ReportageDie deutsche Cloud

Auch wenn es nach Kabelsalat aussieht: Am De-Cix, dem Frankfurter Netzknoten, hat alles seinen Platz. Verbindungsmodule („Switches“) werden in einem eigenen Labor getestet
Auch wenn es nach Kabelsalat aussieht: Am De-Cix, dem Frankfurter Netzknoten, hat alles seinen Platz. Verbindungsmodule („Switches“) werden in einem eigenen Labor getestet
© Katrin Binner

Wer in die Herzkammer des deutschen Internets vordringen will, muss zunächst ein streng bewachtes Tor in einem Frankfurter Industriegebiet passieren. An der Anmeldung registriert ein Sensor, ob der Fingerabdruck zu einer berechtigten Person passt. Auf dem nächsten Wegstück, das Kameras rund um die Uhr observieren, werden Besucher von einem Wachmann begleitet, der selbst im Hochsommer eine schwarze Kapuzenjacke trägt.

Es folgen eine Sicherheitsschleuse, die nur von der Zentrale aus geöffnet werden kann, und drei weitere Türen, die durch sterile Gänge führen. Am Ende wartet ein kleiner Raum, in dem sich Hunderte Glasfaserkabel ihren Weg von einer Buchse in die andere bahnen. Das Rauschen der Lüfter, die die Technik im Rechenzentrum kühlen, ist so laut, dass man sein eigenes Wort nicht versteht.

In einem kleinen Büro am Main sitzt die Zentrale der Betreiberfirma
In einem kleinen Büro am Main sitzt die Zentrale der Betreiberfirma
© Katrin Binner

Das ist De-Cix, der gemessen am Durchsatz bedeutendste Knoten im weltweiten Datennetz. Hier treffen die Systeme von Internetanbietern aus der ganzen Welt aufeinander. Ein neuralgischer Punkt, der durch Dutzende Sicherheitssysteme vor Eindringlingen geschützt ist. Doch so imposant und ausgeklügelt die Schutzmechanismen auch erscheinen: Selbst De-Cix ist vor Attacken offenbar nicht gefeit. Der US-Geheimdienst NSA, so heißt es, habe auch hier unbemerkt Daten abgesaugt.

Nun sind die Kunden beunruhigt, die Öffentlichkeit ist alarmiert, und Arnold Nipper hat ein Problem. Der Mitgründer und technische Leiter des De-Cix nennt sich selbst einen Pionier des Internets. Der 54-Jährige arbeitete einst in dem Team, das Ende der 80er-Jahre als Hochschulprojekt die erste Standleitung mit den USA aufbaute – den Ursprung des Internets. Nipper hatte bereits eine E-Mail-Adresse, als die meisten anderen Deutschen noch die Rückseiten von Briefmarken anleckten. Er würde jetzt gern über Vernetzung sprechen und die Expansion von De-Cix in andere Staaten. Doch alle fragen nur noch, ob die NSA bei ihm Daten gestohlen hat. Und Nipper, ein stämmiger Mann in türkisfarbenem Polohemd, antwortet stoisch: „Wir können sicherstellen, dass niemand unberechtigt Zugang zu unserer Infrastruktur hat.“

Weltgrößte Serverfarmen stehen in den USA

Wirklich? Wer dieses Versprechen glaubhaft einlösen kann, hat zurzeit beste Chancen im Datenbusiness. Vor allem, wenn es um die externe Speicherung von digitalen Informationen geht. Viele Unternehmen sind dazu übergegangen, ihre Terabyte-großen Datenbestände nicht mehr auf teuren firmeneigenen Servern abzulegen, sondern kostengünstig in der Cloud. Rund um den Globus sind gigantische Rechenzentren entstanden. Allein fünf der zehn weltgrößten Serverfarmen stehen in den USA.

Seit klar ist, in welch großem Stil Unternehmen wie Microsoft, Yahoo oder Google mit den amerikanischen Behörden kooperieren, achten die IT-Beauftragten deutscher Firmen peinlich genau darauf, dass Betriebsgeheimnisse gespeichert werden, wo kein Unbefugter Zugriff hat.

Zwar wertet die NSA mit dem Überwachungssystem Prism vorrangig Daten von Privatpersonen aus – angeblich mit dem Ziel, Terror und Kriminalität zu bekämpfen. Doch das Misstrauen ist groß, dass auch Unternehmensinformationen ausgespäht werden. Vor allem Mittelständler, die auf ihrem Gebiet Technologieführer sind, fürchten sich vor Industriespionage durch fremde Mächte. Und so schwappt plötzlich eine Welle des Datenpatriotismus über das Land.