KolumneDie schwierige Mutation vom Auto- zum Softwarekonzern

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Wenn VW in der schönen neuen Autowelt der Elektromotoren und Digitalisierung überleben will, sieht Konzernchef Herbert Diess nur eine einzige Möglichkeit: Der Auto- muss sich in einen Software-Hersteller verwandeln. Und das möglichst sofort. VW investiert deshalb massiv, kauft kleinere und mittlere Digitalfirmen und arbeitet mit großem Druck daran, den amerikanischen Rivalen Tesla einzuholen. Software weiterhin einfach bei Zulieferern zuzukaufen, hält Diess für keine gute Idee: „Nur wenn wir das selbst machen, können wir künftig schnell genug sein“, verriet der VW-Chef am vergangenen Freitag der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Diess hat völlig recht. Und was für VW gilt, gilt im Prinzip genauso für die anderen deutschen Autohersteller. In den nächsten Jahren entscheiden ganz andere Dinge über ihre Wettbewerbsfähigkeit als bisher: Nicht mehr Achsen, sondern Apps; nicht mehr Antriebsstränge, sondern ausgefeilte Assistenzsysteme; nicht mehr die Vollgas-Ideologie, sondern die volle Vernetzung des Fahrzeugs. Im Detail unterscheiden sich die Software-Strategien der großen Hersteller vielleicht – aber das Ziel gleicht sich: Unterschiedliche Systeme (Diess spricht von 80 verschiedenen in einem Fahrzeug) optimal zu integrieren. Wie es geht, zeigt der amerikanische Elektrorivale Tesla. Wenn es um Software geht, ist der Rückstand aller deutschen Hersteller zu Tesla immer noch „ziemlich groß“ (Diess).

Software-Firmen arbeiten anders als VW und Co.

Doch die Aufholjagd trifft auf eine große Hürde, die man nicht unterschätzen sollte: die Unternehmenskultur. Software-Firmen arbeiten ganz anders als Auto-Konzerne. Die Spezialisten, die Code schreiben und Apps designen, unterscheiden sich vom typischen Ingenieur in der deutschen Autoindustrie ungefähr wie eine Gazelle vom Elefanten. In der Softwarebranche legt man wert auf flache Hierarchien, viel Freiheit im Arbeitsalltag, intrinsische Motivation. Die Autokonzerne arbeiten dagegen extrem hierarchisch, top-down geführt, streng diszipliniert. Gehaltstarife und Gewerkschaften, Betriebsräte und Berufsbilder, Arbeitszeitregeln und Angestelltenmentalität spielen bei VW, BMW und Daimler immer noch eine große Rolle. In den meisten Software-Schmieden dagegen so gut wie gar keine.

Ob die Integration von Nerds und leicht genialischen Algorithmus-Autisten in die normale Arbeitswelt der Autoindustrie gelingen wird, ist keineswegs ausgemacht. Weil Elon Musk sein Unternehmen ganz neu und ohne Rücksichten auf traditionelle Verhaltensmuster in der Auto-Branche auf der grünen Wiese hochziehen konnte, noch dazu mitten im Software-Wunderland Kalifornien, gehört das Digitale zur DNA von Tesla. VW, BMW und Daimler müssen die Bausteine der neuen Welt dagegen in ihre traditionelle Unternehmenskultur implantieren.

Daraus erklärt sich auch der große Widerspruch in den Brandreden von Diess: Der VW-Chef will seinen Konzern wachrütteln – und das geht in einem Autounternehmen nun einmal nur mit markigen Drohungen und Warnungen von ganz oben. Doch wenn man die Kultur eines Software-Herstellers schaffen möchte, redet man eigentlich anders. Diess und die Chefs von Daimler und BMW stammen selbst noch ganz aus der alten Welt, die sie überwinden wollen. Und deshalb sind sie auch nur Männer des Übergangs. In ein paar Jahren dürften wir ganz andere Managertypen an der Spitze sehen.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.