KommentarDie Zombifizierung der Wirtschaft

Delta Airlines und andere große Fluggesellschaften gelten als überschuldet. Und auch der Flugzeugbauer Boeing hat immense Verbindlichkeitenimago images / Rüdiger Wölk

Zwischen den Hoffnungen auf einen zweiten Impfstoff, Corona-Demos in Berlin und von der AfD eingeschleusten „aufgebrachten Bürgern“ im Bundestag wollte ich heute eigentlich über Zombies berichten. Ja, eine neue Folge von „The Working Dead“.

Seit einiger Zeit beobachten Ökonomen mit Sorge das Phänomen der sogenannten Zombie-Unternehmen: Firmen, die im Grunde nicht mehr ihre eigenen Schulden bedienen können, weil ihre Gewinne zu niedrig sind für die Zinszahlungen. Sie werden nur noch durch das viele billige Geld am Leben erhalten.

Schon im Sommer sprach eine Studie der Allianz und Euler Hermes von einer „Insolvenz-Zeitbombe“. Die Studie kam auf 13.000 scheintote Unternehmen in Europa. Und sie schätzte, dass in Europa neun Millionen Jobs künstlich am Leben erhalten werden, vor allem durch verschiedene Kurzarbeiterprogramme. Damals waren in ganz Europa rund 45 Millionen Menschen in Kurzarbeit.

Prominente Zombies

Diese Woche gab es neue Zahlen von Bloomberg. Der US-Nachrichtendienst hat die 3000 größten börsennotierten Unternehmen des Landes analysiert. Das Ergebnis: Mehr als jedes sechste ist überschuldet, insgesamt 527, darunter weltbekannte Namen wie der Flugzeughersteller Boeing, der Mineralölkonzern Exxon Mobil und die Einzelhandelskette Macy‘s. Alle vier großen US-Fluggesellschaften, darunter Delta Airlines, sind mit einer Gesamtverschuldung von 128 Mrd. Dollar zu Zombies geworden.

Seit Ausbruch der Pandemie haben sich rund 200 der 3000 US-Unternehmen in die Welt der überschuldeten Scheintoten eingereiht. „Einst waren sie die Titanen der Unternehmenswelt“, bilanziert Bloomberg. „Beliebte Namen in jedem Haushalt. Fallbeispiele für Erfolgsgeschichten. Nun sehen sie nach etwas anderem aus: Zombies.“

Noch atemraubender ist: Die Schulden der Scheintoten haben sich in dieser kurzen Zeit um 1 Billion Dollar erhöht, die Gesamtschulden betragen nun 1,36 Billionen Dollar. 500 Milliarden Dollar waren es auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Und da die Notenbanken eifrig Unternehmensanleihen aufkaufen, haben all diese Firmen weiter Zugang zum Kapitalmarkt.

Das Phänomen der hohen Schulden in vielen Unternehmen hat Capital bereits vor knapp zwei Jahren in einer großen Analyse beleuchtet (Hier können Sie sie nachlesen). „Heute sind es US-Konzerne, die Investoren und Zentralbanker in Angst versetzen“, hieß es darin. „Angestachelt von den Notenbanken, haben sie sich mit Schulden vollgesogen“. Die Gründe für diese Schulden sind vielfältig, nicht immer weht der Hauch des Todes: rasante Expansion, waghalsige Deals – aber eben auch schuldenfinanzierte Aktienrückkäufe oder ein schwaches oder überbekommenes Geschäftsmodell.

Nun könnte man sagen, dass in Zeiten des billigen Geldes das Problem der Schulden nicht so gravierend ist. Und viele der Unternehmen könnten sich nach der Krise wieder erholen und von den Scheintoten auferstehen. Richtig. Auf der anderen Seite aber wird Kapital in unproduktive Firmen gelenkt und dort gebunden, was auf Dauer eher das Wachstum hemmt – weil diese Unternehmen oft nicht mehr so stark investieren können.

Zombiefirmen leiden unter Langzeitschäden

Auch wenn Unternehmen also nicht mehr Zombies sind und wieder mehr Gewinne erwirtschaften, als der Schuldendienst frisst, wachsen sie oft über Jahre noch schwächer – das hat eine Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ergeben. (Die Studie finden Sie hier.)

Die Experten haben Unternehmen in 14 Industrieländern untersucht. Der Anteil der Zombie-Firmen ist demnach von vier Prozent in den 1980ern auf 15 Prozent im Jahr 2017 gestiegen. (Der Corona-Effekt ist also noch gar nicht drin.) „Diese Zombiefirmen sind kleiner, weniger produktiv, haben mehr Schulden und investieren weniger“, schreiben die Autoren. „Ihre Leistung verschlechtert sich schon Jahre vor der Zombifizierung.“

60 Prozent der Unternehmen gelinge es im Schnitt, den Zombiestatus zu verlassen – aber die Leistung bleibe auf Jahre schwächer, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie erneut Zombies werden, sei dreimal so hoch wie bei anderen Unternehmen. Fazit der Studie: „Die Lebensfähigkeit eines Unternehmens sollte ein wichtiges Kriterium sein, wenn es um Hilfen der Regierung oder von Zentralbanken geht.“

Noch eine dritte Institution hat in dieser Woche einen Wasserstand zum Thema Schulden gegeben: das Institute of International Finance (IIF). Der internationale Bankenverband sprach – Achtung Metaphernwechsel – von einem „Schulden-Tsunami“. Demnach hat sich die globale Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privatpersonen in diesem Jahr schon um 15 Billionen Dollar erhöht und wird bis zum Jahresende wohl auf 277 Billionen Dollar steigen. Die globale Schuldenquote, also die Schulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, werde von 320 auf 365 Prozent steigen.

Falls Sie noch ein wenig tiefer in die Welt und Geschichte der Schulden eintauchen wollen – für Abonnenten von Capital+ haben wir noch diese Analyse: