Knappe Rohstoffe Folgt auf die Chip- die Gummikrise?

Eine Bäuerin erntet Latex, das Rohmaterial für Gummi, in einer Plantage in Nordost-Indien.
Eine Bäuerin erntet Latex, das Rohmaterial für Gummi, in einer Plantage in Nordost-Indien.
© Friedrich Stark / IMAGO
Der Weltmarkt für Naturkautschuk ist in Turbulenzen geraten. Ein verknapptes Angebot und explodierende Preise verursachen Engpässe. Auch die deutsche verarbeitende Industrie schlägt Alarm

Auf so manchem Feld in der Nähe von Anklam in Mecklenburg-Vorpommern wächst er schon: der kasachische Löwenzahn – in Blüte und Wuchs etwas kleiner als die uns bekannten Pusteblumen. In einem Forschungslabor des Julius-Kühn-Instituts im Kreis Rostock werden Pflanzen miteinander gekreuzt, damit sie größer und kräftiger wachsen, um nicht so schnell vom Unkraut überwuchert zu werden. Auch ein möglichst hoher Kautschukgehalt soll herauskommen. Ziel der Forschung ist es, heimische Landwirte zu animieren, diesen Löwenzahn anzubauen.

Dass die Wurzel der Pflanze den kostbaren Latexsaft enthält, beschäftigt die Wissenschaft schon Jahrzehnte, wenn nicht ein Jahrhundert. Solange Gummibäume im globalen Süden aber die Welt versorgten, fehlte die Dringlichkeit. Nun führt eine akute Knappheit von Naturkautschuk auf dem Weltmarkt riskante Abhängigkeiten vor Augen – und wie wichtig es doch wäre, Alternativen zu haben. Auch die deutsche Kautschukindustrie ist mit Engpässen und Preisexplosionen konfrontiert – und schlägt Alarm. Einbußen erleiden besonders die Kfz-Zulieferer. Von den Autobauern fühlen sie sich im Stich gelassen.

Die Corona-Krise hat erst Arbeiter im Lockdown von Gummiplantagen ferngehalten, dann in der globalen Lieferkettenlogistik für überbuchte Seetransporte gesorgt. Zugleich steigen die Preise für den Rohstoff rasant. Die folgenden Engpässe haben das Zeug zu einer Gummikrise. Nach Ansicht vieler Experten, werden sich die Umstände nicht so schnell auflösen. Die EU hatte Naturkautschuk schon vor vier Jahren als „kritisch“ eingestuft. Perspektivisch wird er knapp bleiben, denn die Nachfrage wird das Angebot übersteigen, warnen Nachhaltigkeitsforscher.

Denn Gummi ein vielseitiger Alleskönner. Wo es rund laufen soll, ist er wegen seiner einzigartigen Eigenschaften aus keinem Lebensbereich wegzudenken – allen voran der Mobilität. An die natürlichen Eigenschaften kommt noch keine chemische Alternative heran. Kautschuk dichtet ab, isoliert, dämpft Erschütterungen. Im privaten Konsum macht er Schnuller, Kondome und Handschuhe dicht und elastisch. Industriell sind Komponenten aus dem Werkstoff in unterschiedlichsten Verbindungen in immer breiteren Anwendungen gefragt, darunter der Elektronik, Informationstechnik oder Telekommunikation. Am stärksten aber ist die Abhängigkeit in der Automobilindustrie.

Zwei Drittel beeinträchtigt

Vom Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie (wdk) – mit 180 Unternehmen, rund 70.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von fast 10 Mrd. Euro – sind etwa 80 Prozent dem Bereich Automotive zuzurechnen. Sie verarbeiten natürlichen und synthetischen Kautschuk zu Reifen und sonstigen Gummiwaren, auch technische Elastomer-Erzeugnisse genannt. Die Bereifung ist mit 70 Prozent der größte Abnehmer von Naturkautschuk. Auch Gummiwaren gehen zu 50 Prozent an die Kfz-Branche, zu rund 30 Prozent an Maschinenbau und Elektrotechnik, Bergbau und Bauindustrie.

Fernöstliche Gummilieferanten vertrösten nun um Wochen, ja Monate. Fast zwei Drittel der wdk-Unternehmen sehen ihre Produktion „durch fehlende Vorleistungen beeinträchtigt“, jedes vierte kämpft mit unterbrochenen Lieferketten. „Einigen Industrieunternehmen drohen Produktionsstopps wegen fehlender Rohstoffe und Komponenten, sollte sich die Lage nicht zeitnah entspannen“, warnt Hauptgeschäftsführer Boris Engelhardt.

Die angespannte Lage bei den Herstellern von Gummi- und Kunstoffwaren hat auch das Ifo-Institut in München Anfang Mai in einer Umfrage ermittelt: Demnach sind diese zu 71,2 Prozent von Materialknappheit bei Vorprodukten betroffen. Einer von vielen aktuellen Flaschenhälsen bei Vorprodukten, darunter von Chips und Holz. Laut Ifo können sie die Erholung der Industrie gefährden.

Noch zeigen sich die Autobauer, bei denen schon wegen des Halbleitermangels teilweise Bänder stillstehen, nicht alarmiert. „Je länger es dauert, desto angespannter wird die Lage“, sagt der Chefökonom des wdk, Michael Berthel, über mögliche Risiken. Vorerst wollen die Auftraggeber von höheren Preisen nichts wissen. „Fundierte Force Majeure-Meldungen werden nicht akzeptiert“, beklagt Engelhardt. Eine globalisierte Produktion ihrer Zulieferer hätten sie erst veranlasst, gestörte Transportwege würden allein anderen angelastet. Auf 20 Prozent weniger Umsatz blicken die Zulieferer der Kautschukindustrie 2020 zurück. Nun stehen Mehrkosten von 30 Prozent an (bei Naturkautschuk und Öl) – eine der größten Haussen in der jüngeren Rohstoffgeschichte.

Ursachen der Verknappung

Auf dem Markt ist die Corona-bedingte Angebotsverknappung nur ein Teil des Puzzles. „Es ist deutlich erkennbar auch der Nachholprozess“, sagt Berthel. „Eine erhöhte Nachfrage trifft auf ein Angebot, das nicht schnell hochgefahren werden kann, weil es 2020 im Lockdown war.“ Auch Vorräte bei Händlern seien aus Kostengründen offensichtlich heruntergefahren worden. Wenn schließlich hektische Bestellungen einsetzen, befeuert das den Markt. „Und schon hakt es in der Lieferkette.“

Der Verband sieht auch Spekulanten am Werk. Investmentbanken trieben die Notierungen für Naturkautschuk in Schanghai und anderen Marktplätzen von 2000 Dollar je Tonne 2020 auf zeitweise 3000 Dollar in diesem Jahr. Ziel sind angeblich bis zu 6000 Dollar. Die Erholung der Weltkonjunktur überfordert zudem Schiffs- und Containerflotten, Transporte werden unterbrochen, Schiffsfrachten des zu Ballen gepressten oder flüssigen Kautschuks schlagen mit sechs- bis zehnfachen Kosten zubuche.

Jahrelang Tiefpreise

Strukturell ist die Verknappung auch Überflutungen und schweren Pflanzenkrankheiten geschuldet, welche das Angebot stellenweise auf neue Tiefstände senkten. Zugleich waren die gemachten Preise über viele Jahre so tief, dass Gummifarmer keinen Anreiz sahen, neue Bäume zu pflanzen. 85 Prozent der weltweiten Produktion sammeln Kleinbauern . Eine elastische Reaktion auf steigende Nachfrage und Preise ist da schwer möglich. Wohl werden – wie für Ölpalmen – auch für Gummi-Plantagen kostbare Regenwälder gerodet. Aber bis ein Baum ausreichend Ader lässt, vergehen sieben Jahre. Zudem ist das Melken von Bäumen arbeitsintensiver, viele Bauern satteln für höheren Verdienst auf Ölpalmen um.

Hinzu kommt, dass die Produktion von zuletzt rund 29 Millionen Tonnen (2018 und 2019) auf wenige Länder konzentriert ist: Thailand, Malaysia und Indonesien decken allein fast 70 Prozent des weltweiten Bedarfs. Weitere Anbeiter sind Vietnam, Indien und China, in Afrika die Elfenbeinküste, Nigeria und Liberia. In den ersten neun Monaten 2020 fielen die Exporte auf 15 Millionen Tonnen. Kurz vor der Covid-19-Pandemie hatte der Internationale Kautschuk-Rat gewarnt, dass 2020 etwa eine Million Tonnen im Angebot fehlen würden. Und bereits 2015 mahnten Forscher, wegen des steigenden Weltbedarfs müsse der Anbau bis 2024 um bis zu 8,5 Millionen Hektar erweitert werden.

China größter Abnehmer

Mit Abstand der größte Konsument von Naturkautschuk ist China mit knapp 5,5 Millionen Tonnen 2020, etwa ein Viertel der durchschnittlichen weltweiten Exportmengen. Laut der Association of Natural Rubber Producing Countries (ANRPC) ist die Volksrepublik zugleich der größte Exporteur von Gummiwaren. Indien verbraucht demnach rund eine Million Tonnen, etwas mehr als die EU und Großbritannien, gefolgt von den USA mit 850.000 Tonnen. Während China laut dem Verband im Corona-Jahr 2020 dank der raschen Erholung seiner Wirtschaft fast gleich viel importierte wie im Vorjahr – und aus Sicht anderer Länder sogar hamsterte, sanken die Importe etwa in den USA um 16 Prozent.

Die Gewinnung von Naturkautschuk aus den Wurzeln von Löwenzahn erforscht Continental in der Nähe von Anklam.
Die Gewinnung von Naturkautschuk aus den Wurzeln von Löwenzahn erforscht Continental in der Nähe von Anklam.
© Joerg Boethling / IMAGO

Deutschland war 2020 das Schlusslicht unter den zehn größten Abnehmern von Naturkautschuk. Laut dem Branchenverband verbraucht es 2018 rund 232.000 Tonnen. Einer der größten Abnehmer ist der Reifenhersteller Continental – einer der führenden zehn Reifenproduzenten aus Japan (Bridgestone, Sumitomo und Yokohama), Frankreich (Michelin), USA (Goodyear), Italien (Pirelli), Südkorea (Hankook), Taiwan (Maxxis) und China (ZC Rubber).

Continental ist es auch, der in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer und dem Julius Kühn-Institut in Mecklenburg-Vorpommern einen Fahrradreifen aus Löwenzahn-Kautschuk entwickelt hat. Er ging 2019 in die Serienproduktion. Was für den mit dem deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichneten „Urban Taraxagum“ geht, liegt aber für die Bereifung von Motorrad-, Pkw- und Lkw-Reifen (jenseits von Testwagen) noch in weiter Ferne. Ein Unternehmenssprecher sagte der „Auto-Presse“, das Ziel sei, in sieben bis acht Jahren Taraxagum-Autoreifen zu liefern. Die Forschung nach Alternativen ist also weit, aber ökonomisch lange nicht umsetzbar.

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