ExklusivE-Scooter-Firma Tier verliert zwei seiner wichtigsten Manager

Elektroscooter der Marke Tier IMAGO / Geisser

Beim Berliner E-Scooter-Start-up Tier Mobility könnte eigentlich wieder Optimismus einkehren. Der Pandemie-Schock scheint vorerst überstanden, die Kassen sind dank eines Millionen-Kredits von Goldman Sachs gut gefüllt, der Unternehmenswert stieg zuletzt auf mehr als 1 Mrd. US-Dollar. Doch ausgerechnet jetzt, da es wieder bergauf gehen soll, verliert das Start-up zwei seiner wichtigsten Manager.

Nach Informationen von Capital haben Chief Commercial Officer Moritz Werner und Chief Operating Officer Roger Hassan das Unternehmen im Juni und Juli im Abstand von vier Wochen verlassen. Ein Sprecher von Tier Mobility bestätigte die Demissionen auf Anfrage, machte allerdings keine Angaben zu den Hintergründen. Auch die beiden äußerten sich nicht.

Führungszirkel schrumpft

Tier-Chef Lawrence Leuschner hatte die beiden Spitzenmanager vor gut eineinhalb Jahren zu seinem Start-up geholt, um die internationale Expansion voranzutreiben. Der ehemalige BCG-Berater Werner war als CCO für das Kunden- und Umsatzwachstum verantwortlich. Dem Vernehmen nach verlässt er Tier, um sich eigenen Projekten zu widmen. Sein Managerkollege und COO Hassan sollte das junge Start-up auf Effizienz trimmen und Kosten senken. Angeblich hat er sich zurückgezogen, um mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Ein vorangegangener Konflikt im Management lässt sich trotzdem nicht ausschließen.

Der Führungszirkel um Leuschner schrumpft damit von sechs auf vier Personen. Eine Nachbesetzung hat das Unternehmen bisher nicht öffentlich kommuniziert. Offenbar soll die Verantwortung vorerst intern verteilt werden. Die Aufgaben des bisherigen COOs übernimmt dem Vernehmen nach Andreas Weinberger. Die Rolle des CCOs hat scheinbar Matthias Tempel übernommen, glaubt man seinen Linkedin-Angaben. Er war bisher die rechte Hand des CEOs.

Branche wieder im Aufwind

Die Abgänge kommen zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt, denn nach einem schwachen Jahr 2020 befindet sich die Branche gerade wieder im Aufwind. Das zeigen Schätzungen des Analysediensts Airnow zu den Downloadzahlen der vier größten E-Scooter-Apps (siehe Grafik). Sowohl bei Tier als auch bei den Konkurrenten Voi, Bird und Lime lagen die geschätzten Downloads im Juni 2021 weit über dem Vorjahresniveau. Das Interesse an den elektrischen Tretrollern scheint wieder zu steigen. Wie sich das im Kunden- und Umsatzwachstum widerspiegelt, geht aus den Zahlen allerdings nicht hervor.

Mit dem Beginn der Sommersaison ist auch der Konkurrenzkampf unter den Anbietern wieder aufgeflammt. Der US-Konkurrent Bird kündigte im Mai einen Börsengang via Spac an, um sich eine neue Finanzierung für die Expansion zu sichern. Angeblich schielt es auf eine Bewertung von 2,3 Mrd. US-Dollar. In Deutschland ist zudem kürzlich das estnische Start-up Bolt in den Markt eingetreten. Mit einer Flotte von 15.000 Elektrorollern und einer aggressiven Preispolitik versucht es, der Konkurrenz die Kunden abspenstig zu machen.

Spekulation über neue Finanzierung

Angesichts der Bewegung im Markt wird in der Szene spekuliert, ob Tier womöglich schon wieder auf der Suche nach einer neuen Finanzierung sei. Das Timing wäre jetzt günstig, bevor die umsatzschwachen Herbst- und Wintermonate wieder auf die Geschäftszahlen drücken, die sich in Präsentationen für potenzielle Investoren nicht gut machen.

Was allerdings dagegen spricht: Das Berliner Start-up hat sich erst im Juni eine Kreditfinanzierung in Höhe von 60 Mio. US-Dollar von Goldman Sachs besorgt. Mit dem Geld treibt Tier derzeit die internationale Expansion seiner Flotte voran. Das Mobilitäts-Start-up, das 2018 von Lawrence Leuschner, Matthias Laug und Julian Blessin in Berlin gegründet wurde, ist derzeit nach eigenen Angaben in mehr als 110 Städten in 13 Ländern in Europa und dem Mittleren Osten aktiv. Abgesehen von E-Scootern und E-Mopeds will es künftig auch E-Bikes anbieten.

Strategie steht derzeit auf der Probe

Des Weiteren benötigt Tier die Millionen, um sein wichtigstes strategisches Projekt umzusetzen: Das Unternehmen will seine Kunden künftig dazu bewegen, die E-Scooter selbst aufzuladen. Das soll die Betriebskosten radikal senken. Vor gut einem Jahr hat Tier deshalb ein europaweites Ladenetz angekündigt. Ziel sei es, in den Innenstädten jede 500 Meter eine Akkuwechselstation anzubieten – etwa in Kiosks, Cafés und Geschäften. Kunden sollen dort die leeren Akkus gegen volle Batterien austauschen und erhalten im Gegenzug eine Freifahrt.

Nach einer Testphase in Skandinavien ist das Projekt vor gut zwei Monaten auch in Deutschland angelaufen. Der Aufbau des Netzwerkes ist mit hohen Hardware-Investitionen verbunden. Im Kern ist das Vorhaben eine Wette auf die Kunden und deren Bereitschaft, den Aufwand des Akkuwechsels auf sich nehmen werden. Eine Wette, von der nichts weniger als die Zukunft des Berliner Start-ups abhängt.

 


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden