Capital erklärt Was Sie über die Niedrigzinsen wissen sollten

Die Europäische Zentralbank gibt den Leitzins vor.
Die Europäische Zentralbank gibt den Leitzins vor. Pixabay


In unserer Reihe Capital erklärt geben wir einen komprimierten Überblick zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Diesmal: die Niedrigzinsära in der europäischen Geldpolitik – mit Capital-Reporterin Nadine Oberhuber, die schwerpunktmäßig für die Themen Geldanlage, Immobilien und Versicherungen zuständig ist.


 

Seit Jahren fährt die Europäische Zentralbank (EZB) eine Niedrigzinspolitik. Was bedeutet das für Geldanleger?

Das heißt natürlich zuerst einmal für alle Sparer, dass sie so gut wie keine Zinsen mehr bekommen, wenn sie ihr Geld jahrelang einfach nur auf Tagesgeld- oder Festgeldkonten parken – so wie es viele Bundesbürger übrigens immer noch tun. Rund 2,5 Billionen Euro, das sind etwa 40 Prozent des deutschen Gesamtvermögens, horten wir Bundesbürger aktuell auf Sparbüchern, Bankkonten oder als Bargeld. Das kommt daher, dass sich viele wünschen, dass das Geld kurzfristig und jederzeit verfügbar ist. Für den Fall, dass sie es für unvorhergesehene Ausgaben benötigen oder weil sie sich eine Immobilie zulegen wollen, die sie aber noch nicht gefunden haben. Das alles ist verständlich, aber es bedeutet leider auch, dass dieses viele Geld nahezu überhaupt keine Zinsen mehr abwirft, sondern sogar zusammenschrumpelt, wenn man die Inflation dagegen rechnet. Aber nicht nur die Geldsparer leiden unter den Niedrigzinsen, sondern vor allem auch alle Versicherten, die in kapitalbildende Lebensversicherungen, Rentenversicherungen oder die betriebliche Altersvorsorge einzahlen. Die Versicherungsunternehmen haben nämlich auch große Probleme in dieser Niedrigzinszeit noch ordentliche Renditen zu erzielen. Altersvorsorgeverträge trifft der Nullzins daher ebenso.

Wie investiert man aktuell sein Geld am besten?

Das hängt natürlich stark davon ab, in welcher Lebensphase man sich befindet. Man kann nicht einfach allen raten: Schichtet Euer Geld lieber in Aktienfonds. Berufseinsteiger zum Beispiel sollten dennoch erst einmal auf einem Tagesgeldkonto etwa drei Nettogehälter ansparen, um überhaupt einen Sicherheitspuffer für Notfälle zu haben. Diese Summe sollte sowieso jeder Haushalt auf der Bank haben und es sollte tatsächlich in erster Linie schnell verfügbar sein. Alles, was darüber hinaus an Kapital vorhanden ist, sollte man aber nun wirklich nicht auf Nullzinskonten herumdümpeln lassen. Sehr Sicherheitsbewusste, die dennoch Anleihen kaufen wollen, sollten sich zumindest nicht nur auf die deutschen Staatsanleihen fixieren, die inzwischen sogar Negativrenditen abwerfen, also Geld kosten. Sondern sie sollten auch auf große deutsche oder internationale Unternehmensanleihen schauen. Oder sich wenigstens einen Fonds mit europäischen Staatsanleihen suchen. Besonders Jüngere und alle, die es sich leisten können, ihr investiertes Geld ungefähr zehn Jahre für sich arbeiten zu lassen, – oder sogar länger, sollten sich dringend auf dem Markt der Indexfonds umsehen. Wenn man über einen ETF breit gestreut in Aktien investiert, also etwa in den Weltaktienindex MSCI World oder den deutschen Leitindex Dax, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man auf Zehnjahressicht kein Geld verliert, sondern langfristig rund 6 bis 7 Prozent Rendite einkassiert – pro Jahr versteht sich.

Staatsanleihen sind nicht so sicher wie gedacht

Was bedeutet die Niedrigszinspolitik für Sparer?

Sie hat vor allem eine Vorstellung widerlegt: Früher sprachen Anleger vom „risikolosen Zins“ und meinten damit jenen Zinssatz, mit dem sich das Geld in recht sicheren – also risikolosen – Geldanlagen wie Staatsanleihen oder auf dem Tagesgeldkonto quasi wie von selbst vermehrte. Vor allem, wenn man viele Jahre lang durchhielt, weil sich irgendwann der Zinseszinseffekt enorm bemerkbar machte. Inzwischen wissen wir erstens, dass selbst Staatsanleihen nicht so sicher sind wie gedacht, das hat nicht zuletzt die Eurokrise gezeigt und die Verschuldung Griechenlands. Und zweitens, dass gerade mit den stabilsten Anlageformen häufig gar keine Erträge mehr zu machen sind. Für Sparer heißt das: Sie müssen ihr Geld entweder in riskantere Papiere investieren und deren Kursschwankungen auch mal aushalten. Oder sie müssen viel mehr Geld monatlich zurücklegen und erheblich länger sparen. Denn natürlich setzt der Zinseszinseffekt dennoch ein, aber er entfaltet viel weniger Wucht als früher: Wer 20 Jahre lang 20.000 Euro auf der Bank liegen lässt bei 1,0 Prozent Zinsen, der hat nach 20 Jahren 24.400 Euro – also kaum mehr. Nach 30 Jahren sind es auch bloß 27.000 Euro. Bei 4 Prozent Zinsen waren es noch 43.800 Euro nach 20 Jahren, das Geld hatte sich also verdoppelt und nach 30 Jahren mehr als verdreifacht auf knapp 65.000 Euro.

Welche Konsequenzen hat die EZB-Politik für Versicherungen?

Das Dilemma der Versicherer ist: Sie sind laut Gesetz verpflichtet, das Kapital ihrer Kunden in besonders sichere Anlage zu stecken – also in genau jene, die kaum Erträge abwerfen. Alternativ müssen sehr viele Sicherheiten für jeden Euro stellen, den sie gewagter anlegen, das ist teuer. Deshalb investieren Versicherer nur wenig in Aktien und Fonds, sondern halten vor allem Anleihen. Bei älteren, langlaufenden Staatsanleihen waren die Erträge noch hoch, mit jeder neuen Staatsanleihe aber sinken die Zinserträge. Das Grundproblem der Versicherer ist zudem, dass sie vielen Kunden in den 90er Jahren hohe Garantiezinsen zugesagt haben. Einige Unternehmen erwirtschaften heute weniger, als sie damals versprochen haben und müssen nun ihre Bestände kontrolliert abwickeln, so heißt es, wenn sie kein Neugeschäft mehr annehmen können, sondern die bestehenden Verträge auslaufen lassen. Insgesamt erzielte die Branche aber mit ihren Kapitalanlagen zuletzt eine Rendite von 4,4 Prozent. Denn gute Versicherer investieren stärker in Immobilien oder Infrastruktur oder kommen selbst mit Anleihen auf gute Erträge, weil sie Kurssteigerungen ausnutzen. Trotz Niedrigzinsen stieg der Buchwert der Kapitalanlagen laut Branchenverband an, auf gut 900 Milliarden Euro. Inklusive Pensionskassen und fondsgebundener Versicherungen verwalten sie über eine Billion Euro. Und die Gewinne der Branche stiegen auch. Zuletzt lagen sie bei 47 Milliarden Euro für 2017.

Verschulden war noch nie so billig

Gibt es auch positive Effekte der Niedrigzinspolitik?

Ja, die gibt es, denn auch die Kreditzinsen sinken, besonders für Hausfinanzierer. Derzeit führt das historische Zinstief dazu, dass man schon für rund einen Prozentpunkt Zinsen ein Hypothekendarlehen mit 15 Jahren Laufzeit bekommt. Hauskredite mit längerer Laufzeit sind für knapp 1,5 Prozent Zinsen zu haben. So billig war es im Grunde noch nie, sich für den Immobilienkauf zu verschulden. Noch 2008 zahlte man rund 5 Prozent für Kredite, in den 80er Jahren waren sogar fast zehn Prozent Zinsen fällig. Allerdings gleichen die Minizinsen inzwischen immer weniger aus, dass die Preise für Häuser und Wohnungen seit 2010 geradezu explodiert sind. In vielen Orten haben sie sich verdoppelt. Unterm Strich ist die Immobilienfinanzierung ungefähr genauso erschwinglich für deutsche Haushalte wie vor zehn Jahren, sagen Berechnungen vom Wirtschaftsforschungsinstitut IW. Doch an zwei Stellen sollten Immobilienkäufer dringend aufpassen: Erstens sollten sie die anfängliche Tilgung ihrer Kredite umso höher wählen, je niedriger die Zinsen sind. Bei 2 Prozent Tilgung (und 1,05 Prozent Sollzins) läuft der Kredit nämlich immerhin 40 Jahre, bis er abgezahlt ist. Selbst bei 3 Prozent Tilgung dauert es noch zirka 30 Jahre. Und zweitens sollten sie sich bei einer Baufinanzierung die jetzigen Minizinsen möglichst lange festschreiben lassen, am besten 15 oder sogar 20 Jahre. Sonst ist die Gefahr groß, die Raten beim Anschlusskredit nicht mehr zahlen zu können, falls bis dahin doch die Zinsen wieder gestiegen sind.

Womit müssen Geldanleger in der Zukunft rechnen: Wie lange wird die Niedrigszinspolitik anhalten?

Das wüssten alle gern und seit Jahren rufen Marktbeobachter schon die nahe Zinswende aus. Bisher ist sie aber zumindest in Europa nicht erfolgt und ehrlich gesagt: Es sieht schlecht aus. Denn inzwischen dauert der aktuelle Wirtschaftsaufschwung schon zehn Jahre an, das ist ungewöhnlich lang. Sollte also demnächst wirklich eine Rezession einsetzen, also ein Konjunktureinbruch, dann werden die Notenbanken gegensteuern. Und das heißt klassischerweise eine erneute Zinssenkung, jedenfalls dort wo sie möglich ist. Nun  hat die Europäische Zentralbank an der Stelle wegen ihrer Nullzinsen kaum Spielraum. Aber sie kann wieder vermehrt Anleihen von Mitgliedsstaaten und Firmen aufkaufen, um weiteres Geld in den Markt zu drücken, in der Hoffnung, dass es die Wirtschaft am Laufen hält. Und so wieder für ein Absinken der Anleihenzinsen sorgen.

Ein baldiger Zinsanstieg ist unwahrscheinlich

Christine Lagarde folgt Mario Draghi an die Spitze der EZB. Welchen Einfluss hat das?

Es dämpft zurzeit zusätzlich die Hoffnung auf einen baldigen Zinsanstieg. Mehr noch: Es macht sogar das bisher Undenkbare möglich. Zwar soll Christine Lagarde langfristig für den Ausweg aus der Nullzinsära sorgen, doch wie soll sie in der nächsten Krise für Zusatznachfrage in der Wirtschaft sorgen, wenn die Zinsen bereits bei Null stehen und die Verschuldung daher für Unternehmen und Konsumenten schon jetzt fast nichts kostet? Lagarde hat bereits gesagt, dass sie sogar Negativzinsen für etwas „durchweg Positives“ hält. Negativzinsen wären im Grunde so etwas wie eine Strafsteuer auf Geldbesitz. Eine Zwangsabgabe auf Bankeinlagen sozusagen. Würden die Negativzinsen in der Europäischen Union wirklich auf Sparkontoeinlagen oder Bargeld erhoben, wie erste Ökonomen bereits erwägen, wären Anleger geradezu gezwungen, ihr Geld anderweitig für sich arbeiten zu lassen, um beim Sparen nicht draufzahlen. Dann wären Aktien- und Indexfondskäufe oder der Immobilienbesitz vielleicht wirklich alternativlos, wie es im Politikerslang neuerdings heißt. Noch ist es allerdings nicht so weit.