KlimaschutzHängt der Erfolg des Klimagipfels an den Hilfen für den Süden?

Der von China gebaute Solarpark Benban in Ägypten. Mit einer Finanzierung hat der Global Climate Fund die Weichen für den Ausbau grüner Energie gestellt.
Der von China gebaute Solarpark Benban in Ägypten. Mit einer Finanzierung hat der Global Climate Fund die Weichen für den Ausbau grüner Energie gestellt.IMAGO / Xinhua

Wenige Wochen vor dem Klimagipfel in Glasgow erhöhen Entwicklungsländer den Druck auf den Block der Industrienationen, sie bei den steigenden Folgekosten der Erderwärmung stärker zu unterstützen. Im Raum stehen Forderungen, die bisher zugesagten Hilfen für Energiewenden und den Schutz vor Klimaschäden zu verzehnfachen. Sie haben das Zeug, die Verhandlungen in eine gefährliche Polarisierung zu manövrieren.

Erfolg oder Misserfolg des Klimagipfels – und ein glaubwürdiger Pfad zum Erreichen der im Vertrag von Paris 2015 vereinbarten Begrenzung der Erderwärmung auf möglichst unter 1,5 Grad Celsius – werden maßgeblich davon abhängen, den globalen Süden mit einer Verständigung an Bord zu holen, mahnt das Brookings Institute. Nicht nur tragen die ärmsten Länder die größte Last der Klimafolgeschäden, auch ihre Zustimmung wird für einen Konsens in Glasgow gebraucht. Entscheidend ist der Beitrag der Schwellenländer vor allem, weil sie es sind, die das Aufkommen an Treibhausgasen bis 2050 am stärksten befeuern.

Allein China und Indien standen 2020 für 36 Prozent der globalen Treibhausgase (an erster und vierter Stelle der Verursacher). Etwa 40 Prozent des erwarteten Emissionswachstums bis 2050 entfallen nach Erwartungen des World Economic Outlook des Internationalen Währungsfonds (IWF) bei einer Fortsetzung des bisherigen Pfads auf China, 15 Prozent auf Indien und 35 Prozent auf andere aufstrebende Länder mit mittlerem und niedrigem Einkommen. Indien hat bereits deutlich gemacht, dass Klimaneutralität wohl bis 2065 erreichbar wäre – jedoch nur mit Hilfe zum Handeln von außen.

Industrieländer winken ab

Die Verhandlungsführer sollten kein Interesse daran haben, die Forderungen des Südens zu einem größeren Streit ausufern zu lassen. Schon durch die Coronakrise ging ein Jahr verloren. Die Zeit drängt und die Tagesordnung der „COP26“-Konferenz quillt über: Der Emissionshandel soll einheitlicher gestaltet werden, die Pfade zur Klimaneutralität sollen nachgeschärft, gemeinsam abgesteckt und transparenter werden. Und dann diese heikle Debatte, die einige führen wollen – und andere vermeiden: Die Entwicklungsländer wollen in Glasgow Zusagen zur Klimafinanzierung erreichen, die perspektivisch über die bisherigen bis 2025 hinausgehen.

So wurden für das Spitzentreffen auch erneuerte nationale Klimapläne (Nationally determined contributions/NDCs) vorbereitet. Allerdings warten viele Staaten mit zwei Versionen auf: eine ehrgeizigere, für den Fall absehbar höherer Unterstützung, und eine bescheidenere, sollte es keinen Aufschlag geben. Dabei legt der globale Süden die Latte hoch: Es sei mindestens das Sieben-, wenn nicht mehr als das Zehnfache des bisherigen Finanzierungsziels von Nöten.

Bangladesch braucht Unterkünfte, die Wirbelstürmen und Fluten widerstehen, und intakte Mangrovenwälder zum Schutz vor Hochwasser. Kenia will das Land dezentral mit Solarstrom ausstatten statt an Kohle- oder Gaskraftwerke anzuschließen. Indien veranschlagt für die Klimawende 2,5 Billionen Dollar bis 2030. „Wir können nicht über Ehrgeiz sprechen, ohne diesen auch für die Finanzierung an den Tag zu legen“, wird der Verhandlungsführer der G77-Koalition der Entwicklungsländer Zaheer Fakir zitiert.

Umzug in Bangladesch. Weil Fluten und Sturzbäche die Ufer erodieren müssen Anwohner neue Behausungen bauen.
Umzug in Bangladesch. Weil Fluten und Sturzbäche die Ufer erodieren müssen Anwohner neue Behausungen bauen

Die Industrieländer haben das heiße Eisen bisher nicht angefasst. Wenn Südafrikas Umweltministerin Barbara Creecy 750 Mrd. Dollar jährlich ansetzt, oder die AU im September einen schrittweisen Anwuchs auf gar 1,3 Billionen bis 2030 verlangte, mag das überzogen klingen. Sicher ist, dass die bisherige Bilanz der Klimafinanzierung deutlich hinter den Erwartungen zurück bleibt. Einen verlässlichen Leitfaden dafür liefert die OECD, die erst im September für das Jahr 2019 eine Lücke von 20 Mrd. Dollar ermittelt hat. Die allerbesten Rechenkünste dürften es nicht schaffen, das bis 2020 gesteckte Ziel noch zu erreichen, nämlich dass die Industrieländer einen Jahresbeitrag von 100 Mrd. Dollar leisten.

Anpassung bleibt Stiefkind

Art und Weise der Unterstützung zur Emissionsminderung und Abwehr von Klimaschäden sind in der zwölf Jahre alten Vereinbarung nicht definiert. Deutschland kommt mit einem Mix aus Zuschüssen, Krediten und privaten Investitionen auf einen Beitrag von 7,6 Mrd. Dollar.

Kanalisiert werden Gelder von mehr als zwei Dutzend verschiedenen Agenturen, darunter dem Green Climate Fund (GCF). Nur jeder fünfte staatliche Dollar wird als Zuschuss vergeben, errechnete die Entwicklungsorganisation Oxfam. Der Rest in Krediten. Vorrangig fließen Mittel in den Ausbau erneuerbarer Energien – ein Sektor, der auch internationalen Fonds Rendite in Aussicht stellt.

Dagegen hinken Investitionen in Schutzwälle gegen Fluten oder Projektmittel zur Umstellung auf klimaresistente Sorten in der bäuerlichen Landwirtschaft stark hinterher. Laut UN fließen in solche „Anpassungsmaßnahmen“ jährlich rund 30 Mrd. Dollar – bei einem Bedarf von 70 Mrd. – davon nur 500 Mio. Dollar (oder 1,6 Prozent) aus privaten Quellen, ergänzt die Weltbank. Nur ein Fünftel des Kapitals floss in die am wenigsten entwickelten Länder (LDCs), nur drei Prozent in kleine Inselstaaten, nur 1,7 Prozent in Programme für Kleinbauern.

Dabei wird wegen höherer Klimarisiken der Schutzbedarf in den anfälligsten Teilen des Planeten in den nächsten Jahren weiter drastisch steigen: etwa auf das Doppelte bis Dreifache bis 2030. Bis 2050 könnten es sogar zwischen 280 bis 500 Mrd. Dollar sein. Das geht aus Schätzungen der UN hervor, die teilweise auf nationalen Anpassungsplänen beruhen. Dass dafür bislang der kleinere Teil der Klimafinanzierung bestimmt ist, darf aus Sicht der ärmeren Länder daher nicht so bleiben.

„Wir müssen politischen Willen sehen“, fordert Tandi Dorji, Außenminister von Butan und Sprecher des LDC-Blocks. In der Thimphu-Erklärung (Call for Ambition and Action on Climate Change) fordern Minister der 46 ärmsten Länder, dass sich Hilfen für CO2-Abbau und Anpassung künftig die Waage halten sollen.

Afrika wiederum beklagt, dass 43 Prozent der Klimamittel von 2016 bis 2019 nach Asien geflossen sind. Der eigene Kontinent habe indes nur nur 26 Prozent abbekommen. Auch geografisch wird ein gerechterer Verteilungsmechanismus verlangt – zumal in Afrika ein schnellerer Temperaturanstieg erwartet wird als im globalen Durchschnitt.

Gewaltiger Kostenberg

Gemessen an den Riesensummen, die weltweit für die Klimabremse benötigt werden, scheint die Unterstützung der Entwicklungs- und Schwellenländer noch gering. Der IPCC schätzt die Kosten auf 1,6 bis 3,8 Billionen Dollar für den Umbau der Energiesysteme von 2016 bis 2050. Allerdings müssten auch davon nach Ansicht der Internationalen Energieagentur 70 Prozent in Länder mit aufstrebenden Wirtschaften gehen, um die richtigen Weichen zu stellen.

Einen steigenden Bedarf zum Abfedern von Klimafolgen 2020 bis 2030 sieht auch die Global Commission on Adaptation (GCA) mit 180 Mrd. Dollar jährlich. Außerdem errechnen Modelle von Climate Analystics, dass dem globalen Süden bis 2030 (wirtschaftliche) klimabedingte Verluste und Schäden im Umfang von 300 Mrd. Dollar entstehen.

Auch dieses Kapitel wollen die Entwicklungsländer in Glasgow auf den Tisch packen. Bisherige Anläufe waren – wie bei einem Treffen in Madrid – krachend gescheitert. Fragen der weltweiten Ungleichheit, der sozialen und Generationengerechtigkeit spielen dabei ebenso eine Rolle wie historische Verantwortung. Bisher hat man sich nur darauf einigen können, Ansprüche auf Wiedergutmachung durch die Klimasünder im Norden auf eine wissenschaftliche und technisch fundierte Basis zu stellen.

Vor allem das „Climate Vulnerable Forum“, dem unter Führung von Bangladesch die knapp 50 leidtragendsten Länder im Klimawandel angehören, erwartet aber eine politische Weichenstellung.

Experten warnen vor Scheitern

„An glaubwürdigen Fortschritten über das 100-Milliarden-Versprechen hinaus werden sich Erfolg oder Misserfolg der Konferenz und der Anstrengungen der Entwicklungsländer für die Klimaziele entscheiden“, warnen Nicholas Stern und Amar Bhattacharya in einem Papier der Denkfabrik Brookings. Es werde offensichtlicher, dass die Risiken und wirtschaftlichen Kosten des Klimawandels bislang unterschätzt worden seien. Das gelte auch hinsichtlich des Potenzials von Konflikten und Migration. Fortschritt hänge daher auch an ambitionierterer Klimafinanzierung – mit mehr Zuschüssen statt Krediten und mehr Anpassungsmitteln zur Stärkung der Widerstandskraft.

Entgegenkommende Signale aus den Industrieländern, die versprechen, die Kluft zum Süden zu überwinden, sind bislang spärlich. Staatliche Haushalte könnten das allein nicht leisten, heißt es da. Doch sind von den 2019 gezahlten 80 Mrd. Dollar nur 14 Mrd. Dollar privat finanziert. Pensionsfonds, Versicherungsgesellschaften und andere institutionelle Anleger lassen sich nur ungern auf grüne Energieprojekte in Ländern mit unübersichtlichen Risiken ein. Westliche Industriestaaten drängen zugleich darauf, dass etwa das Schwellenland China einen eigenen Beitrag leistet.

Allein EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich auf Twitter für eine Verdoppelung der Klimafinanzierung „um mindestens 100 Mrd. Dollar“ ausgesprochen, um die am stärksten gefährdeten Länder bei der Bewältigung des Klimawandels unterstützen. „Alle großen Volkswirtschaften müssen jetzt ihren Beitrag aufstocken.“ US-Präsident Joe Biden will international künftig 11,4 Mrd. US-Dollar pro Jahr beisteuern, doch das hilft höchstens die bisherige Lücke schließen. Und China hat zwar angekündigt, im Ausland künftig keine Kohlekraftwerke mehr zu finanzieren. Inwieweit es grüne und kohlenstoffarme Energie stattdessen fördern will, hat Peking für sich behalten.


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