GastbeitragNiedrigzinsen: Was die Ursachen sind und wie wir damit umgehen sollten

Symbolbild NiedrigzinsenGetty Images

Die niedrigen Zinsen sind in Deutschland Dauerthema. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat viel Gegenwind bekommen. Sie habe sich entschieden, mit einer expansiven Geldpolitik die hoch verschuldeten Ökonomien in Südeuropa zu stützen, sagen Kritiker. Dabei habe sie in Kauf genommen, dass vor allem Sparer mit kleinen und mittleren Einkommen die Lasten tragen müssen. Diese Politik halte außerdem Zombie-Unternehmen durch billige Kredite am Leben, also Firmen ohne nachhaltiges Geschäftsmodell mit niedrigem Produktivitätswachstum. Die Folge dieser „Zombifizierung“ sei ein zementiertes niedriges Wirtschaftswachstum in Europa.

Diese Vorwürfe haben Verteidiger der EZB auf den Plan gerufen. Sie behaupten, die niedrigen Zinsen seien in erster Linie realwirtschaftlich verursacht. Es werde unter anderem wegen der demografischen Veränderungen viel gespart, und die Nachfrage nach Kredit sei aufgrund eines sich abschwächenden Trendwachstums gering. Die expansive Geldpolitik der EZB stütze die Konjunktur. Von dieser Seite wird häufig gefordert, der deutsche Staat solle sich stärker verschulden, dann würden auch die Zinsen steigen.

Die Zinsen sinken nicht erst seit der Eurokrise

Man muss sich die die längerfristige Zinsentwicklung ansehen, wenn man verstehen will, warum die Zinsen derzeit so niedrig sind. Die realen (um die Inflationsrate bereinigten) Zinsen bewegen sich bereits seit Jahrzehnten nach unten – also lange vor der Gründung der Eurozone. Historischen Analysen zufolge lag der durchschnittliche globale Realzins für ‚sichere‘ und liquide Aktiva über lange Zeiträume bei rund zwei Prozent, stieg nach dem Zweiten Weltkrieg vorübergehend auf etwa 2,5 Prozent an und fing um das Jahr 1980 an, stetig zu sinken. Heute liegt er bei rund 0,5 Prozent.

Während in den Jahrzehnten vor 1980 die durchschnittlichen Realzinsen in den einzelnen Ländern noch sehr unterschiedlich waren, trug die Öffnung der weltweiten Kapitalmärkte dazu bei, dass die meisten Länder seither gleichermaßen vom Zinsrückgang erfasst wurden. Heute sind die Unterschiede zwischen den durchschnittlichen Realzinsen nur noch sehr gering.

Der Rückgang bei den Nominalzinsen war noch ausgeprägter als bei den Realzinsen, weil die Inflationsraten deutlich gesunken sind. In Deutschland lag die durchschnittliche Teuerung zu Beginn der 1980er-Jahre beispielsweise bei 4 Prozent, heute nur noch bei 1,5 Prozent. Addiert man diesen Rückgang der durchschnittlichen Inflationsrate in Höhe von 2,5 Prozentpunkten zum Rückgang der durchschnittlichen Realzinsen in Höhe von 2,0 Prozentpunkten, ergibt sich ein Rückgang des durchschnittlichen Nominalzinses in Deutschland von 4,5 Prozentpunkten. Heute sollte der Nominalzins demnach in einer konjunkturellen Normalsituation bei rund zwei Prozent liegen. Dass er derzeit eher bei null Prozent liegt, kann man der expansiven Geldpolitik der EZB zurechnen.