KolumneFlüchtlingskrise trifft Jobmarkt unvorbereitet


David Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen FinanzgruppeDavid Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe.


Mit der Schließung der „Balkan-Route“ ist die Flüchtlingskrise erst einmal aus den Schlagzeilen verschwunden. Doch die Herausforderung der Integration hat gerade erst begonnen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der deutsche Arbeitsmarkt, wo die Problematik noch gar nicht angekommen ist. Grund dafür sind die hohen Zugangshürden für eine Arbeitsaufnahme – beispielsweise die Vorrangprüfung für EU-Bürger – und die lange Zeit zwischen Einreise und dem ersten Eintritt in den Arbeitsmarkt. Geschätzt dauert es aktuell zwischen sechs und achtzehn Monate, bis ein Asylbewerber anerkannt ist und sich eine Arbeit suchen darf.

Statistiken über die Entwicklung der Arbeitsmarktzahlen im Hinblick auf die Migranten gab es bislang nicht, weshalb keine auch nur annähernd konkreten Aussagen zu den Wirkungen der Flüchtlingsmigration möglich waren. Zur Freude des empirischen Sozialwissenschaftlers werden diese Lücken nun langsam aber stetig geschlossen. So veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit (BA) zusammen mit den monatlichen Arbeitsmarktzahlen mittlerweile Statistiken, mit der sich erste konkretere Aussagen über die Integration treffen lassen. Zwar weist die Arbeitsmarktstatistik nicht das Persönlichkeitsmerkmal „Flüchtling“ aus, wohl aber die Herkunftsnationalität. Weiterhin hat die BA im statistischen Ausweis eine Personengruppe aus den acht wichtigsten außereuropäischen Asylherkunftsländern (Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien) gebildet.

Lage am Arbeitsmarkt wird sich 2016 ändern

Um die Auswirkungen der Flüchtlingsmigration auf den Arbeitsmarkt und damit auf die Sozialkassen untersuchen zu können, haben wir die Arbeitsmarktstatistik kombiniert mit der Eurostat-Statistik über die Asylerstanträge aus dieser Ländergruppe und der Zahl der bei der BA gemeldeten offenen Stellen für sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse.

Betrachtet man nun die Ergebnisse anhand der Zahlen von Dezember 2014 und Dezember 2015, wird schnell klar, dass das Thema Flüchtlinge bislang am deutschen Arbeitsmarkt noch gar nicht wirklich aufgetaucht ist. So stieg die Zahl der Erwerbspersonen – also aktuell beschäftigte sowie aktiv nach Arbeit suchende Personen – aus den oben beschriebenen acht Ländern von 155.000 auf 209.000. Von ihnen waren Ende 2015 rund 88.000 (2014: 71.000) in einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung und etwa 90.000 (2014: 59.000) arbeitslos.

Soweit ergeben die Zahlen noch kein besorgniserregendes Bild. Allerdings sind bei der Berechnung die großen Flüchtlingsströme der letzten beiden Jahre nicht berücksichtigt. Vor dem Hintergrund des sprunghaften Anstiegs der Asylerstanträge von 203.000 im Jahr 2014 über 477.000 im letzten Jahr und 181.000 im ersten Quartal 2016 dürfte sich die Lage am Arbeitsmarkt in den nächsten Monaten und Jahren deutlich verändern.

Unsicherheit über die tatsächliche Zahl der Migranten

Unterstellt man in unserer Berechnung die historischen „Normalwerte“ für die zeitliche Dauer zwischen Asylerstantrag und Zugang in den Arbeitsmarkt, kommen wir zu dem Ergebnis, dass sich die Zahl der Erwerbspersonen aus der betrachteten Ländergruppe bis Ende 2016 auf rund 430.000 und bis Ende 2017 auf 590.000 bis 730.000 Personen erhöhen dürfte. Je nach unterstelltem Szenario für die allgemeine Arbeitsmarktentwicklung und die weitere Zuwanderung dürften sich bis zum Jahr 2017 daraus 120.000 bis 140.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen ergeben bei 410.000 bis 548.000 Arbeitslosen.

Die relativ große Bandbreite für das Jahr 2017 resultiert aus der Unsicherheit über die tatsächliche Zahl der Migranten. Denn immer noch ist unklar, wie viele Personen sich in Deutschland befinden, die noch gar keinen Asylantrag gestellt haben. Auch ist vor dem Hintergrund der aktuellen Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei offen, wie viel Menschen nach Schließung der Balkanroute und der Vereinbarung mit der Türkei dieses Jahr wirklich einreisen werden.

Sicher hingegen ist, dass die Integration in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse erst einmal nicht mit der Zahl der in den Arbeitsmarkt eintretenden Flüchtlinge Schritt halten wird. Um die daraus entstehenden Folgen für die Sozialkassen nicht zu einer Dauerbelastung werden zu lassen, ist es daher dringend nötig, die Asylbewerber zu qualifizieren, die Zugangshürden zum Arbeitsmarkt abzubauen und den Unternehmen mehr Planungssicherheit zu geben. Erst dann kann die kommende Herausforderung für die Integration der Flüchtlinge in die deutsche Wirtschaft bewältigt werden.