KolumneFlexibler Jobmarkt für Zuwanderer

Flüchtlinge bei der Ankunft in Deutschland
Flüchtlinge bei der Ankunft in Deutschland – Foto: dpa

Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen.Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen.


Der Zustrom von Flüchtlingen ist zum Thema des Jahres geworden. Viele Menschen suchen in Europa Schutz vor Bürgerkrieg, Verfolgung und bitterer Armut. Dass diese Menschen innerhalb Europas gen Norden streben, vor allem nach Deutschland, Skandinavien und Großbritannien, zeigt auch, dass die meisten von ihnen arbeiten wollen. Sie gehen dorthin, wo nicht nur die Chancen auf Aufnahme, sondern auch die Arbeitsmöglichkeiten vergleichsweise gut sind.

Die freie Mobilität der Arbeitskräfte ist ein Grundpfeiler der Europäischen Union. Quotenregelungen über die anfängliche Verteilung der zu uns kommenden Menschen machen durchaus Sinn. Sie können die Erstaufnahme erleichtern und den Entscheidungsprozess beschleunigen, wer in Europa bleiben darf und wer nicht. Aber letztlich werden die Zuwanderer, die bleiben können, vor allem dorthin ziehen, wo sie Arbeit finden können und wo möglicherweise schon andere Zuwanderer aus ihrem Heimatland ansässig sind.

Natürlich braucht die Europäische Union eine gemeinsame Antwort auf den Zustrom von Flüchtlingen. Dazu gehört neben einer robusten Außenpolitik, die darauf abzielt, Bürgerkriege in Europas Nachbarschaft zu beenden und schwache Staaten zu stabilisieren, auch eine gemeinsame Definition, welche Herkunftsländer auf dem Balkan als so sicher gelten können, dass Asylbewerber von dort umgehend zurückgeschickt werden können. Zum anderen müssen wir über die wirtschaftlichen Folgen und Möglichkeiten nachdenken.

Die Mehrheit der Zuwanderer möchte arbeiten

Nach dem jetzigen Stand der Dinge könnte Deutschland in diesem Jahr etwa 500.000 mehr Zuwanderer aufnehmen, als Berlin es vor einem halben Jahr erwartet hatte. Damit würde sich die Zahl der Menschen in Deutschland um etwa 0,6 Prozent erhöhen. Kurzfristig belasten zusätzliche Ausgaben für Zuwanderer den Staatshaushalt. Für die zweite Hälfte dieses Jahres und für 2016 könnten die Zusatzausgaben bei etwa 0,4 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung liegen, für die Eurozone insgesamt bei vielleicht 0,2 Prozent. Das lässt sich ohne große Probleme verkraften.

Deutschland wird trotzdem einen ansehnlichen Überschuss im Staatshaushalt erwirtschaften können. Konjunkturell gesehen ergeben diese Mehrausgaben einen kleinen fiskalischen Stimulus. Auch der private Verbrauch dürfte in der nächsten Zeit angesichts der etwas höheren Einwohnerzahl etwas stärker zunehmen. Da es Zuwanderer vor allem in die Ballungsgebiete zieht, dürfte sich die Kluft zwischen robusten Immobilienmärkten dort und schwächelnden Wohnungsmärkten im ländlichen Raum noch etwas vertiefen.

Das sind allerdings nur kurzzeitige und zudem eher geringfügige Effekte. Langfristig kommt es auf etwas ganz Anderes an. Die Mehrheit der Zuwanderer möchte arbeiten, auch wenn es gerade bei Migranten vom Westbalkan offenbar einige gibt, die sich auch sehr für deutsche Sozialleistungen interessieren. Wenn Deutschland und andere Aufnahmeländer die Zuwanderer in ihren Arbeitsmarkt integrieren, kann dies das gesamtwirtschaftliche Angebot auf Dauer spürbar ausweiten. Viele Zuwanderer sind nicht nur offenbar hoch motiviert und vielfach gut gebildet. Wie in vielen Wanderungswellen der Vergangenheit sind es auch diesmal oft besonders unternehmungsfreudige Menschen, die Leib und Leben riskieren, um zu uns zu kommen. Aus solchem Holz kann manch künftiger Unternehmer geschnitzt sein.

Wirtschaftlich gesehen bietet uns der Zustrom von Zuwanderern eine große Chance. Wenn wir Deutschen mit den Menschen richtig umgehen, die wir dauerhaft bei uns aufnehmen, könnten wir unser demographisches Problem für das kommende Jahrzehnt zumindest zur Hälfte lösen. Aber wenn wir die Weichen falsch stellen, könnten uns in 20 bis 30 Jahren eine entwurzelte Generation von arbeitslosen und unzufriedenen Zuwandererkindern Zustände wie in den berüchtigten Vorstädten französischer Metropolen, den Banlieues, bescheren.