Interview„Die USA haben international viel Vertrauen verloren“

US-Präsident Donald Trump setzt im Wahlkampf auf Populismus.imago images / Agencia EFE

Im Wahlkampf um die US-Präsidentschaft zeigt sich die Polarisierung in der amerikanischen Gesellschaft gerade besonders deutlich. Worin liegt diese Polarisierung begründet?

In den USA – wie auch in vielen anderen Ländern – haben sowohl wirtschaftliche als auch kulturelle Faktoren zur Polarisierung beigetragen. Zum einen gab es die globale Finanzkrise Ende des letzten Jahrzehnts. Zudem gab es immer mehr Arbeitsmigration in die Vereinigten Staaten und westliche Industriestaaten generell. Dann wirkte sich noch der Anschluss von China an die WTO im Jahr 2000 stark auf die US-Wirtschaft aus. Diese Faktoren haben den Nährboden für einen Populisten wie Trump gebildet.

Warum verfängt der Populismus in der amerikanischen Bevölkerung so stark?

In den USA sind große Industriesektoren weggebrochen. Es gab einen Strukturwandel und dieser hat bewirkt, dass große Wählerschichten, gerade auf dem Land, nicht mehr an den Globalisierungsgewinnen teilhaben konnten, die die USA über Jahrzehnte eingefahren haben. Diese Leute sind immer mehr zurückgefallen, und das setzt ein gewisses Frustrationspotenzial frei. Donald Trump hat in genau dieses Potenzial investiert, um Stimmen zu gewinnen. Er hat im Grunde das ökonomische mit dem kulturellen Argument verknüpft und gesagt: Wenn ihr mich wählt, beschütze ich euch sowohl vor den internationalen Unternehmen, die euch durch Dumping ausbeuten, als auch vor den internationalen Organisationen, die euch nur das Geld aus der Tasche ziehen wollen, und ich beschütze euch vor den Einwanderern, die euch die Jobs wegnehmen.

Warum geht es im amerikanischen Wahlkampf so viel hitziger und populistischer zu als im deutschen Wahlkampf?

Populismus ist eine politische Strategie. Einem Populisten geht es eigentlich umso besser, je mehr Chaos in einem Land herrscht und je polarisierter die Gesellschaft ist. Die Wahlbevölkerung wird im Grunde aufgeteilt in „für Trump“ und „gegen Trump“. Je polarisierter und erhitzter die Stimmung ist, desto mehr kann ihm das nutzen, wenn er es schafft, seine 50 Prozent auf seine Seite zu ziehen. Das ist also Absicht.

Welche ökonomischen Folgen bringen diese Spaltung und die aufgeladene Stimmung mit sich? Was bedeutet das für den Wirtschaftsstandort USA?

Erst einmal bedeutet das, dass die USA international viel Vertrauen verloren haben und daran arbeiten müssen, ihren Status wiederherzustellen. Außerdem zeichnet sich die Politik von Trump dadurch aus, dass er viele Schulden macht, Importzölle erhöht und auf Institutionen wie Gerichte Einfluss sucht. Das alles sind Faktoren, die ein Land langfristig in eine ökonomische Abwärtsspirale hineinbewegen können.

Welche Folgen hat das für Unternehmen?

Je politisch instabiler die Situation in einem Land ist, desto unattraktiver ist es für Unternehmen sowohl, sich in diesem Land anzusiedeln, als auch mit anderen Unternehmen, die in diesem Land ansässig sind, Handel zu betreiben. Je stärker die Demokratie und die Gerichtsbarkeit ausgebildet sind, desto mehr erleichtert das Vertragsschlüsse zwischen Geschäftspartnern. Dazu waren die USA in den vergangenen Jahrzehnten stets ein verlässlicher Partner. Das hat sich unter Trump geändert.

Könnte dieser Vertrauensverlust dem Wirtschaftsstandort USA nachhaltig schaden?

Trump hat in den vier Jahren seiner Präsidentschaft die gesamte politische Ökonomie der Vereinigten Staaten und auch weltweit durcheinander gewürfelt. Vier Jahre davon kann man gerade noch verkraften. Aber vier weitere Jahre könnten viele Vorsprünge, die sich die USA erarbeitet haben, zunichte machen.

In einer aktuellen Studie haben Sie untersucht, wie populistische Machthaber wie Trump aus dem Amt scheiden. Was sind die Ergebnisse?

Wenn man sich populistische Machthaber in den letzten hundert Jahren anguckt, lief die Amtsübergabe nur in circa einem Drittel der Fälle auf dem vorgegebenen Weg ab – also durch eine ruhige Amtsübergabe oder durch ein Eingestehen der Wahlniederlage. Es gab fast immer Querelen, die bis zu einem Putsch oder einer Absetzung geführt haben.

Gibt es Wege, wie die USA die gesellschaftliche Spaltung wieder überwinden können?

Die USA befinden sich an einem Scheideweg: Entweder wird wieder aufeinander zugegangen und eine Politik des Dialogs und der Mitte angestrebt oder die Situation ist schon so weit außer Kontrolle geraten, dass das nicht mehr möglich ist. Ich denke aber, die Geschichte der USA hat gezeigt, dass sie eine überlebensstarke Demokratie sind und dass es auch eine Gesellschaft ist, die immer wieder in der Lage ist, sich neu zu erfinden. Die USA haben international stets eine Rolle eingenommen, die dem entgegensteht, was Donald Trump die letzten vier Jahre gemacht hat. Ich denke nicht, dass sich das für immer geändert hat.