KommentarWie Deutschland doppelt gegen Kontrollverlust und Traumata kämpft

Eine freiwillige Mitarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) steht in der Corona-Ambulanz des Klinikums Stuttgart im Katharinenhospital hinter einem Hinweis, auf dem
Eine freiwillige Mitarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) steht in der Corona-Ambulanz des Klinikums Stuttgart. Hier können sich Patienten testen lassen.dpa

Die Welt hat aufgehört sich zu treffen. Messen und Veranstaltungen fallen wie Dominosteine: Mobile World Congress in Barcelona, Genfer Autosalon, ITB Berlin, Leipziger Buchmesse. Dazwischen viele Feiern, Feste und Preisverleihungen: abgesagt. Die Hauptstadt, oft bedrückend im Gedränge der Empfänge, ist leiser, angespannt. Immerhin, die Gründer feiern weiter oder lassen sich feiern: 500 Gäste kamen am Donnerstagabend zu den ersten „German Start-up Awards“, rund 150 Gäste zum „Bold Woman Award“ von Veuve Clicquot in die französische Botschaft. Aber: kein Händeschütteln, nur scherzhaft der „Corona-Gruß“ mit Ellenbogen oder Luftkuss und überall Spender mit Desinfektionsmitteln.

Was selbstverständlich ist, wird plötzlich infrage gestellt oder abgesagt: der Urlaub, die Kreuzfahrt, die Dienstreise, das Meeting, das Abendessen, bei dem ein Freund kommen will, der bis letzte Woche in Italien war. Dabei immer zwei Fragen im Kopf, eine coole und eine bange. Die coole: Übertreiben wir es nicht ziemlich? Die bange: Wie lange dauert es, wie schlimm wird es?

Europa in einer zweiten Abwehrschlacht

Daneben flackern plötzlich weitere Bilder auf, bekannt und bedrohlich, von weniger fernen Grenzen: Tausende Flüchtlinge, die sich in der Kälte an Grenzzäunen drängen, in Bussen aus dem Nichts hingekarrt, als Erpressungsmasse eines Autokraten. Polizisten, die mit Tränengas die Grenze verteidigen, eine Stimme aus dem Lautsprecher, die ruft, dass keiner rein darf. Europa in einer zweiten Abwehrschlacht, in seiner ganzen Härte. Die Bilder vom großen Treck, erstürmten Zäunen und unkontrollierter Einwanderung haben wir alle noch vor Augen.

Beide Krisen haben nichts miteinander zu tun, und doch überlagern sie sich. Das hatten wir schon früher, dass große Krisen parallel aufflackern oder wieder eskalieren: Das dritte Hilfsprogramm für Griechenland 2015 kreuzte sich mit dem ersten Flüchtlingsstrom. Und in ihrer Ballung drohen diese Krisen unsere Fähigkeiten und Kapazitäten zur Problemlösung zu überfordern oder gar zu sprengen. Von einem möglichen „politischen Supersturm“, sprach die „FAZ“. Für uns Deutsche drückt sich dieser Supersturm in zwei Jahreszahlen aus: kein zweites „2009“, kein zweites „2015“. Bloß keine neue tiefe Rezession, bloß kein neuer Kontrollverlust mit einer Million Flüchtlingen.

Umso wichtiger ist es vermutlich zu klären, welche Parallelen es bei beiden Problemen gibt, und was vielleicht anders ist. Und vor allem müssen wir cool bleiben, um diese beiden Probleme im Kopf zu trennen, auch wenn sich beide vermischen und überlagern. Auch wenn wir beides Mal um Kontrolle ringen und uns für einen neuen Ausnahmezustand wappnen.

Sind wir zu panisch – oder vielleicht zu arglos?

Fangen wir mit dem leidigen Virus an. Übertreiben wir es? Wird zu viel Panik geschürt, auch von den Medien, nur wegen „einer Grippe“, die zwar unbekannt ist, aber weniger verheerend als eine „normale Influenza“? Diese Frage muss man sich stellen. Zumal drei Viertel der Deutschen keine oder wenig Angst vor einer Ansteckung haben. Aber man verkennt hier ein wenig Ursache, Folge und Wirkung.