GastbeitragDie Bundesliga braucht Reformen - aber die richtigen

Logo der Deutschen Fußball Ligaimago images / Jan Huebner

Jörn Quitzau
Jörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.de

Die Bundesliga atmet auf. Ab der zweiten Mai-Hälfte dürfen zumindest wieder sogenannte Geisterspiele stattfinden. Damit lassen sich die finanziellen Verluste der aktuellen Krise mildern, weil zumindest die Fernsehgelder für die restlichen Spiele der Saison noch fließen können. Der Corona-Schock sitzt dennoch so tief, dass sich die Branche auch Gedanken darüber macht, wie es nach der Krise weitergehen soll. Namhafte Vertreter des Fußballs sehen die Zeit für grundlegende Änderungen gekommen. Ein „Weiter so“ dürfe es nicht geben, der Fußball brauche wieder mehr Vernunft – so werden etwa Jupp Heynckes, Karl-Heinz Rummenigge oder Christian Seifert zitiert. Der DFL-Chef möchte eine Taskforce „Zukunft Profifußball“ einberufen – und stößt damit laut ersten Umfragen bei den Fans auf offene Ohren. Klar ist allerdings, dass im internationalisierten Fußball mindestens europäische Lösungen gefunden werden sollten.

Zwei Ziele kristallisieren sich heraus: mehr Bodenständigkeit und mehr finanzielle Sicherheit und Solidität. Der Fußball soll bei neuen Krisen in Zukunft über bessere finanzielle Polster verfügen. Das allgemeine Bedürfnis nach mehr Bodenständigkeit hat die Mehrzahl der Fans schon länger. Somit besteht jetzt eine gute Chance, das Fußballbusiness und die Fans zu versöhnen.

Mehr Bodenständigkeit ist leicht zu erreichen, indem der sportliche Aspekt wieder in den Mittelpunkt rückt. Braucht der Fan und brauchen die Spieler wirklich Wettbewerbe wie die „UEFA Nations League“? Auch die Gruppenphasen in den europäischen Wettbewerben ließen sich hinterfragen. Sie dienen letztlich nur der Planungssicherheit der großen Klubs und verschärfen die finanziellen Unterschiede innerhalb der nationalen Ligen. Doch schon bei diesem Aspekt dürfte es mit der Einigkeit vorbei sein.

Viele Funktionäre und Kommentatoren favorisieren ein anderes Instrument: Eine Obergrenze für Spielergehälter. Durch einen „Salary Cap“ ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die Spielergehälter bekämen zumindest etwas mehr Bodenhaftung, und die Klubs hätten die Chance, mehr finanzielle Polster anzulegen.

Finanzielles Wettrüsten

Gleichwohl sind Zweifel angebracht, dass die in der Vergangenheit schon oft diskutierten Gehaltsobergrenzen tatsächlich zum Ziel führen. Für den Ligasport gelten nämlich einige ökonomische Besonderheiten. Ligasport ist Positionswettbewerb: Jeder Klub möchte in der Tabelle so weit oben stehen wie möglich und muss demnach möglichst viele andere Klubs hinter sich lassen.

Es kommt zwangsläufig zum Verdrängungswettbewerb, denn nur eine Mannschaft kann Deutscher Meister werden. Es gibt auch nur eine begrenzte Zahl an Startplätzen für die Champions und Europa League und am Ende der Saison bleiben nur die 15 erstplatzierten Klubs sicher in der Liga. Dieser Verdrängungswettbewerb ist konstitutiv für den Ligasport, weil maximaler sportlicher Erfolg das Ziel eines jeden Sportwettkampfes ist.

Um andere Klubs in der Tabelle hinter sich zu lassen, müssen die Profiklubs in die Qualität ihres Spielerkaders investieren. Da alle Klubs diese Strategie gleichzeitig verfolgen, kommt es zum Investitionswettlauf. Verschärft wird der Wettlauf durch die Erlösstruktur: Je besser der Tabellenplatz, desto höher typischerweise die Erlöse des Klubs. Sportlich erfolgreiche Mannschaften sind interessanter für Sponsoren, und auch die TV-Erlöse steigen mit besseren Platzierungen. Im oberen Bereich der Tabelle kommt es durch die Qualifikation zur Europa League und insbesondere zur Champions League zu sprunghaften Erlöszuwächsen. Es gibt also eine innere Logik für finanzielles Wettrüsten: Je größer der sportliche Erfolg, desto höher die Erlöse – und je höher die Erlöse, desto wahrscheinlicher der sportliche Erfolg.

Natürlich spielen für den sportlichen Erfolg auch die Qualität des Klubmanagements oder ganz schlicht Zufälle eine Rolle. Aber der skizzierten sportökonomischen Grundlogik kann sich niemand völlig entziehen. Das Ergebnis ist ein finanzielles Wettrüsten, bei dem es nur ein Problem gibt: Auch wenn alle Bundesligisten gewaltig investieren, wird es trotzdem nur einen Deutschen Meister geben. Und auch die Zahl der Champions League-Plätze nimmt nicht zu. Allein das finanzielle Rad wird immer größer.

In der ökonomischen Literatur ist dieser Mechanismus als Rattenrennen bekannt. Bereits Ende der 1990er Jahre haben die Sportökonomen Egon Franck und Jens Christian Müller zu diesem Thema publiziert und im Ergebnis genau die Investitionswettläufe prognostiziert, die wir in den vergangenen Jahren erlebt haben. Egon Franck ist Mitglied des „Club Financial Control Body“ der UEFA, und Jens Christian Müller war unter anderem Geschäftsführer der DFL. Man darf also davon ausgehen, dass die Zusammenhänge um die potentiell ruinösen Investitionswettläufe im Fußballbusiness bekannt sind. Wenn jetzt intensiv darüber diskutiert wird, das Problem durch Gehaltsobergrenzen in den Griff zu bekommen, liegt es wohl daran, dass es bisher undenkbar schien, eine Umsatzmaschinerie wie der Fußball könne in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten geraten.