Corona-KriseVerstärkt die Pandemie die Ungleichheit?

Die Markteinkommen sanken in der Corona-Pandemie um mehr als 100 Euro monatlich pro Person.IMAGO / Marius Schwarz

Lockdown-Maßnahmen, weniger Umsatz, geschlossene Geschäfte und zeitweise Millionen Menschen in Kurzarbeit – die Corona-Pandemie hat einiges auf den Kopf gestellt. Doch wen trifft die Krise wirtschaftlich am stärksten? Und ist die Pandemie ein Treiber für Einkommensungleichheit? Die Ungleichheit der Markteinkommen, also der Einkommen vor staatlicher Umverteilung, hat in der Krise tatsächlich zugenommen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Durchschnittlich sank das Markteinkommen der Haushalte in der Krise pro Person und Monat um 107 Euro. Dieser Effekt falle für untere Einkommensgruppen höher aus, sagt Maximilian Stockhausen, einer der Studienautoren.

Gleichzeitig reduzierte sich das verfügbare Einkommen, also das Einkommen nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben und ergänzt um staatliche Transfers, nur um 12 Euro. Die Ungleichheit bei den verfügbaren Einkommen nahm der Studie zufolge sogar ab. Der Grund: „Wir sehen, dass der Sozialstaat in der Krise effektiv gewirkt hat“, sagt Stockhausen. Haushalte, die zu den niedrigsten Einkommensgruppen gehören, haben demnach sogar etwas mehr Geld zur Verfügung als im Vorjahr. Das liegt laut Studie sowohl Anti-Krisen-Maßnahmen der Regierung, aber auch an anderweitigen sozialpolitischen Änderungen, die im vergangenen Jahr wirksam wurden, wie Änderungen bei den Regelsätzen zur Grundsicherung, beim Wohngeld oder beim Kinderzuschlag. Auch Kurzarbeit habe sich als „besonders effektives Instrument zur Einkommenssicherung der Beschäftigten erwiesen“.

Maßnahmen gleichen Verluste aus

Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Ifo Instituts, die die Entwicklungen bis September des vergangenen Jahres betrachtet. Zwar verringerten sich die Bruttoerwerbseinkommen für alle Einkommensgruppen. „Aber die Kombination aus Kurzarbeitergeld sowie niedrigen Steuern und Abgaben verringerte den Rückgang im Durchschnitt auf 1,1 Prozent“, sagt Andreas Peichl, Leiter des Zentrums für Makroökonomik und Befragungen am Ifo Institut. Die Kurzarbeit funktioniere wie geplant, „wie ein Stoßdämpfer am Auto“.

Ein großer Teil der krisenbedingten Einkommensverluste werde über die Arbeitslosenversicherung ausgeglichen, sagt Kerstin Bruckmeier, Forschungsleiterin am IAB. Bezieht man andere Maßnahmen mit ein, so schrumpft das verfügbare Einkommen über alle Einkommensklassen der Studie zufolge nur um 0,1 Prozent. Für die 20 Prozent der Menschen mit dem geringsten Einkommen, wächst das Nettoeinkommen sogar leicht, in den oberen Einkommensklassen schrumpft es etwas.

Eine Krise für Minjobber und Selbstständige

Umso heftiger trifft es jene, die keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben, wie zum Beispiel Minijobber. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) kommt zudem Schluss, dass Minijobber die Verlierer der Corona-Krise sind. Ihre Zahl ging demnach um zwölf Prozent zurück – die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nur um 0,2 Prozent. Frauen machen in der Gruppe der Minijobber einen Anteil von zwei Dritteln aus, sind also überproportional oft betroffen.

Auch Selbstständige traf die Krise besonders hart. Laut DIW hatten 60 Prozent der Selbstständigen mit Einkommensverlusten zu kämpfen. Das traf nur auf 15 Prozent aller abhängig Beschäftigten zu. Das DIW nennt die Corona-Krise daher „eine Krise für die Selbstständigen“.

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans Böckler Stiftung ermittelte Beschäftigungsgruppen, die von der Krise wirtschaftlich besonders getroffen wurden, darunter Beschäftigte mit Migrationshintergrund, Männer, Eltern und Menschen mit ohnehin niedrigem Einkommen. Besonders hoch waren die Einkommensverluste demnach im Gastgewerbe und im produzierenden und verarbeitenden Gewerbe. Die Studie stellte auch regionale Unterschiede fest: Baden-Württemberger verzeichneten häufiger Einkommensverluste als Brandenburger.

Die Hilfsorganisation Oxfam kommt in einer Befragung von fast 300 Ökonomen aus 79 verschiedenen Ländern zu dem Schluss, dass die Pandemie die weltweite Ungleichheit verstärkt hat. „Während die 1000 reichsten Menschen ihre Verluste in der Corona-Krise in nur neun Monaten wettmachen, könnte es mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis sich die Ärmsten von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie erholt haben“, heißt es. Zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen ist demnach die wirtschaftliche Ungleichheit in fast allen Ländern gestiegen.

Langfrist-Folgen unklar

„Letztendlich ist die Corona-Krise ein fast nie dagewesener ökonomischer Schock, der teils erheblichen Einfluss auf die Markteinkommen, aber auch auf die verfügbaren Einkommen hatte“, sagt Stockhausen mit Blick auf die Einkommen in Deutschland. Allerdings gebe es eine sehr ausgeprägt unterschiedliche individuelle Betroffenheit. „Geringfügig Beschäftigte und Selbstständige sind Gruppen, die besonders schwer getroffen sind, ebenso wie Menschen mit einem geringeren Bildungsabschluss.“

Durch sozialstaatliche Umverteilung habe man es in der Krise geschafft, Einkommen so weit zu stabilisieren, dass es nicht zu einem großen Auseinanderdriften der verfügbaren Einkommen komme. „Einschränkend muss man natürlich sagen, dass ein Haushalt mir hohen Einkommen andere Möglichkeiten hat, mit solchen Einbußen über die Runden zu kommen“, gibt Stockhausen zu Bedenken. „Die langfristigen Folgen der Krise auf Verteilung von Einkommen, Vermögen und Bildungserfolgen ist aber noch immer unsicher“, sagt er.