Interview Globale Ungleichheit: „Die Datenlage zur Vermögensverteilung ist katastrophal“

Die Corona-Pandemie hat die globale Ungleichheit verschärft
Die Corona-Pandemie hat die globale Ungleichheit verschärft
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Corona hat die globale Ungleichheit befeuert, behauptet Oxfam in einem Bericht. Warum diese Tendenz zwar stimmen dürfte, es für genauere Aussagen zur Vermögensungleichheit aber an Daten mangelt, erklärt Ifo-Ökonom Andreas Peichl

Der Oxfam-Bericht zur globalen Ungleichheit schlägt jedes Jahr hohe Wellen, erntet aber auch immer wieder Kritik. Wie aussagekräftig sind die Berichte?

Andreas Peichl
Prof. Andreas Peichl ist Leiter des Ifo Zentrums für Makroökonomie und Befragungen und Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie und Finanzwissenschaft, an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zu seinen Schwerpunkten zählen Finanzwissenschaft, Steuer- und Transfersysteme und Verteilung und Ungleichheit, Foto: IMAGO / Reiner Zensen
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ANDREAS PEICHL: Dazu muss man zunächst einmal wissen, dass die Datenlage zur Vermögensverteilung katastrophal ist. Das gilt sowohl für Deutschland aber insbesondere auch international – und noch viel mehr fehlen Daten am aktuellen Rand. Insgesamt gibt es für ungefähr 20 bis 25 Länder weltweit gute und für etwa dieselbe Größenordnung noch einmal weniger gute Daten. Diese Länder stehen dann knapp 150 Ländern gegenüber, für die die Daten nur geschätzt werden können. Diese schlechte Datenlage erlaubt es also eigentlich gar nicht, wirkliche Aussagen über die globale Vermögensungleichheit zu treffen.

Worauf bezieht sich Oxfam denn dann bei seinen Berichten?

In der Vergangenheit hat der Oxfam-Bericht sich vor allem am Global Wealth Report von Credit Suisse orientiert und dabei angenommen, dass die Vermögen proportional zum Aktienmarkt und Dollar-Wechselkurs wachsen. Die zugrundeliegenden Länderdaten stammen teilweise von Mitte der 2000er-Jahre. Strukturelle Änderungen werden so nicht berücksichtigt, sondern lediglich die Entwicklung des jeweiligen Aktienindexes und des Wechselkurses zum US-Dollar. Steigen die Aktienidizes also, erhöhen sich demnach auch mechanisch die in der Studie „gemessenen“ Vermögen. Das ist trivial in vielerlei Hinsicht problematisch.

Und wie sieht es für die aktuelle Studie aus?

Auch in diesem Jahr hat der Report von Oxfam keine eigene Methodik. Er bezieht sich aber nur in der Formulierung auf Credit Suisse, dass die zehn reichsten Menschen mehr als die ärmsten 40 Prozent der Weltbevölkerung besitzen. Stattdessen verweist Oxfam unter anderem auf einen Bericht der Weltbank, zusammen mit dem Milliardärsranking des Wirtschaftsmagazins Forbes. Oxfam hat also letztendlich darauf verzichtet selbst etwas herauszufinden und zitiert stattdessen selektiv aus Sekundärquellen. Der Weltbank-Bericht zur globalen Ungleichheit verweist etwa darauf, dass auch die reicheren Länder durch Corona an Wirtschaftsleistung und damit an Vermögen eingebüßt haben. Der Oxfam-Bericht thematisiert das beispielsweise nicht.

Vor allem das wachsende Vermögen der reichsten Menschen der Welt steht in dem Bericht im Fokus thematisiert. Worauf beruht ihr enormes Vermögensplus?

Dabei werden verschiedene Dinge vermischt. Das Vermögen von vielen dieser Milliardäre liegt in Firmenaktien. Wenn also der Amazon- oder der Tesla-Aktienkurs steigt, dann wächst – zumindest auf dem Papier – auch der Gewinn von Jeff Bezos oder Elon Musk. Dabei handelt es sich aber noch nicht um realisiertes Vermögen. Ein anderes Beispiel ist Bill Gates, bei dem ein Großteil seiner Firmen-Anteile von Microsoft in seiner Stiftung stecken. Natürlich hat er Einfluss auf die Stiftung, aber er kann das Geld nicht für private Zwecke entnehmen. Hier stellt sich also eher die weitere Frage: Was zählt eigentlich als Vermögen?

Beziffern lässt sich die globale Ungleichheit aber auch außerhalb des Oxfam-Berichts nicht?

Nein, was aber gleichwohl stimmen dürfte, ist die Entwicklung, dass die Coronapandemie die globale Vermögensungleichheit verstärkt hat. Gerade die entwickelten Länder sind vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen, während es weniger entwickelte Länder wirtschaftlich deutlich härter getroffen hat. Das wird dazu führen, dass die Ungleichheit zunimmt. Auch in Deutschland dürfte die Ungleichheit längerfristig ansteigen. Denn anders als in früheren Krisen, wo vor allem das verarbeitende Gewerbe und die Industrie betroffen waren, waren es diesmal auch Gastronomie und sozialer Konsum. Dort arbeiten tendenziell Menschen mit geringerem Einkommen, die noch dazu nicht so stark auf das Homeoffice ausweichen konnten wie andere Branchen und deshalb auch mit Einkommenseinbußen zu kämpfen hatten.

Warum ist es denn so schwierig diese Entwicklungen mit Daten zu belegen?

Das liegt an mehreren Schwierigkeiten: Zum einen bezieht man verlässliche Daten zu Einkommen und Vermögen nur über administrative also Steuerdaten. Da es aber keine Vermögenssteuer gibt, kann man indirekt nur Vermögensgegenstände erheben, etwa über die Kfz-Steuer für Autos oder die Grundsteuer für Immobilien. Das wird in vielen Ländern aber bisher nicht genutzt.

Wie sieht es denn beim Einkommen aus?

Bei Einkommen geht das etwas leichter, zumindest beim formellen Sektor, wo man den Nachweis durch die Überweisung der Arbeitgeber hat. In Ländern, in denen der informelle Sektor besonders stark ist, wird es dann allerdings schwieriger – auch weil bar oder in Waren gezahlt wird. Hier kommt man dann nur mit Befragungen weiter, die wiederum meist die Ausstattung der Haushalte und den Konsum abfragen. Die Weltbank versucht beispielsweise fast in jedem Land der Welt solche Umfragen durchzuführen. Allerdings ist der Vergleich trotzdem schwierig, vor allem was die Bewertung von materiellen Vermögenswerten angeht. Für ein Stück Ackerland in Ruanda lässt sich der Vermögenswert deutlich schlechter festlegen, als für Aktien. Und auch wenn es im lokalen Kontext durchaus wertvoll ist, ist es in Kaufkraftparität in US-Dollar umgerechnet nur noch relativ wenig wert.

Was heißen diese Schwierigkeiten denn für politische Maßnahmen, die Ungleichheit bekämpfen sollen?

Man macht letztlich Wirtschafts- und Finanzpolitik im Blindflug. Denn welche Folgen mögliche Gegenmaßnahmen haben, sieht man bislang erst im Nachhinein. Allerdings stellt sich angesichts des Oxfam-Berichts auch die Frage nach der Intention hinter diesem Bericht. Die Annahme dahinter ist ja, dass die Welt eine Gemeinschaft sei und die Notwendigkeit bestehe, von den Reichsten zu den Ärmsten umzuverteilen. Diese Frage muss sich letztlich jedes Land selbst stellen und es zieht noch viele weitere politische Fragen nach sich. Eine konkrete politische Konsequenz aus dem Bericht wäre demnach aber: Man besteuert das Vermögen der reichsten Menschen der Welt und gibt es an die ärmsten Länder.

Würde das denn den gewünschten Effekt haben?

Wenn man sich so ein Ungleichheitsmaß wie den Gini-Koeffizient anschaut, dann ist die Wirkung am stärksten, wenn man den Leuten ohne Vermögen etwas dazu gibt – und nicht wenn man denen mit dem meisten Vermögen etwas wegnimmt. Auf nationaler Ebene gilt das auch. Die Vermögenssteuer per se reduziert Ungleichheit also nicht so stark, sondern es wäre wichtiger den Vermögensaufbau zu fördern. Deswegen sind Möglichkeiten wie eine Aktienrente oder ein Bürgerfonds auf jeden Fall sehr sinnvoll.

Also braucht es gar keine Vermögenssteuer?

Es gibt gute Gründe für und gegen eine Vermögenssteuer. Meines Erachtens bräuchte man sie nicht, wenn man zum einen eine Einkommenssteuer hätte, die sämtliche Einkünfte – auch die aus Vermögen – entsprechend besteuert, und zum anderen eine Erbschaftssteuer hätte, die auch die Übertragung von Vermögen richtig besteuert. In beiden Fällen gibt es in Deutschland gerade zahlreiche Ausnahmen. Wenn man die abschafft und die Steuerbemessungsgrundlage erhöht, könnte man sogar die Steuersätze etwas senken und erhält trotzdem die gleiche oder sogar eine noch höhere Summe – und tut damit noch etwas gegen die Vermögensungleichheit.

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