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Bernd Ziesemer Die Leerstellen des neuen VW-Chefs

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Oliver Blume will viel verändern im großen Volkswagen-Konzern. Einige entscheidende Fragen aber geht der neue Vorstandsvorsitzende nicht an

Eine neue Organisationskultur mit einer größeren Betonung von Teamwork, mehr Umsetzungsgeschwindigkeit und eine bessere Kommunikation im Konzern – der neue VW-Chef Oliver Blume will sehr vieles ändern. Eines aber sollte man von dem Diplomingenieur, der seit 28 Jahren in dem Konzern arbeitet, nicht erwarten: einen Bruch mit den jahrzehntelangen Praktiken schlechter Unternehmensführung. Seit langem vermischt man in dem Konzern die Verantwortungsbereiche der Vorstände bis ins Absurde, folgt allein den Vorgaben des Porsche-Piëch-Clans, missachtet grob die Interessen der freien Aktionäre und schert sich nicht um die Einhaltung von Werten, die für die Masse der deutschen Unternehmen selbstverständlich sind.

Wie steht es mit diesen Punkten bei dem neuen Mann? Blume will gleichzeitig als Chef des Gesamtkonzerns als auch von Porsche wirken. Schon unter normalen Bedingungen wäre das ein schwerer Verstoß gegen die Regeln einer guten Corporate Governance. Weil Porsche aber an die Börse gehen will, entsteht ein noch schlimmerer Interessenkonflikt. Wieder einmal verfolgt ein VW-Chef damit allein die Interessen der Hauptaktionäre und zeigt den übrigen Investoren mehr oder weniger deutlich den Stinkefinger. Blume wird, das darf man jetzt schon erwarten, weiterhin alles mit dem Porsche-Piëch-Clan und den Arbeitnehmervertretern an den offiziellen Gremien vorbei hinter den Kulissen ausbaldowern.

Und werteorientiertes Handeln? Öffentlich beschwört der neue VW-Chef viele hehre Grundsätze. In seinem ersten großen Interview nach dem offiziellen Amtsantritt am Donnerstag vergangener Woche sagte Blume dem Handelsblatt den großartigen Satz: „Der Mensch steht für mich immer im Mittelpunkt.“ Doch wie verhält sich der Konzern in der Praxis? VW gehört zu den ganz wenigen deutschen Konzernen, die eine Fabrik in der Zwangsarbeiterprovinz Xinjiang betreiben. Genauso wie sein Vorgänger Herbert Diess reagiert Blume jedoch achselzuckend auf die Berichte über die grausame Unterdrückung der Uiguren. An dem Werk will der neue Mann festhalten – auch wenn ausgerechnet am Tag seines Amtsantritts ein offizieller UN-Bericht erstmals fast alle Vorwürfe gegen die KP Chinas bestätigt und von „wahrscheinlichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ spricht.

Die große Abhängigkeit von China, das mittlerweile für 40 Prozent aller Gewinne im Konzern sorgt, tut Blume als völlig normal ab. Alle Diskussionen, die man in der deutschen Industrie über die Gefahren der immer aggressiveren chinesischen Politik führt, gehen offenbar an dem neuen VW-Chef vorbei. Im Handelsblatt lässt sich Blume mit folgendem Satz zitieren: „Wir haben in China eine lange Tradition und enge Partnerschaften. Über Jahrzehnte ist so ein großes Vertrauen entstanden.“ Der gleiche Satz fiel fast wortgleich unter den Befürwortern einer „Energiepartnerschaft“ mit Russland in den Konzernzentralen von BASF, Uniper oder Wintershall – bis zum Tag vor dem Überfall auf die Ukraine. Man sollte sich Blumes Worte daher unbedingt auf Wiedervorlage legen.

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

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