InterviewEdmund Phelps: „Das haben wir so noch nie gesehen“

Edmund Phelps
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CAPITAL: Herr Phelps, Regierungen auf der ganzen Welt verabschieden momentan riesige Konjunkturprogramme. Halten Sie das für richtig?

EDMUND PHELPS: Das kommt darauf an. Ich denke, die vielen Hilfen für Unternehmen werden das Gesundheitsproblem nicht lösen. Dessen Lösung sollten aber an erster Stelle stehen. Wir sollten gewaltige Mengen an Geld ausgeben, um die Krankenhauskapazitäten auszuweiten, und versuchen, möglichst viele Menschenleben zu retten. Dann können die Menschen auch wieder arbeiten.

Das wird auch getan. Aber sollte die Regierung die Unternehmen nicht auch unterstützen, damit sie nicht pleitegehen und weiter Gehälter zahlen?

Doch natürlich. Aber wenn der Staat Geld ausgibt, indem er Unternehmen finanziert oder die Steuern senkt, dann bringt das wenig. Die Wirtschaft ist lahmgelegt. Viele Menschen dürfen oder können doch gar nicht mehr arbeiten und wollen nicht vor die Tür gehen. Es ist gefährlich da draußen. Sie könnten an einer schweren Krankheit erkranken.
Und genau deshalb sollte es die oberste Priorität sein, die Behandlungskapazitäten auszuweiten. Dann können wir das Virus schneller besiegen, die Menschen können schneller wieder arbeiten. Danach könnten wir den Aufschwung auch mit Staatsausgaben unterstützen, obwohl ich die gar nicht für nötig halte. Mit einer gesunden Erwerbsbevölkerung hätten wir wieder eine funktionierende Produktion. Die Arbeitslosigkeit würde dann automatisch wieder sinken.

Aber damit Arbeitnehmer wieder gesund werden oder sich gar nicht erst mit dem Conronavirus infizieren, müssen sie momentan zuhause bleiben.

Das stimmt. In einer dichtbesiedelten Stadt wie New York ist es im Moment sogar illegal, an viele Orte zu gehen. Selbst wenn es erlaubt wäre – Wenn die Columbia Universität morgen wiedereröffnen würde, dann würden die meisten Professoren und Studenten sicher nicht kommen. Sie hätten viel zu viel Angst, sich das Virus einzufangen.

Kein Aufruf zum Sozialismus

Natürlich. Aber wer zuhause bleibt, kann nicht arbeiten. Wie sollen Unternehmen dann produzieren und Gehälter auszahlen? Wer kauft ohne Gehalt bei den Unternehmen ein?

In einigen Branchen können sie – solange sie genug Arbeitnehmer finden – weitermachen, als ob nichts passiert wäre, andere Unternehmen verlieren einige ihrer Kunden. Aber einigen Unternehmen fehlen auch Produktionsgüter, den nächsten fehlen die Arbeiter. Wenn man diesen Unternehmen Geld gibt oder leiht, kann man ihnen so im Moment auch nicht wieder auf die Beine helfen.

Wie dann?

Es könnte sein, dass die Situation so schlimm wird, dass die Regierung für eine Weile die Kontrolle über einige Unternehmen übernehmen muss. Die Regierung müsste sich eine Zeit lang um sie kümmern und überdenken, was sie produzieren.

Sie fordern also, dass die Regierung für Unternehmen entscheidet, was sie produzieren. Dann müsste sie ja vorhersehen, was die Leute in Zukunft kaufen möchten.

Verstehen sie mich nicht falsch. Das hier ist kein Aufruf zum Sozialismus. Es bringt aber wenig, Unternehmen bedingungslose Hilfe zu geben, um sie und die Beschäftigung zu sichern. Stattdessen sollten wir die Struktur der Wirtschaft überdenken. Es gibt eine Nachfrage nach ganz anderen Dingen als normalerweise: Medizinisches Equipment zum Beispiel. Die Menschen wollen nicht dieselben Dinge kaufen wie vor der Krise. Außerdem verlieren viele Menschen ihr Vermögen oder ihr Einkommen. Wenn die Regierung also eingreift, sollte sie das nicht mit bedingungslosen Finanzhilfen tun.

Wir müssen improvisieren

Und was passiert dann nach der Corona-Krise?

Die Regierung würde nur für eine Weile die Kontrolle über die Unternehmen übernehmen. Nicht auf unbestimmte Zeit. Aber danach wäre es auch nicht wünschenswert zum Status Quo zurückzukehren und zu versuchen, genau das Produktionsmuster nachzuahmen, das früher herrschte. Viele Menschen werden weniger Geld haben und andere Dinge kaufen wollen.

Angenommen man käme auf diese Weise erst einmal nicht wieder auf das alte Produktionsniveau zurück.

Die Unternehmen könnten ihre Arbeitnehmer also längere Zeit nicht zahlen. Wie würden Sie die ganzen Arbeitslosen dann unterstützen? Ich habe keine eindeutige Antwort auf diese Frage. Ich nehme an, dass große Anstrengungen unternommen werden, um die Arbeitslosen zu unterstützen. Viele Länder haben ja eine ganz automatisch anspringende Arbeitslosenversicherung. Was genau man tun sollte, hängt auch ein wenig davon ab, was in den nächsten Monaten passiert und wie lange die Krise dauert.  In den Vereinigten Staaten könnten wir vorübergehend Lebensmittelmarken ausgeben oder Schecks an Arbeitslose verteilen, damit sie weiter für das Nötigste zahlen können.

Ihre Ideen klingen radikal. Wir hatten doch bereits nach der Finanzkrise vor über zehn Jahren kräftige Konjunkturpakete weltweit. Können wir von damals nichts lernen?

Wenn jemand anfängt, über diese Krise zu reden, als ob es eine Finanzkrise wäre, dann gerät er ziemlich schnell in Erklärungsnöte, weil es keine ist. Damals brach die Nachfrage ein. Jetzt gibt natürlich auch weniger Nachfrage, weil die Menschen weniger arbeiten, weniger verdienen und eh zuhause bleiben, anstatt ihr Geld auszugeben. Die auslösende Kraft war aber ein Rückgang des Angebots an Teilen aus anderen Ländern und Arbeitskräften, die krank wurden oder zu Hause bleiben mussten. So eine Gesundheitskrise haben wir fast noch nie gesehen außer in China und einigen Ländern zu Zeiten der Spanischen Grippe. Niemand hat jemals ein Handbuch über das geschrieben, was man tun sollte in so einem Fall. Wir müssen also improvisieren.