Inflation Zentralbanken warnen vor inflationsgekoppelten Lohnerhöhungen

Erzieherinnen fordern mehr Lohn
Mehr Lohn, fordern Gewerkschaften. Kommt jetzt eine Lohn-Preis-Spirale in Gang
© IMAGO / Hanno Bode
Die Forderungen nach Gehaltserhöhungen zum Ausgleich der Inflation werden lauter. Für die Zentralbanken ist das ein Alarmsignal: Sie fürchten, dass bei einer automatischen Anpassung eine Lohn-Preis-Spirale in Gang kommt – wie in den 70er-Jahren

Nicht nur die Angst vor einer Inflation wie in den 1970er-Jahren macht die Zentralbanker nervös, sondern auch die Rückkehr von Maßnahmen zur Sicherung der Reallöhne. Indexierungsmechanismen, die Gehaltserhöhungen an den Anstieg der Verbraucherpreise knüpfen, könnten ein Comeback erleben, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich kürzlich feststellte. Sie warnte davor, dass dies zu einer möglichen Lohn-Preis-Spirale beitragen könnte.

Die Indexierung, die in Ländern wie Belgien und Zypern immer noch gängig ist, ist mit dem Rückgang der Inflation aus der Mode gekommen. Sie bleibt jedoch ein Schreckgespenst für Zentralbanken, da sie den Aufwärtsdruck auf die Preise verlängern und verstärken kann.

Aus Verärgerung über die schwindende Kaufkraft forderte die Gewerkschaft der Mitarbeiter der Europäische Zentralbank Gehaltserhöhungen entsprechend der Inflationsrate in der Eurozone, die derzeit mit 7,4 Prozent mehr als das Dreifache des offiziellen Ziels beträgt.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde wies diese Forderung zwar zurück, doch sind die EZB-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihrer Forderung nicht allein. Fast ein Drittel der in den ersten beiden Monaten des Jahres 2022 in Spanien abgeschlossenen Tarifverträge enthielt Indexierungsklauseln. In den USA beendeten die Beschäftigten von Kellogg Ende letzten Jahres einen Tarifkonflikt, nachdem sie einen Lohnanstieg durchgesetzt hatten, der die steigenden Lebenshaltungskosten auffängt.

Für Ricardo Reis, Professor an der London School of Economics, ist der wiedererwachte Wunsch nach inflationsgebundenen Löhnen ein Zeichen für das schwindende Vertrauen in die Fähigkeit der Geldpolitiker, die Preise zu kontrollieren. Die Zentralbanken „sollten sehr besorgt darüber sein, dass die Menschen dem Inflationsziel so wenig vertrauen, dass sie sich dafür entscheiden, sich durch Indexierung gegen Inflation abzusichern“, sagte er. Dies mache ihre Aufgabe „viel schwieriger“.

Während es in den USA eine Handvoll Fälle gibt – die Gewerkschaftsmitglieder des Traktorherstellers Deere & Co. erzielten einen ähnlichen Abschluss wie die Kellogg-Beschäftigten –, bedeutet die größere Macht der europäischen Gewerkschaften, dass man sich hier mehr Sorgen über Forderungen nach inflationsgekoppelten Lohnerhöhungen macht.

Die Daten der spanischen Zentralbank zeigen, dass der Anteil solcher Vereinbarungen von ursprünglich weniger als einem Fünftel wieder angestiegen ist. Die EZB hat ermittelt, dass Spanien bis vor kurzem eine Schlüsselrolle bei der Senkung des Anteils der Inflationsausgleichsmechanismen in der Eurozone unter den Beschäftigten des Privatsektors gespielt hat – mit einem Rückgang von fast einem Viertel im Jahr 2008 auf 16 Prozent im Jahr 2021.

Das Thema brennt den Verantwortlichen offensichtlich auf den Nägeln: Bei einem Treffen der EZB-Vertreter im Oktober wurde erörtert, wie die Stagflation der 1970er-Jahre in einem Umfeld entstand, in dem „die Indexierung es den Löhnen ermöglichte, auf die Energiepreise zu reagieren und so sowohl die Stagnation als auch die Inflation aufrechtzuerhalten“. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos sagte, dass solche Zweitrundeneffekte zu beobachten seien.

Appell an die Zurückhaltung

Auch ohne eine explizite Indexierung können andere Reaktionen auf die rasant steigende Inflation die Bemühungen um eine Eindämmung der Inflation erschweren. In Deutschland fordert die IG Metall eine Lohnerhöhung von 8,2 Prozent für die Stahlarbeiter. Deutschland und Frankreich erhöhen entweder die Mindestlöhne oder sehen sich mit entsprechenden Forderungen konfrontiert.

Die Zentralbanken dürfen kaum auf das Verständnis der Beschäftigten hoffen. Der Gouverneur der Bank of England, Andrew Bailey, löste im Februar einen Aufschrei aus, als er die Arbeitnehmer aufforderte, bei ihren Gehaltsforderungen „Zurückhaltung“ zu üben. In Großbritannien belastet die Inflation die Verbraucherausgaben so stark wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

„Das Fehlen einer Indexierung bedeutet, dass die Arbeitnehmer bei einem Preisschock immer die Leidtragenden sind“, sagte EZB-Ökonom Carlos Bowles zugleich Vizepräsident der Gewerkschaft IPSO, dessen Forderungen von Lagarde zurückgewiesen wurden.

Laut Bowles hat die Indexierung in der Vergangenheit dazu beigetragen, den sozialen Frieden wiederherzustellen. Die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften reiche heute aber oft nicht mehr aus, um inflationsbedingte Verluste auszugleichen.

Bislang gibt es kaum Anzeichen dafür, dass sich die gefürchtete Lohn-Preis-Spirale entwickelt. Die BIZ warnt jedoch davor, dass „die Inflation noch die Voraussetzungen dafür schaffen könnte, dass sie sich verfestigt“, und verweist auf anekdotische Forderungen, den Kaufkraftverlust auszugleichen.

Tina Zumer, stellvertretende Gouverneurin der slowenischen Zentralbank, die die Lohnentwicklung im Euroraum im Auge behält, meint, es gebe „sicherlich Umstände“, unter denen Lohnsteigerungen angemessen und ein Zeichen für eine gesunde Wirtschaft seien.

„In der gegenwärtigen Situation besteht ein Risiko, dass sie zu einer Zeit steigen, in der das Wachstum schwächer wird“, sagte sie. „Das würde die Unternehmen dazu zwingen, die höheren Arbeitskosten an die Verbraucher weiterzugeben, wodurch das Inflationsproblem verstärkt würde.“

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