ManagementGE-Uni – wo Manager neu denken lernen

Hauptgebäude des GE-Campus in Crotonville
Hinter einem Felsen thront das Hauptgebäude des GE-Campus in Crotonville, erbaut in den Achtzigern unter dem damaligen Chef Jack Welch. Wegen der etwas sakralen Bauweise nennen es manche scherzhaft „Jacks Kathedrale“
© Katharina Poblotzki

Wann haben Sie das letzte Mal im Job gelacht? Darüber sollte man mal reden. Überhaupt: Welchen Platz hat Humor bei der Arbeit? Rund 50 Augenpaare tasten sich ab, suchen die Decke, wandern über Tischplatten. Michele Dunn, eine füllige Frau in schwarzem Kleid mit gelbem Gürtel, die selbst oft und laut lacht, geht zwischen den Tischen umher. „Und?“

„In meinem Job ist eigentlich nichts lustig“, sagt Dave, der an einem der Tische sitzt. „Ich mein’, er ist okay, aber wir lachen nicht.“

„Wir hatten einen Kollegen“, sagt ein anderer, „der hatte ein Loch im T-Shirt und hat sich tatsächlich einen Flicken daraufgenäht, einen grünen Pilz. Irgendwann hatte einer die Idee, T-Shirts mit grünen Pilzen zu drucken, und dann haben wir die alle angezogen. Es war echt lustig. Auch der Kollege musste lachen.“

„Das ist wichtig“, sagt Michele Dunn. „Gemeinsam lachen. Emotionen sind ansteckend.“ Sie holt eine Kiste hervor. „Ich habe euch etwas mitgebracht.“ Kleine Behälter wandern durch die Reihen. Seifenblasendosen. Und es dauert keine Minute, bis rund 50 erwachsene Menschen wie die Kinder den Raum mit Seifenblasen und ihrem Gelächter füllen.

Warum fliegt ein Unternehmen mit über 300.000 Mitarbeitern dafür seine Manager um den Globus – damit sie mal wieder Kind sein dürfen? „Wir sind in erster Linie emotionale Wesen“, sagt Dunn. „Erst dann kommt der Verstand. Das müssen wir erst mal wieder spüren.“ Sich öffnen, bevor man tiefer geht.

John F. Welch Leadership Development Center

Der Raum, in dem sie steht, gehört zur Managementschmiede von General Electric, einem der größten, erfolgreichsten und ältesten Konzerne der Welt – mit einer der größten, erfolgreichsten Managementschmieden und der ältesten überhaupt.

Offiziell heißt der Campus, der am Hudson River eine Stunde nördlich von New York liegt, John F. Welch Leadership Development Center, aber kaum einer nennt ihn so. Das hier ist einfach: Crotonville.

Man hört viele Umschreibungen, was dieser Ort ist und sein will: Epizentrum, Kern, Keimzelle, kultureller Inkubator. Wahrscheinlich trifft alles irgendwie zu. „Crotonville ist eine Idee und ein Ideal“, sagt Raghu Krishnamoorthy, der bei GE den Titel des Chief Learning Officer trägt und damit auch Herr über Crotonville ist.

„Crotonville ist das Gehirn, das den Motor von GE am Laufen hält“, sagt Joe Mastrangelo, Chef der Sparte Power Conversion.

Man könnte auch sagen: Crotonville ist eine Herzkammer von General Electric, dem 123 Jahre alten US-Giganten. Ein Campus, 1956 gegründet, durch den der Siemens-Erzrivale jedes Jahr Tausende Führungskräfte schleust – und wohin er Kunden einlädt. Wer herkommt, wurde auserwählt, eine Woche lang über Führung zu diskutieren, über seine Karriere nachzudenken und Netzwerke zu knüpfen. Crotonville ist so zum Inbegriff der Kaderschmiede geworden: Hier saß schon der legendäre Jack Welch, CEO von 1981 bis 2001. Sein Nachfolger Jeff Immelt wiederum hörte Welch zu. Manche, die hier lernten, wurden Chefs von anderen Unternehmen: Dave Cote, der seit 2002 den Mischkonzern Honeywell führt. Joe Hogan, Ex-ABB-Chef und CEO des Dentalkonzerns Align Technology. Jim McNerney, bis Ende Juni Chef von Boeing.

„Im Kern geht es um Selbsterfahrung“, sagt Rich Rischling, Dozent für die sogenannten Experienced Leaders. „Führung ist wie eine Reise. Wer hierherkommt, verändert sich.“ Reise, ein Wort, das man hier öfter hört. Wer in Crotonville für eine Woche wieder Student wird, philosophiert über Management, simuliert in Planspielen Krisen in fiktiven Unternehmen, beschäftigt sich mit kleinen und großen Fragen: Wie stelle ich die richtigen Leute an? Oder: Was heißt das überhaupt – Führung? „Ein Job muss Sinn ergeben“, sagt Rischling, „und diese sinnvolle Verbindung fehlt oft in komplexen Konzernen. Hier in Crotonville findet man sie.“