bedroht. Doch Löhne erhöhen – ein logischer Ausweg – könnte die Wirtschaft ausbremsen, warnen Experten. Insofern wurde auch die jüngste Lohnforderung der IG Metall in Deutschland intensiv diskutiert. Die Gewerkschaft forderte am Montag acht Prozent mehr Lohn für ihre Mitglieder, was die Gegenseite prompt als „Realitätsverlust“ bezeichnete. 

Was Ökonomen und Politiker gleichsam fürchten, ist das Einsetzen der sogenannten Lohn-Preis-Spirale. Die Idee lautet vereinfacht so: Wenn die Inflation anzieht und die Gewerkschaften sich mit hohen Lohnforderungen durchsetzen, müssen die Unternehmen wieder ihre Preise erhöhen – und so weiter. Am Ende führt dies fast zwangsläufig in eine Rezession, da der Kreislauf in der Regel erst durch eine geringere Nachfrage gebrochen wird. Oder im schlimmsten Fall eben durch Auslagerung von Jobs ins Ausland. 

Diese Gefahr kennen sowohl Arbeitgeber- als auch Arbeitnehmervertreter. Die IG Metall hat sich am Montag dennoch entschieden, für die Metall- und Elektroindustrie in der im Herbst startenden Tarifrunde acht Prozent mehr Lohn zu fordern. Das wären vier Prozent Steigerung pro Jahr. Zugleich zeigt sich Gewerkschaftschef Jörg Hofmann flexibel, falls sich die Wirtschaftslage im Herbst anders darstellt. „Wir haben gesagt, wir werden im September noch mal draufschauen, wie sich die Gesamtlage verändert hat. Haben wir ein anderes Szenario im Bereich der Gasversorgung, ja oder nein, und entsprechend werden wir die Anlage der Tarifrunde wieder neu denken müssen“, sagte er im ZDF-Morgenmagazin. 

Arbeitgeber kritisieren „Realitätsverlust“

Der Chef des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, spricht gegenüber dem „Handelsblatt“ von einem „Realitätsverlust“ der IG Metall. Die Gewerkschaft sei offenbar „blind geworden für die Wirklichkeit der Branche“. Wolf bezieht sich dabei auf die Argumentation der IG Metall. Laut Gewerkschaft gehe es der Branche nämlich sehr gut: Die Auftragsbücher seien voll und auch die Ertragslage der Unternehmen sei solide. Vielmehr werde das Bild bewusst verzerrt, meint Wolf: Die IG Metall orientiere sich bei mehr als 26.000 Unternehmen an den 100, denen es noch gut gehe. 

Nichtsdestotrotz: Die hohen Inflationsraten sind zunächst Realität. Über die Lösung wird leidenschaftlich gestritten – und der Weg führt fast immer über die Gegenseite. Arbeitnehmerverbände fordern höhere Löhne von den Arbeitgebern sowie Entlastungen durch den Staat. Arbeitgeber betonen ihrerseits die gestiegenen Kosten, die Lohnsteigerungen praktisch unmöglich machten. Auch sie fordern daher staatliche Entlastungen. Der Staat würde seinerseits gerne helfen. Die Bundesregierung weiß aber um die ökonomischen Fehlanreize, die sie senden würde – finanzielle Hilfen kurbeln die Nachfrage weiter an, was den Preisdruck noch einmal erhöht. Außerdem will sie nach zwei Jahren Pandemie und Krieg wieder einen ausgeglichenen Haushalt präsentieren. Jede Seite müsste also einen Beitrag leisten. 

Über allem schwebt aber das Schreckgespenst der Lohn-Preis-Spirale. Vor allem Arbeitgeber und Politiker fürchten dieses Szenario. Ihre Angst: Überzogene Lohnforderungen könnten Unternehmen über viele Jahre zu hohen Preissteigerungen zwingen, was die Inflation weitertreiben und schließlich auch zu gesellschaftlichen Verwerfungen führen könnte. Im Extremfall droht sogar eine Stagflation, also hohe Preissteigerungen bei gleichzeitig geringem Wirtschaftswachstum. Das wäre das Worst-Case-Szenario. 

Risiko der Rezession

Um eine Lohn-Preis-Spirale in Gang zu setzen, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Zunächst benötigen Gewerkschaften eine große Verhandlungsmacht. Im zweiten Schritt orientieren sich die Gewerkschaften dann nicht an Inflationserwartungen, sondern an der Inflation von gestern. Technisch formuliert startet die Lohn-Preis-Spirale dann so: Weil Unternehmen mithilfe von Zukunftserwartungen kalkulieren, könnten Lohnforderungen der Gewerkschaften (auf Basis der Vergangenheit) die Zahlungsfähigkeit der Unternehmen (auf Basis der Zukunft) übersteigen.  

Die einfache Erklärung lautet: Die Lohnforderungen übersteigen den wirtschaftlichen Spielraum eines Unternehmens. Das führt dazu, dass es die höheren Lohnkosten an die Konsumenten weitergibt. Wenn das viele Unternehmen tun, entsteht das, was Volkswirte „Inflation“ nennen. In der Folge entstünde dann wieder Lohndruck und das wechselseitige Spiel startet erneut; die Lohn-Preis-Spirale kommt in Gang. 

Die Folgen wären immens: Politisch sind langanhaltend hohe Inflationsraten riskant, weil sie die Schere zwischen Arm und Reich vergrößern. Menschen mit geringen Einkommen erfahren historisch eine vier- oder fünfmal höhere Inflation im Vergleich zu Menschen mit hohen Einkommen. Das bietet sozialen Sprengstoff. Arbeitnehmer und Arbeitgeber fürchten die Lohn-Preis-Spirale gleichermaßen, weil sie bisher fast immer in eine Rezession mündete – verbunden mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit. Erst wenn die Nachfrage dann wieder gesunken ist und sich dem gegebenen Angebot angepasst hat, gab es in der Vergangenheit eine wirtschaftliche Erholung.  

Einen alternativen Ausweg würde nur eine höhere Produktivität bieten. Wenn eine Maschine pro Stunde beispielsweise 100.000 statt vorher 10.000 Einheiten herstellen kann, sinken die Kosten pro Einheit und das Angebot steigt. Auch so könnte die Lohn-Preis-Spirale durchbrochen werden. Das ist allerdings nicht ohne Weiteres in jeder Branche umsetzbar. Außerdem wären hierfür Investitionen inmitten einer Rezession notwendig. 

Ökonomen sind geteilter Meinung

Ob die deutsche Wirtschaft aber überhaupt vor dem Eintritt in eine solche Spirale steht, ist umstritten. Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sieht beispielsweise gar keine Anzeichen dafür. Im Gegenteil: „Nie waren die Voraussetzungen für eine Lohn-Preis-Spirale in Deutschland in den letzten 70 Jahren weniger gegeben als heute“, schreibt er in einem Gastbeitrag für die „taz“. Ginge man davon aus, dass die Gewerkschaften wie üblich 60 Prozent ihrer Ursprungsforderung durchsetzen, stiegen die Löhne um etwa 4,5 Prozent. Die Inflation liege im gleichen Zeitraum aber bei über sieben Prozent. „Vieles spricht dafür, dass die Lohnentwicklung eher zu schwach als zu stark ist“, schreibt Fratzscher.  

Vielmehr würden sich hohe Löhne und unternehmerischer Erfolg bedingen, so der DIW-Chef. „Die erfolgreichsten deutschen Unternehmen sind solche, die die höchsten Löhne und besten Arbeitsbedingungen in Deutschland und weltweit anbieten.“ Das sei nur deshalb möglich, weil deutsche Beschäftigte hoch produktiv und motiviert seien. Außerdem gelte: „Je stärker die Kaufkraft schrumpft, desto höher ist auch der Schaden für die Wirtschaft.“ 

Anders sieht es Ifo-Präsident Clemens Fuest. Gegenüber Capital erklärt der Ökonom: „Das insgesamt zur Verteilung verfügbare inflationsbereinigte Einkommen wird dieses Jahr deutlich sinken, so dass es in den Tarifverhandlungen letztlich darum geht, Verluste zu verteilen. Wenn es zu Lohnsteigerungen nahe an der IG-Metall-Forderung käme, würde das zu weiteren Preissteigerungen führen, es wäre ein Schritt in Richtung Lohn-Preis-Spirale.“ 

Fuest plädiert als Lösung für Einmalzahlungen statt permanenter Lohnerhöhungen. Das würde Unternehmen finanzielle Spielräume ermöglichen, falls Russland die Gaslieferungen nach Deutschland stoppt. Vom Kaufkraftargument, das Marcel Fratzscher anführt, hält Fuest wenig: „Das ist derzeit weniger relevant, weil die Nachfrage ohnehin zu hoch ist für das Angebot. Indikator dafür ist die schon hohe Inflation.“ 

Letztlich, so sagen beide, ginge es um einen Interessenausgleich. Das sei auch das Ziel der „konzertierten Aktion“, die Bundeskanzler Olaf Scholz, die am 4. Juli gestartet ist. Die Sozialpartner erwarten hier Zusagen für neue Entlastungspakete. Die Politik will Gewerkschaften seinerseits zu geringeren Lohnforderungen ermuntern. Wie fromm dieser Wunsch war, zeigen nun die Forderungen der IG Metall.


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